Das Problem der fehlenden Vernunft virtueller Moral – Einführung

In den USA verklagte kürzlich ein Ehepaar Pokémon GO-Entwickler Niantic, weil übereifrige Spieler Landfriedensbruch begingen und durch Fenster starrten, um die populären Monster zu fangen. Beim Thema bleibend, verlangt die französische Erziehungsministerin nun, dass sich Pokémon nicht auf dem Schulgelände aufhalten dürfen sollten. Jahrelang war der Begriff „Killerspiele“ aus den Medien verschwunden. Kaum ist der Amoklauf in München vergangen, stürzen sich Politiker und Journalisten der allgemeinen Presse wieder darauf. Gestern enthüllt Entwickler Team Ninja den kostenlosen Virtual Reality-Modus des Spiels „Dead or Alive Xtreme 3“ und in diversen Gaming-Communitys wird die Empörung über virtuelle Sexverbrechen laut. All diese Fälle haben eines gemeinsam: Sie deuten von der fehlenden Vernunft im Umgang mit virtuellen Inhalten und der ihr folgenden Verzerrung und Vermischung von Realität und Virtualität, wenn es um Moral und Legalität geht. Diejenigen unter uns Spielern, die mit weniger verständnisvollen Eltern aufgewachsen sind, werden sich wahrscheinlich an Plattitüden der Marke „Spiel und Realität nicht verwechseln!“ erinnern. Nur allzu oft musste man sich derlei Hinweise anhören, denn es dürfe ja niemals dazu kommen, dass sich der Sohn/die Tochter dauerhaft in den virtuellen Welten verliert. Und siehe da, es ist nicht passiert. Wir, die wir seit über 15 Jahren Videospiele konsumieren, tun das mal mehr, mal weniger nüchtern. Doch wir haben keine Schwierigkeiten damit, wirklich bedeutsame, reale Vorkommnisse von fiktionalen Erlebnissen zu trennen. Im Zuge enthusiastischer Diskussionen erscheint das demjenigen, der sich außerhalb des Milieus befindet, mitunter nicht sofort erschließbar. An der Tatsache ändert dies jedoch nichts und wird auch zuvor genanntem nach kurzer, aber ehrlicher Recherche offenkundig werden. Ob wir Videospiele spielen, weil wir eine Geschichte erleben möchten, uns im Wettstreit mit anderen messen wollen, oder uns doch für ein paar Stunden in einer anderen Wirklichkeit verlieren zu ersuchen – Spiel bleibt Spiel, bleibt Beschäftigung – bleibt das, was wir daraus machen. Umso erstaunlicher und schockierender, dass gerade diejenigen, die uns damals vorm Verlust der Realität warnten, nunmehr selbst damit zu kämpfen haben – und dabei nur zu oft den Kürzeren ziehen. Man könnte das mit einem gewissen Genuss als Ironie bezeichnen; dann aber ignoriert man eine große Gefahr: Diejenigen, die aktuell Probleme mit der Virtualität von Videospielen haben, sind zugleich diejenigen, die Einfluss auf unsere überaus reale Realität ausüben. Wenn ein paar wenige aus Millionen von Gamern tatsächlich dem virtuellen Reiz erliegen (aus Gründen, die nichts inhärent mit Videospielen zu tun haben), resultiert das in einigen gescheiterten Existenzen, zumindest gemessen an den kontemporären gesellschaftlichen Vorstellungen von Erfolg. Wenn hingegen Politiker und Journalisten weit verbreiteter Massenmedien vergessen, zwischen Realität und Virtualität zu differenzieren, hat dies Folgen für unser aller Realität. Und ehe man sich versieht, entscheiden angesehene Volksvertreter über Themen, von denen sie keine eingehenden Kenntnisse besitzen, und/oder geben populären Moralvorstellungen nach. Sinnhaftigkeit und Tragweite für diejenigen, die sich regelmäßig mit diesen Themen befassen, werden unerheblich. Es zählen allein Aktionismus, Auflagen, Quote und Populismus. Ursprünglich war es mein Anliegen, einen einzigen Artikel zu diesem Thema zu veröffentlichen. Was ein spontaner Ausdruck meiner mir zu diesem Themenbereich sehr am Herzen liegenden Meinung werden sollte, wurde sehr schnell zur einstündigen Recherche im Netz. Als ich schließlich kurz vor Ende der zweiten Stunde noch immer am Hinzufügen weiterer, neuer Elemente war, über die ich sprechen muss, dabei aber Schwierigkeiten hatte, alles unter einen Hut zu bringen, beschloss ich das Einzige, das in einem solchen Fall Sinn hat: Ich werde im Rahmen mehrerer Teile über das Konfliktthema Virtualität und reale Moral schreiben, damit jeder Aspekt klar herausgestellt werden kann. Dabei werden sich bestimmte Argumente über einen Teil hinaus wiederholen, was nur natürlich ist, da es letztlich doch eine zusammenhängende Erörterung ist. Einem festen Veröffentlichungszyklus unterwerfe ich mich explizit nicht, um nicht durch den Druck einer Deadline einen Text herunter zu rasseln, der eine wichtige Aussage verwässert und unmotiviert an den Leser weitergereicht wird. Ein wöchentlicher Turnus ist dennoch angestrebt. Max meint: Ziel dieser Artikelreihe ist es nicht, diejenigen bloß zu stellen, denen gewisse Inhalte aus Videospielen (aber auch Filmen, Büchern, usw.) missfallen. Jeder besitzt eine der eigenen Erfahrungen geschuldete Meinung zu dem, was er sieht. Diese Meinungsfreiheit endet allerdings dort, wo sie etwas kaputt zu machen versucht, das andere wertschätzen. Das jedenfalls ist -und damit hätten wir den ganzen Kreis vollzogen- meine Meinung. Worum es mir geht, ist das Aufzeigen von unlogischen Doppelstandards und irrationalen Moralanschauungen, sowie letztlich die Hinführung zu mehr Toleranz gegenüber dem, was einem selbst nicht gefällt. Auch dann, wenn es auf den ersten Blick doch so eindeutig falsch und verachtenswert erscheint.