Kritiken

Akiba´s Trip 2: Undead and Undressed im Test

Seit frühen Teenager-Tagen war Japan für einen Videospiel-Enthuasisten wie mich, mit gigantösem Faible für japanische Software, ein gar gänzlich mysteriöser Ort, ein kaum begreifbares Wunderland in der weiten, weiten Ferne. Es könnte jedoch nicht der Wahrheit entsprechen, behauptete ich, dass mich ganz Japan interessieren würde. Nein. Als waschechter Otaku gab es da stets ein ganz bestimmtes, eng abgestecktes Örtchen, das mein Interesse erregte: Akihabara, die Electric Town innerhalb Tokyos. Ein Trip nach Japan nur dessentwegen jedoch wäre in den Augen der meisten Nicht-Freaks ein wenig schade. Umso besser, dass man sich den teuren Nerd-Urlaub jetzt sparen kann: Akiba´s Trip sei Dank!

screen_akibas-trip-undressed-and-undead_02Simulation aus dem Genre-Mixer
Akiba´s Trip für PlayStation Vita und PlayStation 3 in irgendein Genre-Korsett zu zwängen, gestaltet sich nicht so einfach. Es hat Brawler-Elemente, eine halb-offene Spielwelt, Visual Novel-Aspekte sind ebenfalls vorhanden, RPG-Attribute hat es auch und ein gewisser Date-Sim-Faktor darf sicher nicht außer Acht gelassen werden. Würfelt man aber alles zusammen, rührt es ordentlich durch den Mixer und verpackt alles in ein außergewöhnliches Setting, ergibt sich vor allem eines: Ein erschreckend glaubwürdiges Akihabara, das darauf wartet, vom Spieler erkundet und erlebt zu werden. Sumanai, ich meinte nicht Akihabara, sondern selbstverständlich Akiba. So kürzen es die Kenner ab!

Nachdem man den Helden des Spiels benannt hat, findet man sich in höchster Bredouille wieder. Irgendwelche unbekannten Typen haben ihn auf einen Tisch gefesselt und irgendetwas mit ihm angestellt. Der Chef der Organisation enthüllt die Übeltäter als Synthister, Menschen mit unnatürlichen Kräften und Reflexen, die jedoch bei allzu starkem Kontakt mit Sonnenlicht in Nichts verpuffen. Ein gewisser Vergleich zu Vampiren ist also nicht von der Hand zu weisen. In den interaktiven Dialogen stellt sich heraus, dass der Held das Kleingedruckte eines Vertrags nicht gelesen hat – was ihm doch egal war, schließlich wollte der Otaku-Held einfach nur die versprochenen Anime-Figuren! Zenya, der Bösewicht-Chef, bemüht sich in seiner Rede darum, den Protagonisten auf seine Seite zu ziehen, doch der hört nicht zu. Immer wieder wird aus den drei verfügbaren Antwortoptionen diejenige gewählt, in der er verdammt nochmal seine Figuren will. Irgendwann seufzt Zenya enttäuscht, entledigt sich des Helden und ein Game Over flimmert über den Bildschirm der Vita. Zwei Lebenswahrheiten offenbaren sich in diesem Moment: Nummer 1, die Antworten in den Dialogen von Akiba´s Trip nehmen direkten Einfluss aufs Spielgeschehen. Und Nummer 2, egal wie heiß Figuren von etwa Zero Suit Samus oder Tharja aus Fire Emblem auch sein mögen, auch als Ober-Otaku SOLLTE MAN MAL DIE FRESSE HALTEN! Es gibt auch Wichtigeres, das eigene Leben beispielsweise.

screen_akibas-trip-undressed-and-undead_04Schonungslos natürlich
Der obig zutage gelegte Ton in diesem Review sei entschuldigt, ist jedoch exemplarisch für die grandiose Präsentation des Spiels. So gut wie jeder Dialog, jede Info, jeder Meta-Text ist perfekt auf die Lebenswirklichkeit eines Otaku und Internet-Nerds abgestimmt. Schon der Infobildschirm vorm Laden des Spielstandes, der besagt, dass Raubkopieren böse ist, endet mit der Ansage, dass die Entwickler bei Ungehorsam jemanden auf den Spieler ansetzen werden. Ein Ingame-Äquivalent zu Twitter, genannt Pitter, eröffnet immer wieder neue Threads, in denen User über aktuelle Ereignisse diskutieren, die mit fortschreitendem Spielverlauf immer mehr mit dem Helden und seiner Hobby-Hilfsgruppe, den Akiba Freedom Fighters (die für gewöhnlich Ortsauskünfte an Touristen erteilen oder Müll-in-die-Gegend-Werfern die Leviten lesen), zu tun haben. Dabei sind die Fake-Postings derart natürlich verfasst, dass man glauben könnte, man würde im echten Internet in einem echten Diskussionsforum mitlesen. Vokabular, Rechtschreibung, Emoticons und ständige Versuche von Pwnen und Trollen erschaffen die perfekte Illusion.

Und schließlich sind da die Dialoge mit den diversen NPCS, die spätestens dann ihren lebensnahen, frischen Humor offenbaren, wenn der Hauptcharakter auf die Frage, wer das unbekannte Mädchen neben ihm sei, die Antwortmöglichkeit „Sie ist meine Freundin“ wählt und ein Kumpel nonchalant entgegnet „wir wissen alle, dass du eine V-Card noch hast, also, wer ist sie wirklich?“. Der leider nur auf Englisch vorhandene Text fängt die Atmosphäre einer sich selbst bewussten Anime-Serie ein wie selten ein Spiel. Dabei fällt auch weniger ins Gewicht, dass die eingangs beschriebene Geschichte um die vampir-ähnlichen Synthisters eher wenig episch erzählt wird – zu sehr freut man sich ganz einfach auf die nächsten Dialoge zwischen den hervorragend inszenierten Stereotypen.

Willkommen in Akiba!
Doch es gibt mehr als nur Dialoge. In einem Akiba, das in zahlreiche übersichtliche Gebiete mit Ladezeiten dazwischen unterteilt ist, darf der Spieler frei herumlaufen, mit dem rechten Analogstick die Kamera in vollem 3D bewegen und sogar auf Knopfdruck springen – was keinen unmittelbaren spielerischen Nutzen besitzt. Die Ladezeiten sowohl zu Spielbeginn als auch zwischen den einzelnen Zonen sind unschön lang, werden aber immerhin von sich abwechselnden Werbebildern begleitet. Echten Anzeigen aus Akiba, also Fotos, die einen tatsächlichen Eindruck der dortigen Örtlichkeiten wiedergeben. Dabei sei gesagt, dass Japanischkenntnisse in Akiba´s Trip von großem Vorteil sind. Nein, zum Spielen geht es auch nur mit Englisch, allerdings sind etwa die Werbeanzeigen nicht übersetzt worden, keine Untertitel vorhanden, weshalb man ohne Sprachkenntnisse bloße Bilder mit fremden Schriftzeichen bestaunen kann. Auch in Orientierung im virtuellen Stadtteil kommt es vor, dass man einen bestimmten Shop aufsuchen muss, dessen Schaufenster nur den Hiragana-/Katakana-Namen ziert. Da hilft es wenig, wenn die englische Übersetzung den Namen in Romaji, also westlichen Buchstaben, benennt. Einzige Abhilfe ist dann, sich dem Eingangsbereich jedes Shops zu nähern, wodurch der westliche Name am unteren Bildschirmrand angezeigt wird. Dadurch, dass die einzelnen Gebiete nicht übermäßig weitläufig sind, lässt sich mit ein wenig Sucherei also dennoch alles finden.

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Mehr Haut zeigen, um ans Ziel zu kommen
Im aktiven Teil des Gameplays wird mit allen Mitteln geboxt, geschlagen und getreten. Ohne Ladezeiten und inmitten der Stadt kämpft man dann hauptsächlich gegen feindliche Synthister. Ob allein oder mit einem selbstgewählten NPC-Mitstreiter darf außerhalb der Story-Missionen selbst entschieden werden. Unterstützung empfiehlt sich aufgrund des knackigen Schwierigkeitsgrad, sofern man sich nicht zu Spielbeginn für eine einfachere Stufe entschieden hat. Geradezu lächerlich viele Waffen und Ausrüstungsgegenstände können mit der Zeit gefunden werden – besiegte Gegner hinterlassen neues Loot-Material. Ob mit den Fäusten, Plastik-Baseballschlägern, Modellgewehren oder Arcade-Hauptplatinen, alles wird zur Waffe und verändert den Kampfstil des Helden. Um aber endlich zur Krux des Kampfsystems von Akiba´s Trip zu gelangen: Anders als in, nunja, ALLEN ANDEREN VIDEOSPIELEN, geht es nicht darum, den Gegner direkt zu erledigen, sondern ihn seiner Kleider zu entledigen. Jawoll, der Spieler soll seine Gegner nackig machen! Wie bekannt sein sollte, halten Synthisters kein Sonnenlicht aus, also müssen Oberteil, Hose/Rock und Kopfbedeckung weg. Das gelingt nur, wenn man die drei Körperpartien entsprechend genug attackiert hat. Ist der Oberteilbereich ausreichend geschwächt, kann man bspw. das Shirt des Gegners wegreißen. Jetzt fehlen noch Hose und möglicherweise Kopfhörer, Sonnenbrille oder sonstige Utensilien, die man sich auf den Kopf packen kann. Sind alle drei Körperpartien bloßgestellt, löst sich der Unterlegene im Sonnenlicht in Nichts auf. Das Spiel gibt sich in der Geschlechterfrequenz der Gegner sehr neutral, wenngleich das forcierte Entkleiden hübscher Anime-Girls doch irgendwie spaßiger war als das von Geschäftsmännern und anderen Nerds (Anm. d. Red.: Etwaige Beschwerden ob dieses Statements bitte direkt an den Autor dieses Reviews senden, danke. *seufz*). Neue Waffen und Kleidungsstücke verbessern die eigene Offensive und Defensive und können von der kleinen Ingame-Sister zu besseren Items fusioniert werden. Außerdem gibt es Special-Moves, Konter und Verteidigungsmöglichkeiten, die das Aktionsrepertoire erweitern. Eine Enzyklopädie bietet darüberhinaus Infos zu allen Items, Orten, Fylern und Personen, die man im Spielverlauf antrifft.

Akiba´s Trip ist ein Fest für (stark) japan-affine Videospiel-Fans. Die grafische Präsentation ist völlig ausreichend, die tolle, vielfältige JPOP-Musik stärkt das Feeling des berühmt-berüchtigten Akiba, und das Kampfsystem ist simpel, aber nicht zu simpel. Egal ob Story-Mission oder Sidequets, so wirklich spielt es nach dem gelungen Einstieg keine Rolle, womit man sich beschäftigt – nur, dass man es tut! Im virtuellen Akiba herumzurennen, Otaku-Atmosphäre in sich einzusaugen und ein modern präsentiertes, sich über sein Publikum bewusstes Spiel zu erkunden, reicht völlig. Die vielen Fußgänger-NPCs, die bei Anklicken lustige Einzeiler abgeben oder die Videos, die auf den Häuserwänden laufen und Werbung für Videospiele, Anime oder Idol-Gruppen machen, erhöhen den Mittendrin-Faktor nochmals. Wer einen Anime zum Selber-Spielen sucht und dabei hohe schöpferische Qualität nicht missen möchte, ist bestens darin beraten, Akiba´s Trip eine Chance zu geben. Und wer es nicht tut, hat selbst Schuld *uguu*

V
Wenig lässt das Herz von Redakteur Max höher schlagen, als opulente, ausladende 3D-Welten mit hohem Interaktionsgrad, damit er sich so richtig in andere Welten versetzt fühlt. Konträr dazu zeigt sich sein aufgeschlossenes Gemüt, wenn er sich verrückten Japano-Titeln widmet, in denen die Grenzen zwischen Katzen und Mädchen schon mal verschwimmen.