Kritiken

Bayonetta im Test

Wenn man sich Bayonetta anschaut, fällt einem sofort auf, dass Hideki Kamiya hinter dem Actiontitel steckt – zumindest wenn man Devil May Cry kennt. Bereits auf der gamescom 2009 haben wir euch eine umfangreiche Vorschau geschrieben, da wir eine spielbare Demo ausgiebig antesten konnten. Eines vorneweg: Falls ihr die Möglichkeit habt zwischen der PlayStation 3-, Xbox 360- und Wii U-Version zu wählen, dann wählt letztere Version. Die Xbox 360-Version von Bayonetta war die Lead-Version und wurde anschließend als Port auf die PlayStation 3 und danach nochmal verbessert auf Wii U gebracht. Bayonetta ist eines der Spiele, bei denen sich die Versionen wirklich sichtbar unterscheiden und sich ein Kauf der besseren Version aufgrund der signifikanten Unterschiede lohnt. Inzwischen lässt sich die PS3-Version dank einem Patch ebenfalls auf der Festplatte installieren, sodass die beiden Versionen wenigstens in Bezug auf die Ladezeiten keine Unterschiede mehr aufweisen. Das Tearing wurde dabei auch reduziert, doch die 360-Version sieht dennoch viel detaillierter aus, die Wii U-Version sogar noch einen Ticken hübscher.

Es war einmal…
Bayonetta spielt in einer fiktiven Stadt namens Vigrid in Europa. Bayonetta – die gleichnamige Protagonistin – ist vor circa 20 Jahre aus einem halben Jahrtausend andauernden Schlaf erwacht. Sie verlor ihre gesamten Erinnerungen bis auf eine Ausnahme. Sie weiß, dass sie eine Hexe ist, die auf der Jagd nach Engeln ist. In den zwanzig Jahren zwischen Erwachen und der Handlung vom Spiel Bayonetta kehrt Routine bei der Engeljagd ein, bis sie plötzlich eine andere Hexe namens Jeanne trifft. Die Erinnerungen kommen Stück für Stück zurück ins Bewusstsein von Bayonetta. Durch ihre Visionen erinnert sie sich, dass sie auf der Jagd nach den „Augen der Welt“ war. Dabei handelt es sich um zwei magische Edelsteine voller Macht. Nicht nur um des Zweckes Willen begibt sich Bayonetta wieder auf die Suche nach den Edelsteinen. Sie hofft auf der Suche ihre Vergangenheit wieder vor die Augen geführt zu bekommen. Ganz alleine ist die sexy Hexe allerdings nicht…

Mit dieser Dame ist nicht zu spaßen!

Das Actionspiel ist sehr komplex, weshalb ich nun noch etwas über die Spielwelt in Bayonetta schreiben werde, denn ohne Kenntnisse über die Grundlagen ergibt einiges keinen Sinn. Es lässt sich zunächst einmal festhalten, dass es insgesamt drei Dimensionen gibt: Inferno, Paradiso und die normale, „menschliche“ Welt. Dieses Triforce wird durch eine weitere Dimension verbunden, welche nur von magischen Wesen – wie Bayonetta und Jeanne – betreten werden kann. Purgatorio nennt sich diese Scheinwelt, welche übrigens auch Einflüsse auf die anderen drei Dimensionen hat. In dieser Welt gibt es schon etliche Jahre einen Kampf um das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse.

Ihr steht mit Bayonetta auf der dunklen Seite der Umbra-Hexen, während eure Gegner das Pendant darstellen. Sie nennen sich die Lumen-Weisen. Vor 500 Jahren jedoch gab es einen Vorfall. Es wurde ein Krieg zwischen den Clans entfacht, welcher die Lumen-Weisen von der Bildfläche verschwinden ließ. Im Anschluss daran gab es eine Hexenverfolgung der Bewohner Paradisos. Sie löschte die Clans der Umbra-Hexen ebenfalls aus – bis auf wenige Ausnahmen…

Arsenal der Hölle
Bayonetta spielt sich – wie von vielen wahrscheinlich erwartet – ähnlich wie Devil May Cry. Bayonetta legt im Bereich der Spielmechanik allerdings eine Schippe drauf. Bayonetta besitzt ein atemberaubendes Arsenal und das Gute daran ist, dass ihr auch alle Möglichkeiten ausschöpfen müsst. Gefühlt gibt es eine Anzahl an Standardangriffen im dreistelligen Bereich, weswegen ihr lange – sehr lange – benötigen werdet, bis ihr einen groben Überblick über die gesamten Fähigkeiten von Bayonetta bekommt. Zu Beginn des Abenteuers wirkt das Spiel nicht nur deswegen sehr abstrakt. Die skurrile Umwelt erschafft eine ungewohnte Atmosphäre, an die man sich als Neuling erst einmal gewöhnen muss. Doch dazu später mehr. Grundlegend verbindet Bayonetta das Kämpfen von Schuss- mit Nahkampfwaffen. Bis zu vier Schusswaffen könnt ihr an die extremen Gliedmaßen der sexy Hexe anbringen. Die Frage nach der Ausführung der komplexen Angriffe ist hier berechtigt, doch mit nur einem Knopfdruck und dem Halten der Taste könnt ihr eine 360-Grad Schussattacke von Händen und Füßen auslösen, die Bayonetta mit einem Schirm von Kugelregen beschützt. Das sieht schon sehr cool aus, doch das ist noch lange nicht alles.

Die Feinde besitzen allesamt einen biblisch-mythologisch angehauchten Touch!

Mit Hilfe einer aufgefüllten Magieanzeige könnt ihr verschiedene Spezialangriffe ausführen. Diese nennen sich Folterangriffe, welche per Aufladung sukzessive mehr Schaden anrichten können. Gemessen wird die Kraft der Angriffe in „Megatons“. Eine passende Umschreibung der fiktiven Maßeinheit, denn die Attacken haben es ganz schön in sich. Als Finishing-Moves kann Bayonetta den Spieler in Staunen versetzen lassen. Sie ist schließlich eine Hexe und kann machen was sie will. So lautet das Prinzip und daran hält sich Bayonetta auch. Sie führt Attacken aus, die ihr euch nicht einmal vorstellen könnt. Zum Beispiel zaubert sie aus ihren Haaren einen riesigen Drachen, der große Gegner auffressen kann. Ein zentrales Feature ist jedoch die sogenannte Hexenzeit. Wenn es euch gelingt kurz vor einer gegnerischen Attacke auszuweichen, dann aktiviert ihr die Hexenzeit. Ähnlich wie im Film Wanted oder Matrix befindet ihr euch nun in einer Slow-Motion Dimension, die euch einen zeitlichen Vorteil verschafft. Ohne dieses Feature werdet ihr nicht weit kommen. Das ist sogar ganz gut, da ihr durch die Anwendung dazu gezwungen werdet, das originelle Kampfsystem komplett auszureizen. Neben dem eigenen Arsenal kann Bayonetta auch Waffen von Gegnern aufnehmen. Äxte und Schwerter zum Beispiel. Bayonetta nutzt die Eigenschaften der eingesammelten Waffen optimal und interpretiert die Anwendung auf ihre eigene Weise. So stampft sie gerne mal einen Speer in den Boden und dreht sich mit ihrem Körper um die Stange, um ein visuell ansehnliches Windspektakel zu erschaffen. Für Abwechslung wird in Bayonetta auf jeden Fall gesorgt. Falls euch mal langweilig werden sollte, könnt ihr euch bei einem Bekannten namens Rodin neue Waffen abholen. Für gesammelte Gegenstände erhaltet ihr seltene Waffen direkt aus der Hölle. Im späteren Spielverlauf lernt ihr weitere Fähigkeiten wie das Gehen an Wänden sowie die Transformation in verschiedene Tierarten, um sich die speziellen Fähigkeiten der Individuen kurzzeitig anzueignen.

Item-Vielfalt in RPG-Ausmaß
Man vermag es nicht zu glauben, doch in dem vermeintlich reinen Actiontitel stecken tatsächlich einige Rollenspiel-Elemente. Es gibt klassische Items zur Regeneration von Kraftpunkten, Wiederbelebungsmittel und jene für Statusboni. Während ihr in klassischen RPGs eure Zutaten kochen könnt, braut Bayonetta sinngerecht ihre „Mahlzeiten“. Das Prinzip dabei ist Folgendes: Ihr sammelt rohe Materialien ein und braut sie im Menü mit Rezeptvorlage in einem Topf. Daraus entstehen sinnvolle Items, die ihr auch teuer im Laden erstehen könntet. Bezahlt wird hier in einer Maßeinheit, die Sonic-Fans bekannt sein dürfte: Goldene Ringe. Sicherlich ein bewusstes Gimmick aus dem Hause Sega, denn wenn ihr eure Gegner verprügelt, verlieren sie die goldenen „Heiligenscheine“, welche ihr wie von magischer Hand in der Nähe automatisch aufsaugen könnt. Durch das Aufsaugen von durchaus weiter Entfernung wird das schnelle Gameplay erhalten. Eine mechanisch gute Lösung, die auch im weiteren Spielverlauf kaum stört.

Besonders geübte Spieler sammeln durch das Aufstellen von Combos noch mehr Punkte in den einzelnen Kapiteln.

Delirium „Hexenjagd“
Grundlegend lässt sich festhalten, dass Bayonetta strikt linear gestaltet wurde. Die Handlung wurde in einzelne Kapitel untergliedert, in denen ihr einem fest vorgelegten Weg folgen müsst. Es gibt zwar weitläufigere Gebiete, doch letztendlich könnt ihr euch nicht verlaufen. Lediglich zur Suche von Items lohnt sich ein Blick in abgelegene Winkel. Auch hier hat sich PlatinumGames etwas von der Konkurrenz abgeschaut. Ihr sammelt in Bayonetta Äquivalente zu den Herzteilen aus The Legend of Zelda, die eure Energieanzeige wachsen lassen. Die erhöhte Anzahl an Kraftpunkten ist auf höheren Schwierigkeitsgraden essentiell zur Bewältigung von Bossgegnern, während die verzwickte Suche nach den Herzchen auf niedrigeren Schwierigkeitsgraden eher als Gimmick erachtet werden kann. Die Suche nach solch wertvollen Items kann oft sehr nervig werden und das nicht nur, weil sie wirklich gut versteckt sind. Die Kapitel sind nämlich in einzelne Abschnitte – sogenannte Verse – untergliedert, welche das Zurückgehen oft unmöglich machen. Das ist sehr schade, da man dadurch als Spieler sehr eingeschränkt wird und sich ständig wie in einer kleinen Kiste gefangen fühlt. Der Aktionsraum ist somit stark eingegrenzt und ihr befindet euch nüchtern betrachtet immer in einem kleinen Teilgebiet und springt vom einen Gebiet in das Nächste. Durch die abwechselnde Umgebungsgestaltung wird wenigstens der Monotonie Einhalt geboten, doch wer auf Freiheit in einem Videospiel steht, wird an Bayonetta keine Freude haben. Am Ende eines Kapitels wartet ein extrem cooler Bosskampf auf euch. Diese Kämpfe sind cinematisch inszeniert und ein echtes Highlight. Alleine dafür lohnt es sich ein Kapitel schnell zu absolvieren.

Technische Hexerei
Bei Bayonetta gibt es wahrhaftig wenig zu Bemängeln – zumindest wenn man von der Xbox 360- oder Wii U-Version spricht. Selbst ohne Festplatteninstallation läuft das Spiel flüssig mit weichen Bewegungen. Auf dem Bildschirm kann passieren was will – und glaubt mir – es passiert wirklich sehr viel. Die Framerate bleibt konstant hoch und das trotz den wahnsinnig schnellen Bewegungsabläufen. Selbst die wahnsinnig gut aussehenden Effekte können die Framerate nicht runterziehen. Wenn ihr Bayonetta installiert, habt ihr lediglich kürzere Ladezeiten. Das bietet sich bei Möglichkeit allerdings an, denn es gibt sehr oft Ladebildschirme. Grafisch sieht das Spiel einfach toll aus. Die Weitsicht ist genial, die Umwelt sieht wunderschön aus und das Charakterdesign ist durch und durch gelungen.

In der Wii U-Fassung darf Bayonetta in zusätzliche Nintendo-Kostüme schlüpfen.

Nur beim PS3-Port wurde ziemlich geschlampt. Woran das genau liegt, lässt sich als Außenstehender schlecht beurteilen, doch es lässt sich festhalten, dass der Port schlichtweg miserabel ist. Die auf der 360- und Wii U-Version so klare Grafikdarstellung verwandelt sich in einen unklaren Polygonhaufen mit gesenkter Detailstufe. Wen das nicht stört, der wird sicherlich trotzdem viel Spaß an dem Titel haben. Das Spiel bietet fünf verschiedene Schwierigkeitsgrade. Der leichteste Modus lässt sogar das Spielen mit nur einer Hand zu. Die schweren Modi sind für Core-Spieler genau das Richtige und so bietet das Spiel jedem Spielertyp das passende Gameplay. Der einzige Kritikpunkt, der einem bei Bayonetta ins Auge sticht, ist der geringe Spielumfang. Dieser beträgt zwischen 10 und 20 Stunden. Der Bereich ist mit Absicht so weitläufig gewählt, da sich Bayonetta wirklich sehr schnell oder auch sehr intensiv spielen lassen kann. Man könnte noch den extrem linearen Spielablauf kritisieren, doch genau das macht die geniale Spieldynamik aus. Das schnelle Gameplay macht Bayonetta zu einem echten Actiontitel, der dem Genre-Namen gerecht wird.

Bayonetta wird der weltweit positiven Kritik von Fans und Medien eindeutig gerecht. Es bietet eine großartige Spieldynamik mit schnellem Gameplay, actionreichen Kämpfen und einer Waffenvielfalt, die neue Maßstäbe setzt. Die fünf verschiedenen Schwierigkeitsgrade lassen jeden Spielertyp Spaß an dem Actionspektakel haben. Der Spielumfang ist mit 10 – 20 Stunden zwar recht gering, doch dafür hat es jede Spielminute in sich. Einzig die Einarbeitung macht zu Beginn Schwierigkeiten. Man wird regelrecht mit Informationen bombardiert, doch zum Glück lassen sich die Features alle recht schnell einprägen. Für unsere Leser, die sich nur das Fazit zu Gemüte führen, sei die signifikante Überlegenheit der Wii U-Version gegenüber der 360- aber vor allem gegenüber der PS3-Version noch einmal erwähnt. Erstere enthält überdies auch noch kleinere Nintendo-exklusive Boni, sodass sich Bayonetta beispielsweie im Peach- oder Samus-Outfit spielen lässt. Wer die Wahl hat, sollte definitiv zur Wii U- oder 360-Variante von Bayonetta greifen.

Testversion: Wii U

F
Als inzwischen [irgendwie] alter Hase auf Gaming-Universe ist Dominic berühmt-berüchtigt für seine japanische Rollenspiel-Zuneigung. Doch auch Rennspiele und Action-Adventures sowie Spiele mit intensiver Erfahrung fesseln ihn immer wieder, weshalb er schon seit einiger Zeit zu einem waschechten Multikonsolero mutierte, der alles (aber nur, was ihm gefällt!) wie ein wählerischer Schwamm aufsaugt und den Rest brav ignoriert.