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Die Tintenklecks-Uni

Im Mai 2015 veröffentlichte Nintendo Splatoon und löste eine Welle der Begeisterung aus. Unser preisgekröntes Forenmitglied Christopher Dillo, auch als Previous (ehemals Lord der Finsternis) bekannt, ließ es sich nicht nehmen, sein Spielerlebnis als fiktive Erzählung festzuhalten. Stolz präsentieren wir hier bei Gaming-Universe exklusiv das neueste Meisterwerk unseres Lieblingsautors. Begleitet uns auf eine wundersame Reise durch den Alltag an der Tintenklecks-Universität, einer Elite-Bildungseinrichtung für Tintenfische!

Kapitelübersicht (Kopiert den Kapitel-Titel, und gebt ihn über „Strg + F“ in die Seitensuche eures Browsers ein, um zu dem Kapitel eurer Wahl zu springen)
[1]: Ein ganz normales Kind
[2]: Revierkampf in Inkopolis!
[3]: Wer die Wahl hat…
[4]: Tentakel-Spektakel
[5]: Bombige Welse
[6]: Übung macht den Meister
[7]: Wissenswertes über Welse
[8]: Quallenwürfel
[9]: Qualifizierung für den Rangkampf
[10]: Party like it´s 199SQUID
[11]: Hard Rock Quallelujah
[12]: Krieg der Arme
[13]: Neuerscheinungs-Hype
[14]: Tornados in der Kuppel
[15]: Pigmente im Bürstenpark
[16]: Wie ein Fisch im Wasser?
[17]: Ein Besuch beim Zahnarzt
[18]: Wasabi (Teil 1)
[19]: Wasabi (Teil 2)

Kapitel 1: Ein ganz normales Kind
Ich dachte immer, ich sei ein ganz normales Kind. Ich hatte normale Eltern, ging in einen normalen Kindergarten und in eine normale Schule. Niemals hätte ich mir erträumt, mich so zu irren!

An meinem elften Geburtstag erhielt ich einen Brief. Es war kein gewöhnlicher Brief, ganz und gar nicht! Das erkannte man bereits am Umschlag. Er war über und über bedeckt von bunten Tintenklecksen! Ich dachte erst, das müsste Werbung für einen Zirkus sein. Weit verfehlt! Nein, dieser Brief war eine Offenbarung. Wie sich herausstellte, bin ich nämlich gar kein normales Kind. Nein. Ich bin ein Tintenfisch!

Vielleicht ahnt ihr es bereits: Der Brief war eine Einladung der internationalen Tintenklecks-Universität! Dabei handelt es sich um eine Elite-Schule für spezielle Kinder – Verzeihung, Tintenfische! – wie mich. Dort würde man mir alles beibringen, was ich für mein neues Leben als Tintenfisch brauchen könnte. Sie wollten nicht einmal Studiengebühren, nein, sie stellten sogar kostenfrei ein Zimmer bereit! Das klingt vielleicht verdächtig, aber mit elf Jahren hinterfragt man sowas nicht. Da sich so eine Gelegenheit wohl nur einmal im Leben bietet, konnte ich nicht widerstehen. Ich brach sofort auf.

Kaum war ich angekommen, gab es auch schon Probleme mit der Bürokratie. Zwar hatte man schon eine Studentendatei angelegt, allerdings hatte man diese auch gleich verlegt. Also mussten erst nochmal alle persönlichen Daten erhoben werden: Geschlecht, Haut- sowie Augenfarbe. Bevor ich mich fragen konnte, ob die Wertlegung auf diese Informationen nicht äußerst fragwürdig sei, wurde ich schon weiter bugsiert.

Nachdem man mich auf einen Trainingsplatz führte, wurde mir eine Wasserpistole in die Hand gedrückt. Mit Wasser war sie aber nicht gefüllt. Vergesst nicht, ich bin nun ein Tintenfisch an einer Eliteschule für Tintenfische! Dementsprechend war die Pistole selbstverständlich mit bunter Tinte gefüllt. Auf dem Trainingsplatz waren einige Luftballons verteilt, die ich mit der Pistole abschießen sollte. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen! Zielsicher wie ich bin, schaffte ich es nach einigen Versuchen auch, einen Ballon zu treffen. Im Siegesrausch schoss ich weiter, eine Tintensalve nach der anderen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie verblüfft ich war, als der Ballon plötzlich explodierte! Das war keine normale Wasserpistole… diese Tintenknarre hatte Wumms!

Ich zerschoss also munter weitere Luftballons und verteilte Tinte überall auf dem Boden und an den Wänden. Es war ein herrlicher Spaß! Wenn jeder Tag an dieser neuen Universität so ablaufen würde, wollte ich nie wieder weg von hier. Es fühlte sich gar nicht wie Training an. Der Höhepunkt sollte aber erst noch kommen. Nach einiger Zeit wurden meine kurzen Beine vom ganzen Herumgetolle müde, sodass ich stolperte. Ich befürchtete schon, richtig hart mit dem Gesicht auf dem tintenverklecksten Boden aufzukommen. Doch ihr würdet es nicht glauben! Kurz bevor ich aufschlug… nun, ich sagte es ja bereits: Ich bin ein Tintenfisch! Aber hier, in diesem Moment auf dem Trainingsplatz, wurde mir zum Ersten mal bewusst, was das wirklich bedeutete. Eben war ich noch ein Kind, das glaubte, ein Tintenfisch zu sein. Im nächsten Moment war ich wahrlich, ganz und vollkommen ein Tintenfisch.

Glaubt mir, wenn ich euch sage, dass so etwas das Leben auf den Kopf stellt und für immer verändert! Ich war ein Kind, ich war ein Tintenfisch. Kind, Tintenfisch. Kind. Tintenfisch. Hin und her, her und hin! Wo mein menschlicher Körper an seine Grenzen stieß, verschaffte die Tintenfischgestalt mir Freiheit. Als Tintenfisch kann ich in Tintenkleckse eintauchen und darin schwimmen. So komme ich sogar Wände hoch und durch Gitter hindurch! Trotz all dieser neuen Talente und meiner Neugier, sie zu entdecken und zu meistern, war ich bald sehr erschöpft von meinem ersten Training. Ich verkroch mich also in mein Zimmer und träumte von meinem neuen Leben als Tintenfisch. Das Trainingslager würde ich mir am nächsten Tag anzZzZz…

Kapitel 2: Revierkampf in Inkopolis!
Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem mächtigen Muskelkater. Wenn ich es aber jemals zu etwas bringen wollte, durfte ich nicht gleich aufgeben. Keine Schwäche zeigen! Ich nahm all meine Kraft zusammen und schleppte mich aus dem Bett… um nur wenige Schritte weiter auf das Sofa zu fallen und mich dem Fernseher hinzugeben. Nachrichten. Nun, es ist schließlich auch wichtig, informiert zu sein, nicht wahr? Ja, im Finden von Ausreden war ich schon immer spitze! Das Fernsehen präsentierte zwei Kampfarenen: Die Dekabahnstation sowie die Bohrinsel Nautilus. Schon hatte ich etwas gelernt! Nachdem sich das Fernsehen so gelohnt hatte, musste ich einfach weiter sitzen bleiben. Als sie dann aber von irgendwelchen Fischen, Batterien und Flugzeug-Abstürzen quasselten, wurde es mir doch zu viel. Es gab ja noch so viel zu tun! Auf geht’s!

Die Tintenklecks-Universität liegt weit abgeschieden von der Zivilisation der Menschen. Wir Tintenfische sind lieber unter uns. Vielleicht ist das der Grund, weshalb der Campus der Uni wie ein kleines Stadtzentrum aufgebaut wurde. Wir sprechen auch nicht vom „Campus“, sondern von „Inkopolis“, um eine normale Umgebung zu suggerieren. Es gibt sogar Zebrastreifen, die über unbefahrene Straßen führen, um diese Illusion zu verstärken. Nun, eines hat Inkopolis ganz sicher mit echten Stadtzentren gemein: Überall sind Leute! Man kann kaum einen Meter gehen, ohne einen anderen Tintenfisch zu treffen.

Obwohl ich eigentlich eher schüchtern bin, kam ich nicht umher, einen der vielen Studenten anzusprechen. Ich wusste schließlich nicht, wo ich hin musste! Kaum machte ich den Mund auf, fing der Tintenfisch aber sofort an, zu erzählen, was er für tolle Waffen und Kleidung besäße. Danach hatte ich doch gar nicht gefragt. Was für ein aufgeblasener Angeber! Es dauerte daher eine Weile, bis ich wusste, wo es lang geht. Wenigstens hatte ich gelernt, dass mein Outfit absolut unter aller Kanone war. Neue Kleider mussten jedoch warten, das harte Leben eines Tintenfisches in spe rief!

Mein Ziel war der Tintenturm. Man könnte meinen, die Universität wäre in Paris, denn dieses Gebäude sieht aus wie der Eiffelturm in Gelb! Wortwörtlich. Ich betrat zögerlich die Lobby unterhalb des Turmes, um meinen ersten richtigen Unterricht zu besuchen. Der Vortag war nur eine Aufwärmübung im Vergleich zu dem, das mich erwartete.

Man teilte mich in eine Gruppe aus acht Studenten ein. Ich kannte noch niemanden, doch einige von ihnen sahen aus, als wären sie schon wesentlich länger hier und auch viel erfahrener. War ich zuvor noch von meiner Tintenknarre begeistert, machte sich beim Anblick der Waffen der anderen Tintenfische deutliche Ernüchterung bei mir breit. Ich muss zugeben, mir wurde richtig mulmig. Gleich würde es losgehen. Wie sollte ich es nur mit all denen aufnehmen? Zu meiner Erleichterung wurden wir aber in zwei Teams aufgeteilt. Statt „ein kleiner Tintenfisch gegen sieben“ galt also „vier gegen vier“. Die Chancen standen doch gar nicht so schlecht!

Wir wurden zur Bohrinsel Nautilus geschickt. Zum Glück hatte ich zuvor die Nachrichten gesehen und konnte mit meinem neu gelernten Wissen gleich angeben! Zu meinem Unglück schienen die anderen drei aus meinem Team aber schon mal dort gewesen zu sein. Vielleicht sollte ich doch lieber meine große Klappe halten.

Unsere Aufgabe war es, möglichst viel Farbe zu verteilen. „Revierkampf“ nannte sich das. Mein Team bekam grüne Tinte, während unsere Gegner mit grellem Pink bewaffnet wurden. Wie am Tag zuvor begann ich sofort, wie wild um mich zu schießen und möglichst viel Tinte zu verteilen. Mit einem Hops wurde ich zum Tintenfisch und preschte in meinen grünen Tintenklecksen voraus, um unbefleckte Flächen zu erreichen. Alles lief richtig gut – bis ich von einer riesigen, pinken Schockwelle erwischt wurde. Ich stolperte rückwärts in eine Pfütze pinker Tinte. Schockiert rappelte ich mich auf: Die Tinte tat weh! Sie brannte auf der Haut! Mir wurde klar, wie ernst es an dieser Uni eigentlich zuging. Ich sprang los, um wieder grüne Flächen zu erreichen, doch im pinken Schleim kam ich kaum vorwärts. Fast hatte ich es geschafft, als ich hinterrücks angeschossen wurde und vornüber auf den nassen Boden klatschte.

Es ist wohl kaum nötig zu erwähnen, dass mein Team verloren hatte. Zu meiner Überraschung wurden wir trotz dieser miserablen Leistung belohnt! Zwar war es nur ein Trostpreis, doch wir bekamen ein kleines Taschengeld sowie ein paar mickrige Notenpunkte. Offenbar wurden Studenten anhand der Anzahl ihrer Notenpunkte in eine Stufe eingeteilt, sodass man sich mit anderen Tintenfischen vergleichen konnte. Was soll ich sagen? Geld und ein Punktesystem waren genug Anreiz für mich, um mich gleich für die nächste Runde eintragen zu lassen. Immer her damit!

Kapitel 3: Wer die Wahl hat…
Nach einigen Runden in der Kampfarena war ich so richtig platt. Für diesen Tag hatte ich genug und musste mich etwas ausruhen. Wo geht das besser als vor dem Fernseher? Während ich meinen geplagten Muskeln etwas Entspannung gönnte, konnte mein Geist neues Wissen aufsammeln. Mit dem Kofferfisch-Lager und dem Punkasius-Skatepark gab es also zwei weitere Kampfarenen, die ich bisher noch nicht gesehen hatte. Gleich abspeichern und nicht vergessen!

Da ich nun etwas Geld zusammen hatte, wollte ich mir am nächsten Morgen die Geschäfte in Inkopolis ansehen. Waffen, Kleider, Schuhe und Kopfbedeckungen sollte man hier erstehen können. Mit meiner Wasserpistole war ich schon nach dem ersten Revierkampf unzufrieden, also gönnte ich mir ein stärkeres Modell: Den Kleckser. Der geschäftsführende Minion versprach damit größere Feuerkraft und Reichweite. Als ich den Laden verlassen wollte, fiel mir noch etwas anderes ins Auge: Eine riesige Farbrolle! Der Klecksroller wirkte so mächtig auf mich, dass ich sofort zugriff. Damit müsste ich doch bestimmt der König des Revierkampfes werden!

Mit dem Betreten des nächsten Geschäftes sank meine gute Laune gleich wieder in den Keller. Lediglich einen halben Fuß hatte ich in die Tür gesetzt, als mich der Ladenbesitzer anschrie und aus dem Laden drängte. Die kleine Qualle gab zu verstehen, dass „Leute wie ich“ dort keinen Zutritt hätten. Ich sei nicht „cool“ genug. Es dauerte nicht lange, bis ich verstand, worum es ging. Erinnert ihr euch an die Notenpunkte? Ganz richtig: In Inkopolis herrscht eine strenge Klassengesellschaft. Wer keine hohe Stufe hat, wird nicht bedient! Das sollte wohl einen Ansporn schaffen, stets sein Bestes zu geben. Wer im Revierkampf nicht gut war, musste das mit Persistenz und Durchhaltevermögen wettmachen. Ein wenig diskriminiert fühlte ich mich trotzdem.

Niedergeschlagen wandte ich mich von den Läden ab. Eigentlich wollte ich Inkopolis erforschen, doch die Lust dazu war mir vergangen. Mangels Alternativen trottete ich zurück zur Lobby, um an weiteren Kämpfen teilzunehmen. Dabei stolperte ich aber – man glaubt es kaum, war mein trauriger Blick doch nach unten gerichtet – in einen Abflusskanal! Nach einer kurzen, aber wilden Abwasserfahrt stand ich plötzlich einem alten Kerl gegenüber, der irgendwas von Welsen faselte. Wahrscheinlich wollte er, dass ich ihm einen großen Fisch zum Essen bringe. Ausgehungert sah er jedenfalls aus!

Kapitel 4: Tentakel-Spektakel
Nach meinem Trip durch die Abwasserkanäle wusste ich nicht mehr, wo ich war. Gehörte dieser Ort noch zur Universität? Der alte Kauz, der mir hier auflauerte, war jedenfalls keine Hilfe. Ohne die leiseste Ahnung, wie ich zurück zum Inkopolis-Campus kommen könnte, willigte ich also ein, ihm ein paar Welse zu suchen. Vielleicht fand ich dabei ja den Weg zurück.

Meine übliche Ausrüstung hatte ich nicht dabei, da ich eigentlich nur auf Einkaufstour war. So konnte ich unmöglich in dieser Wildnis herumspazieren! Glücklicherweise hatte der alte Kerl eine Waffe parat. Sogar einen Schutzanzug gab er mir! Sein Gefasel konnte ich immer noch nicht verstehen. Ständig nannte er mich „Nummer Drei“, selbst nachdem ich ihm mehrfach meinen Namen nannte. Das war ihm offensichtlich egal. Hauptsache, er bekäme seine Welse. Schmecken Welse denn überhaupt gut?

Viel mehr Zeit wollte ich mit diesem schrägen Typen nicht verbringen, also brach ich auf. Ein kurzes Stück weiter vernahm ich eine seltsame Luftverzerrung. Irgendetwas war dort, obwohl es nicht zu sehen war. Ein Tintenfisch lässt sich von sowas aber nicht abhalten. Besonders nicht, wenn er eine geladene Tintenkanone trägt! Mit Tinte übergossen wurde das rätselhafte Objekt sichtbar. Es sah aus wie ein Eingang zu einem unterirdischen Tunnel und war mit einem Gitter verschlossen. Gitter waren für mich aber schon lange kein Hindernis mehr! In Tintenfisch-Gestalt konnte ich einfach hindurchfließen.

Anstatt in einer unterirdischen Höhle zu landen, fand ich mich zu meiner Verwunderung auf dem Dach eines Hochhauses wieder! Den Weg zurück nach Inkopolis hatte ich also gefunden… aber wie sollte ich hier herunter kommen? Springen war keine Option, das würde nicht mal ein Tintenfisch überleben. Ich sah mich um und entdeckte ein Tintensprungbrett. Wobei „Brett“ vielleicht nicht der richtige Begriff dafür ist. Vielmehr war es ein kreisrunder Tintenklecks. Für uns Tintenfische haben diese speziellen Kleckse aber eine besondere Funktion: Sie schießen uns durch die Luft! So können wir uns schnell und komfortabel fortbewegen. Deshalb fährt auch niemand in Inkopolis ein Auto!

Das Tintensprungbrett katapultierte mich auf das Dach des nächsten Hochhauses. Vielleicht gab es ja von hier aus einen Weg nach unten? Viel Zeit zum Umsehen blieb mir aber nicht: Ein Ball aus violetter Tinte klatschte mir ins Gesicht! Darauf war ich nicht vorbereitet und entsprechend war meine Reaktion sehr träge. Ich wischte mir die reizende Flüssigkeit aus dem Gesicht und ergriff meine Tintenkanone. Welcher hinterhältige Mitstudent hatte es da auf mich abgesehen? Außerhalb der Kampfarenen war das Angreifen anderer Tintenfische strengstens verboten! Als ich den Übeltäter entdeckte, musste ich zweimal hinsehen, um zu glauben, was ich da sah: Das war kein Tintenfisch. Es war ein Tentakel!

Nein, ich scherze nicht. Nein, ich habe auch den Rest des Körpers nicht übersehen. Dieses Wesen war nur ein Tentakel! Kein Tintenfisch, kein Oktopus, kein Krake und auch kein Kraken. Ein Tentakel. Mehr als ein paar Augenblicke erlaubte ich mir aber nicht, über diese Kuriosität nachzudenken. Dieses Etwas war mir offensichtlich feindlich gesinnt! Nun, „Was Blue so kann, das können wir auch!“, dachte ich mir. Ein paar kräftige Salven aus meiner Tintenknarre und vom Tentakel blieb nicht mehr viel übrig. Meinen Weg zurück zum Campus würde ich mir wohl erkämpfen müssen.

Kapitel 5: Bombige Welse
Dieser Tag würde sich wohl etwas in die Länge ziehen. Ich hatte noch an keinem Revierkampf teilgenommen, das würde der Uni bestimmt nicht gefallen! Doch statt die Lobby aufzusuchen, musste ich erst den Weg zurück dorthin finden. Ich befand mich noch immer auf den Dächern über Inkopolis und kein Weg führte hinunter. Ein Tintensprungbrett führte mich zum nächsten auf einem anderen Dach, immer und immer wieder. Überall musste ich mich mit Tentakeln herumschlagen, die es aus irgendeinem Grund auf mich abgesehen hatten! Wer waren diese Typen überhaupt und was wollten sie nur von mir? Ich machte es ihnen nicht leicht, an mich heranzukommen. Einen Tentakel nach dem anderen marinierte ich in Tinte und machte ihn so kampfunfähig.

Dach über Dach wurde mit einer Glasur aus grüner Tinte überzogen. Dabei stieß ich immer wieder auf orangene Glaskugeln, die allgemein unter dem Namen Dragonballs bekannt sind. Eigentlich sollten sieben davon ausreichen, um einen großen Drachen heraufzubeschwören, der mir einen Wunsch erfüllen würde. Nun hatte ich schon fast einhundert davon eingesammelt, aber von einem Drachen war weit und breit nichts zu sehen. Vielleicht verstanden die Kugeln nur Tentaklisch? In dem Fall würden sie wohl auch keinen Drachen, sondern einen riesigen Kraken heraufbeschwören… Nein, das wollte ich dann doch lieber nicht.

Nachdem ich über unzählige Dächer gehetzt war und noch unzähligere Tentakel aus dem Weg geräumt hatte, fand ich mich vor einer großen Metalltonne wieder, die mit einem mächtigen Vorhängeschloss bestückt war. Diese Tonne schien den Tentakeln sehr wichtig zu sein, denn sie war schwer bewacht. Nicht schwer genug für mich! Tintenpistolen waren eines… meine Tintenbomben etwas anderes. Stellt euch einen Wasserballon vor, der mit Tinte gefüllt ist. Statt nur zu zerplatzen, verteilt er seine Ladung mit explosionsartiger Wucht! Der alte Mann vom Abwasserrohr hatte mir nicht viele davon mitgegeben, weshalb ich sie bisher nicht verwendet hatte. Nun schien mir aber der Zeitpunkt gekommen zu sein, sie einzusetzen. Die Tentakel wussten gar nicht, wie ihnen geschah! Bumm! Krach! Bäng! Eine Bombe nach der anderen entfesselte ihre geballte Ladung über den Tentakeln. Einige versuchten zu fliehen, doch sie hatten keine Chance. Keines dieser fiesen Ungetüme sollte diesen Tag unbeschadet überstehen! Das kommt davon, wenn man sich mir in den Weg stellt! Ich war vielleicht noch neu an der Tintenklecks-Universität, aber in den Revierkämpfen hatte ich bereits viel gelernt.

Ein einziger Tentakel war noch übrig. Er kauerte in einer kleinen Ecke, die von meiner Tintenwut verschont geblieben war. Als ich mich ihm näherte, zuckte er zusammen und versuchte sich ganz klein zu machen. Eine Pfütze violetter Tinte machte sich unter ihm breit. Doch ich kenne keine Gnade! Ich hielt ihm meine Tintenpistole an den Ko-… Tentakel und sah ihm tief in die Augen. Die nackte Panik stand ihm ins Saugnapf-übersäte Gesicht geschrieben! Er wimmerte und jammerte in einer unverständlichen Sprache. Flehte er den göttlichen Dragonball-Kraken um Hilfe an? Mein Finger zog langsam am Abzug der Knarre. Das war zu viel für den kleinen Wurm. Vor Furcht ganz grün im Gesicht spuckte er einen Schlüssel aus!

Genau das war es, was ich brauchte. Der Schlüssel zur Metalltonne! Was würde ich darin finden? Was war den Tentakeln so wichtig? Ich steckte den Schlüssel in das Schloss und drehte ihn langsam um. Mein Herz raste wie wild! Spannung machte sich in meinem ganzen Körper breit. Die Metalltonne klappte in zwei Hälften auseinander und enthüllte… einen Plüschwels?

Ich konnte es nicht fassen. Wie konnte so ein hässliches Plüschtier den Tentakeln nur so wichtig sein? Aber was noch viel wichtiger war: Wie sollte ich zurück nach Hause kommen? Kein Tintensprungbrett weit und breit. Ich saß auf diesem Dach fest! Mit einem Plüschwels! Selbst wenn ich zum alten Mann zurückkehren könnte, ein Kuscheltier kann man nicht essen. Sollte man zumindest nicht! Wie durch ein Wunder stand der alte Mann urplötzlich hinter mir. Wie kam der denn hier her?

Stellt euch vor: Das war gar kein heruntergekommener Bettler! Ganz im Gegenteil, er war einer unserer Professoren! Die ganze Aktion war eine Prüfung, in die ich ahnungslos gestolpert war. Kein Wunder hat nichts davon einen Sinn ergeben! „Nummer Drei“ wurde ich genannt, weil ich der dritte Student war, der an diesem Tag zur Prüfung auftauchte. Hier an der Tintenklecks-Uni gab es nämlich keine festen Termine. Wenn ein Student der Meinung war, er sei bereit dazu, ging er einfach zum Prüfungsgelände. So werden besonders begabte Studenten von den weniger begabten Tintenfischen nicht aufgehalten und die schlechten unter uns werden nicht unter Zeitdruck gesetzt.

Zunächst zeigte sich der Professor überrascht, dass ein Neuling wie ich die Prüfung bestanden hatte. Ja, ich hatte den Wels gefunden! Dann fragte er mich aber nach der Schriftrolle. Was für eine Schriftrolle? Ich hatte keine Ahnung, wovon er nun wieder sprach. Offenbar hätte ich nicht nur das Stofftier, sondern auch ein Stück Pergament finden sollen. Kurzum: Ich bin durch meine erste Prüfung durchgefallen. Besser hätte es kaum laufen können…

Wenigstens durfte ich den Wels behalten.

Kapitel 6: Übung macht den Meister
Mein Wecker klingelte und riss mich unsanft aus dem Schlaf. So viel Spaß ich hier an der Uni auch hatte, so erschöpft war ich auch. Sport hatte mich noch nie begeistert, doch nun rannte und sprang ich den ganzen Tag umher, von Früh bis Spät. Waffentraining hier, Revierkämpfe dort. Von den Prüfungen ganz zu schweigen. Diese würde ich bis auf weiteres aber erstmal vertagen. Den Plüschwels an mich klammernd versuchte ich, den Wecker zu ignorieren, doch es half nicht. Raus aus den Federn! Wer ein Tintenfisch sein will, muss sich auch wie einer benehmen!

Ich musste unbedingt mehr Erfahrung sammeln und eine höhere Stufe sollte ich auch erreichen. Andernfalls würde ich mir nie neue Klamotten kaufen können. Andauernd schaute man mich schief an, weil ich in diesen verlotterten Lumpen herumlief. Folglich blieb mir nichts anderes übrig, als mich wieder den Revierkämpfen zu widmen. Heute standen das Arowana-Center sowie der Punkasius-Skatepark auf dem Plan. Waren Arowanas nicht 10000 Sternis wert? Das Geld könnte ich gut gebrauchen bei den Preisen in den Läden hier! Auf dem Weg zur Lobby im Tintenturm wurde ich von einem schrägen Typen mit Igelfrisur angequatscht. Seine Haare ragten wie Stacheln in alle Richtungen davon und bildeten so eine Kugel um seinen Kopf. Das absurdeste war jedoch, dass an diesen Haarstacheln Klamotten hingen! „Ey, du. Hab ich dich nich‘ gestern hier geseh’n?“, fragte er mit langsamer, tiefenentspannter Stimme. „Du has‘ doch die freshe Kappe von diesem anderen Checker angestarrt, nich‘ wahr? So eine willste doch bestimmt ham!“ Er nahm eine Strickmütze von einem Haarstachel und streckte sie mir entgegen. „Brandheiße Ware, nur die besten Effekte! Na? Nur Tausend Piepen! Echtes Schnäppchen!“ Einerseits fühlte ich mich sehr bedrängt, andererseits hatte er Recht: Genau diese Mütze hatte ich eingehend betrachtet. In den Läden wollte man mich nicht sehen, also willigte ich ein und kaufte dieser absonderlichen Figur die Mütze ab. Ich hätte vielleicht auch noch mehr gekauft, aber kaum hatte ich ihm das Geld gegeben, war er schon wieder verschwunden.

In Gedanken darüber, ob diese Mütze vielleicht gestohlen oder lediglich eine Markenkopie war und was der Kerl mit „Effekten“ gemeint hatte, lief ich weiter in Richtung Lobby. Die automatische Schiebetür öffnete sich gerade, als ich schon wieder angesprochen wurde. Ein breites Grinsen machte sich neben mir breit, als eine dicke Katze aus dem nichts erschien. „Na, du bist aber mal ein flotter Hecht!“ murmelte sie und drückte mir ein paar Münzen in die Hand, bevor sie wieder im Nichts verschwand. Sprechende Katzen verwunderten mich nach den Tentakeln auch nicht mehr. Hier war vieles absonderlich. Aber ich kann mich nicht beschweren, schließlich bin ich ein Tintenfisch und das ist an Absonderlichkeit doch ebenso nur schwer zu überbieten. Es war also kaum verwunderlich, dass sich jemand wie die Grinsekatze aus dem Wunderland ab und zu hierher begab.

Endlich war ich in der Lobby angekommen und mein erster Revierkampf des Tages konnte starten. Wieder wurden je vier Studenten per Zufallsprinzip in Teams eingeteilt. Für jeden Kampf wurden die Teams neu zusammengestellt, man konnte sich daher kaum auf seine Kameraden einstellen. Die Kommunikation im Team war auch immer eine Katastrophe. Da die Tintenklecks-Universität Studenten aus aller Welt unterrichtete, kam es sehr oft vor, dass niemand die selbe Sprache sprach. Häufig führte das dazu, dass jeder sein eigenes Ding macht und das Team völlig unkoordiniert durch die Arena heizt.

Nach einigen Runden ließen unsere Betreuer sich darauf ein, bei der Gruppenbildung auch pesönliche Wünsche zu berücksichtigen. So konnte man erreichen, dass man mit seinen Freunden zusammen in der Arena stand. Allerdings ließen sie sich nicht dazu breitschlagen, auch die Team-Einteilung gemäß der Wünsche durchzuführen. Es konnte also durchaus vorkommen, dass man sich nicht im selben Team befand wie seine Freunde, sondern im Gegenteil gegen diese antreten musste. Das führte manchmal so weit, dass man sich während der Mittagspause in der Mensa nicht einmal an den selben Tisch setzte. Manche Tintenfische waren eben schlechte Verlierer. Wir sind sehr stolze Geschöpfe.

Kaptitel 7: Wissenswertes über Welse
Das Leben als Student an der Tintenklecks-Universität ist nicht leicht. Es gibt viele Regeln, aber auch viele Freiheiten. Es gab keine festen Stundenpläne. Revierkämpfe fanden in regelmäßigen Abständen statt und man konnte sich aussuchen, wann man daran teilnehmen wollte. Prüfungen hatten ebenso keine festen Termine, sondern fanden auf Anfrage statt. Wer sich aber darum drückte, an Universitätsveranstaltungen teilzuhaben, bekam im Gegenzug weder Geld, noch Notenpunkte. Faulenzen war also nicht angesagt!

Während ich die ersten Tage jeweils von früh bis spät an Revierkämpfen teilgenommen hatte – vom Ausrutscher mit der verpeilten Prüfung mal abgesehen – so lernte ich in den darauffolgenden Wochen, meine Zeit und Energie besser einzuteilen. Statt ausschließlich an den praktischen Übungen teilzunehmen, verbrachte ich vermehrt Zeit mit der Theorie. Sicher, für einen Tintenfisch war es sehr wichtig, in Tintenschlachten erprobt zu sein. Da ich mit aber nicht einmal darüber im Klaren war, dass ich ein Tintenfisch war, bis ich jenen Tages bereits erwähnten Brief erhielt, musste ich mir auch viel Wissen über uns Tintenfische erarbeiten. Unsere Geschichte und Kultur waren mir zuvor völlig unbekannt.

Zwischen den Revierkämpfen verbrachte ich nun auch viel Zeit in der Universitätsbibliothek. Dort las ich Bücher über Dibranchiologie, um mehr über uns Tintenfische und unsere Kultur zu lernen. Diese Tintenfischstudien befassten sich damit, wo wir her kamen, was wir waren und wieso es keine erwachsenen Tintenfische gab. Außerdem informierte ich mich über die Universität selbst, um mehr über den Studienverlauf und die Prüfungen zu erfahren. So erfuhr ich auch, dass wir tatsächlich Welse in Gefangenschaft hielten, die für uns Strom produzierten. Die Plüschwelse, die wir in den Prüfungen finden müssen, waren ein Symbol für unsere Abhängigkeit von den Welsen.

Mit all diesem neu angeeigneten Wissen fühlte ich mich nun bereit dazu, die erste Prüfung noch einmal anzugehen. Diesmal würde ich bestimmt auch diese Schriftrolle finden! Dazu hatte ich auch recherchiert. In jeder Prüfung galt es, sowohl einen Plüschwels als auch eine Schriftrolle zu finden, ohne dabei von den Tentakel-Wesen übertrumpft zu werden. Auf der Schriftrolle standen dann verschiedenste Fragen aus einem prüfungsspezifischen Themenbereich, die es zu beantworten galt. Ihr seht schon: Nur mit reiner Kampferfahrung konnte man das Studium nicht bestehen.

Diesmal war ich besser vorbereitet. Siegesgewiss sprang ich in den Abwasserkanal, um zum Prüfungsgelände zu gelangen. Meine normale Kampfausrüstung hatte ich nicht dabei. Für Prüfungen wurden andere Waffen und Schutzkleidung verwendet, als für die normalen Revierkämpfe. Jeder Student hatte daher ein Waffenarsenal für die alltäglichen Übungsrunden und ein weiteres Set von Waffen für die Prüfungen. Es war in den Universitäts-Regeln fest vorgeschrieben, welche Ausrüstung man wo verwenden durfte.

Interessanterweise war es erlaubt, seine Prüfungswaffen im Anschluss an erfolgreiche Prüfungen zu verbessern. Dazu wurden die orangenen Glaskugeln eingetauscht, die ich zunächst für Dragonballs gehalten hatte. Diese stärkeren Waffen durfte man dann sogar dazu verwenden, bereits abgeschlossene Prüfungen zu wiederholen um so seine Wertung zu verbessern. Bei uns Tintenfischen war die Bereitschaft zu Fleißarbeit hoch angesehen. Bevor ich aber eine Prüfung wiederholen konnte, sollte ich sie erst einmal bestehen!

Den praktischen Teil der Prüfung hatte ich bei meinem ersten, unfreiwilligen Durchgang ja bereits mit Bravour bestanden. Ich wusste genau, was mich erwartete und düste nur so durch den Parcours. Kaum war ich auf einem Dach gelandet, waren die Tintenfische auch schon erledigt und alle Dragonballs eingesammelt. Mit dem Vorwissen, wonach ich Ausschau zu halten hatte, fand ich die Schriftrolle im Handumdrehen: Sie war auf einer hohen Säule in einer Holzkiste versteckt. Ich stellte sicher, dass keine Tentakel in der Nähe waren und sah mir die Fragen an.

Wenn man bedenkt, wie wichtig die Welse für unser bequemes Alltagsleben sind, ist es kaum verwunderlich, dass der erste Test einen Fokus auf unsere Energielieferanten legte. Und mit „Energielieferanten“ hatte ich die erste Frage auch schon beantwortet. Belesen wie ich nun war, stellten die Aufgaben keine Herausforderung dar. Allerdings war es auch die erste Prüfung und entsprechend ohnehin sehr einfach. „Beschreibe den Prozess der Energiegewinnung durch den Einsatz von Welsen.“ Eine Frage mit der man fest rechnen konnte. Leider kann ich euch die Antwort nicht verraten, denn der Vorgang ist ein altes, streng gehütetes Tintenfisch-Geheimnis. Ich kann euch aber versichern, dass die Welse dabei nicht zu Schaden kommen. Meistens jedenfalls. „Wer entdeckte, dass man Welse zur Energiegewinnung verwenden konnte?“ Das war ganz eindeutig der gute alte Dr. Punkasius, nach dem unser Skatepark-Kampffeld benannt wurde. Ist euch übrigens aufgefallen, dass sie die erste Frage tatsächlich in anderen Fragen selbst beantwortet hatten? Diese Prüfung war praktisch geschenkt. Ich fertigte zum Abschluss noch eine anatomische Skizze eines Welses an und stürzte mich wieder in die Tinte, um den praktischen Teil ebenso zum Ende zu bringen.

Achja, Welse leben in Süßwasser und haben keine Schuppen. Dafür sind sie aber richtig widerlich schleimig! Wusstet ihr, dass Welse nicht nur im Mund, sondern auch auf der Kopfhaut und den Barteln über Geschmacksrezeptoren verfügen? Trotzdem ist der Wels kein Gourmet, sondern frisst fast alles, was ihm in die Quere kommt.

Kapitel 8: Quallenwürfel

Für einen Universitäts-Campus war Inkopolis sehr groß. Man darf aber nicht vergessen, dass hier Tintenfische aus aller Welt zusammenkamen, um ihre Ausbildung zu absolvieren. Abgesehen von den Studenten lebten hier zudem auch viele Tentakel, die hauptsächlich als Prüfungsassistenten angestellt waren. Oft vernachlässigt und ohne ihre verdiente Anerkennung verblieben die Quallen. Dabei zeigten diese sich im Gegensatz zu den Tentakeln auch in der Öffentlichkeit. Schlenderte man durch das Stadtzentrum, begegnete man mit Garantie wenigstens eine Qualle. Tentakel sah man außerhalb der Prüfungen aber eigentlich nur in Kneipen.

Wieso diese Quallen mehr Anerkennung verdienten, als sie bekamen? Nun, ohne unsere Quallenfreunde könnten unsere Revierkämpfe nicht effizient ablaufen. Nach einer Runde in der Kampfarena war der ganze Platz mit Tinte überzogen. Bevor die nächste Gruppe anfangen konnte, musste also das ganze Feld gründlich gereinigt werden. Natürlich verwendeten wir viele verschiedene Farben für unsere Tinte, doch mit der Zeit würde sich eine dicke Schicht um alles herum bilden. Zudem könnte es durchaus vorkommen, dass die Tinte von einigen Runden zuvor immer noch sichtbar war, aber wieder die selbe Farbe verwendet wurde. So wäre es unmöglich, das Siegerteam korrekt zu bestimmen.

Hier kamen unsere gallertartigen Kollegen ins Spiel. Kaum hatte eine Gruppe Tintenfischstudenten das Kampffeld verlassen, schwärmten kleine Quallen in die Arena. Mit ihren vielen kleinen Ärmchen schrubbten sie die Tinte in Nullkommanichts weg! Es ist eine verblüffende Leistung. Bei ihrer Geschwindigkeit wurde mir beim Zusehen ganz übel!

Viele Studenten wussten es nicht, weil sie sich nicht für die Quallen interessierten, doch die Quallen hielten tatsächlich ihre eigenen Wettstreite ab. Dabei gab es aber jeweils nur ein Team, da schließlich keine Tintenspuren übrig bleiben, um zu ermessen, wer am meisten Tinte weggeputzt hatte. Nein, bei den Quallen arbeitete die ganze Gruppe zusammen. Mit vereinter Kraft versuchten sie, die Kampfplätze in kürzester Zeit zu reinigen. In Ranglisten wurde festgehalten, welcher Reinigungstrupp eine Arena am schnellsten gesäubert hatte. Für die Quallen wurde die Arbeit so wesentlich motivierender und für uns Tintenfische minimierte es die Wartezeit. Ein Hoch auf unsere Quallenfreunde!

Wenn ihr euch wundert, woher ich all dieses Wissen über die Quallen hatte, dann lasst mich von Kurt erzählen. Die meisten Quallenfreunde waren nicht sehr gesprächig, doch Kurt war die große Ausnahme von der Regel. Eines Tages machte ich in meiner Wissbegier den Fehler, Kurt eine Frage über die Quallen zu stellen. Daraufhin textete er mich so zu, dass ich mich am Ende nicht einmal mehr daran erinnern konnte, was meine ursprüngliche Frage gewesen war. Nach einer Weile wollte ich nur noch fliehen, doch das wäre sehr unhöflich gewesen. Also wartete ich auf eine passende Gelegenheit…

… die sich dann bot, als Kurt erzählte, dass die Quallen nicht nur die Kampfarenen, sondern auch die Prüfungsparcours reinigen. Kaum hatte er „Prüfung“ erwähnt, spielte ich den schockierten Studenten, der ganz vergessen hatte, dass er ja noch zur Prüfung musste und es sei ja so spät und ich wollte die Prüfung unbedingt heute noch ablegen, also musste ich sofort los, es war schön mit dir zu reden und wir sehen uns bestimmt bald wieder, aber jetzt muss ich wirklich gehen tschüss und mach’s gut!

Da ich kein noch größerer Lügner sein wollte und ohnehin nichts anderes vor hatte, beschloss ich, mich wirklich zu einer Prüfung zu begeben. Ich schwamm also wieder durch den Abwasserkanal zum Prüfungsgelände, wo ich auch gleich den alten, verlotterten Professor antraf. „Hoffe du hasch heut‘ Glück beim Würfeln, min Jung“, murmelte er. Kryptisch wie immer! Davon lies mich mich nicht beirren. Mit meiner Prüfungsausrüstung ausgestattet machte ich mich auf die Suche nach einem weiteren unsichtbaren Tunneleingang.

Gesucht, gefunden, hineingesprungen. Was würde mich bei dieser Prüfung erwarten? Meine Spannung war groß! Nervös war ich nur ein kleines bisschen, denn ich hatte wiedermal sehr viel Zeit in der Bibliothek verbracht. Als ich aus dem anderen Tunnelende herauskam, war meine Verwunderung dennoch beachtlich. Diesmal befand ich mich nicht über den Dächern von Inkopolis, sondern in einer großräumigen, aber nicht sehr weitläufigen Höhle. Wenigstens machte eine Höhle am Tunnelende mehr Sinn als das Dach eines Hochhauses!

In der Höhle befand sich nichts weiter als ein großer Würfel. Kein Spielwürfel mit nummerierten Seiten, nein! Es handelte sich um einen überdimensionierten Zauberwürfel. Dieses Spielzeug kennt ihr bestimmt! Ein Würfel, der aus vielen kleinen Würfeln besteht. Jede Seite ist aus neun kleinen Würfeln aufgebaut und die Seiten der kleinen Würfel sind unterschiedlich eingefärbt. So ergibt sich ein Puzzlespiel, bei dem man durch drehen der Würfel dafür sorgen muss, dass jede Seite des großen Würfels nur eine einzelne Farbe zeigt. Könnt ihr euch nicht vorstellen? Ihr müsst ja eine langweilige Kindheit gehabt haben!

An Farbe hatte man jedoch gespart. Statt bunten Seiten gab es verschiedene Muster auf der metallenen Oberfläche. Wie viele Studenten bei dieser Prüfung versucht hatten, die Würfel zu drehen, kann ich nicht genau sagen. Die Kratzspuren, welche den Würfel übersäten, wiesen jedoch auf sehr viele Versuche hin. Ich hingegen brauchte nicht einmal eine Sekunde, um die Lösung für dieses Problem zu finden. Zwei Fakten machten den wahren Lösungsweg offensichtlich. Erstens: Der Würfel war nicht bunt. Zweitens: Wir sind Tintenfische! Was machen Tintenfische? Richtig, wir verspritzen Tinte! Wieso war der Würfel nicht bunt? Weil er mit Tinte bespritzt werden musste und die Quallen beim Putzen jegliche Farbe herunterschrubben!

In kürzester Zeit überdeckte ich daher den Würfel mit meiner Tinte. Alle Seiten hatten nun nur noch eine einzige Farbe: Giftgrün. Problem gelöst, Prüfung bestanden! Der Professor gratulierte mir zu meiner Rekordzeit und überreichte mir einen weiteren Plüschwels.

Kapitel 9: Qualifizierung für den Rangkampf

Zeit ist relativ. An der Tintenklecks-Universität scheint die Zeit in rasendem Tempo zu vergehen. Mit kam es so vor, als hätte ich jenen schicksalhaften Brief erst gestern erhalten. Und nun war das erste Semester schon vorbei! Ich hatte gar nicht bemerkt, wie die Wochen nur so vorüberzogen. Lediglich zwei Prüfungen hatte ich bisher bestanden! Das lag sicher nicht daran, dass die Prüfungen so schwer waren. Im Gegenteil, bisher waren sie kinderleicht! Nein, vielmehr hatte ich einfach nicht daran gedacht, an Prüfungen teilzunehmen. Ich verbrachte so viel Zeit im Tintenturm, um an Revierkämpfen teilzunehmen. Geld gewinnen, Ausrüstung verbessern, noch mehr Geld gewinnen und Ausrüstung verbessern – ein süchtig machender Höllenkreis! Zum Glück spielte es hier keine große Rolle, wie viele Semester man für sein Studium benötigte. Wie bereits erwähnt, gab es an dieser Uni keine festen Zeitpläne. Jeder Student teilte sich seine Zeit so ein, wie er es für richtig hielt. Dennoch hatte ich das Gefühl, ich sollte mehr Prüfungen hinter mich bringen. Gesagt, getan! In den nächsten Tagen bewies ich mein Können gegen Tentakel auf Geschütztürmen, Tentakel mit Hubschrauber-Helmen, rollende Kugelfische und explosive Spürhund-Roboter. Ich erhielt Lizenzen für die Verwendung von großkalibrigen Waffen wie der Tintzooka, die Tinten-Wirbelstürme verschoss, sowie stationäre Tintenkanonen, die ganze Armeen plattmachen konnten. Ich schrieb Aufsätze über den Aufstieg und Niedergang von Atlantis, die ordnungsgemäße Reinigung einer .96 Gallon, den Fertigungsprozess Tintenfleck-resistenter Stofffasern und die Behandlung einer Überdosis an gegnerischer Tinte im Notfall.

Mit all diesen bestandenen Prüfungen und meinen unzähligen Stunden im Revierkampf war ich nun ein fortgeschrittener Student. Damit einhergehend durfte ich nun endlich an Rangkämpfebn teilnehmen! Wie beim Revierkampf traten dabei zwei Teams aus je vier Studenten gegeneinander an. Es wurden die selbe Ausrüstung und die selben Arenen verwendet. Anders als beim Revierkampf war das Ziel des Rangkampfes aber nicht, die größte Fläche der Arena einzufärben. Stattdessen gab es je nach Kampffeld ein oder zwei kleine, speziell markierte Bereiche. Jedes Team hatte einen Zeitzähler, der nur dann herunter zählte, wenn das Team die speziellen Bereiche vollständig eingefärbt hatte. Es gewann das Team, dessen Zähler zuerst Null erreichte. Dadurch, dass sich alle Studenten auf ganz kleine Bereiche fokussierten, statt sich über die ganze Arena zu verteilen, waren diese Wettstreite wesentlich intensiver. Beim Revierkampf konnte man dem gegnerischen Team aus dem Weg gehen und auf Distanz bleiben. Beim Rangkampf hingegen kam es beinahe durchgehend zu Feuergefechten und Tinte beider Teamfarben spritzte überall um die Kämpfer herum. Rangkämpfe waren viel ernster als Revierkämpfe. Abgesehen von den hitzigeren Auseinandersetzungen gab es für Verlierer auch weder Notenpunkte noch Geld, während die Gewinner einen dicken Bonus bekamen. Des weiteren gab es auch noch die Ränge, nach denen der Rangkampf benannt ist. Neben der Stufe waren diese Ränge ein weiteres Kriterium, in dem man sich mit anderen Studenten vergleichen konnte. Doch während die Stufe nur ansteigen konnte, so konnte der Rang auch absteigen, wenn man oft verlor.

Mein erster Rangkampf fand wie schon mein erster Revierkampf auf der Bohrinsel Nautilus statt. In der Mitte der Bohrinsel befand sich der spezielle Bereich, den es einzufärben und zu verteidigen galt. Mit einer brandneuen N-Zap 85 Tintenpistole eilte ich auf einen erhöhten Standpunkt, um von dort meine giftgrüne Tinte zu versprühen. Unsere Gegner waren aber schneller und hatten bereits die ganze Fläche pink eingefärbt, als ich dort ankam. Ich versuchte, zuerst die Gegner kampfunfähig zu machen, doch trotz meiner erhöhten Position wurde ich zuerst getroffen und musste mich zurückziehen. Nun versuchte ich meinerseits, von unten aus anzugreifen, wurde aber schon wieder geschlagen, als ich um eine Kiste herumschlich und hinterrücks erwischt wurde.

Im dritten Anlauf gelang es meinem Team endlich, die zentrale Fläche in unsere Kontrolle zu bringen. Der Zähler unserer Feinde war jedoch bereits fast abgelaufen. Mit präzise geworfenen Klecks-Bomben versuchte ich, die Zone zu verteidigen. Dabei ging mir jedoch die Tinte aus und als ich gerade beim Nachfüllen war, explodierte eine Spürbombe neben mir. Das gegnerische Team war uns einfach überlegen, es gewann wieder die Überhand und schließlich auch den Kampf. Vielleicht hätte ich besser eine Waffe verwendet, mit der ich schon trainiert hatte.

Kapitel 10: Party like it´s 199SQUID

Riesige Lautsprecherboxen und riesige Lichtanlagen standen auf zwei Lastwägen auf dem Platz vor der Kampf-Lobby auf dem Campus von Inkopolis. Autos sah man hier eher selten und Lastwägen sind bekanntlich noch seltener, daher war ich sehr überrascht – von den riesigen Anlagen auf den Lastwägen ganz zu schweigen. Bevor ich mich wundern konnte, was der Anlass dazu sein sollte, drückte mir einer meiner Mitstudenten einen Flyer in die Hand und begann wie ein Wasserfall loszureden. Ein Splatfest stand bevor!

Was das sein soll, so ein Splatfest? Das war mir anfangs auch nicht ganz klar… doch der nette Kommilitone klärte mich ohne Umschweife und ungefragt auf. Unsere Fachschaft hatte sich dafür eingesetzt, für mehr Unterhaltung zu sorgen und besondere Events abzuhalten. Zukünftig sollten regelmäßig Splatfeste stattfinden, bei denen die Nacht zum Tag gemacht wurde und „fette Beats“ den Campus zum Wackeln bringen sollten. Dazu wurden namhafte Bands wie Squid Squad oder die Squid Sisters eingeladen. Doch natürlich sollte die Mega-Party nicht alles sein: Ein Wettstreit gehörte dazu! Das Splatfest wurde einem Motto unterstellt, zu dem es zwei Meinungen geben sollte. Jeder Student musste sich für eine Seite entscheiden. Während des Splatfestes traten in Revierkämpfen Vertreter der einen Seite gegen Vertreter der anderen Seite an. Andere Kampfarten wurden in dieser Zeit sogar komplett gesperrt. Die Meinung mit den meisten Vertretern und gewonnenen Kämpfen sollte den Splatfest-Wettstreit gewinnen. Jeder Student, der die Gewinner-Meinung vertreten hatte, wurde reich belohnt!

Beim ersten Splatfest war die Frage: Rock oder Pop? Na ganz klar: Schlager! Wobei… das stand ja gar nicht zur Auswahl. Na, dann eben Rockmusik – irgendwie hatte ich das Gefühl, dass diese Meinung populärer war, dadurch von mehr Studenten vertreten wurde und somit mit größerer Wahrscheinlichkeit gewinnen würde. Schließlich trug der Mitstudent, welcher mich über alles aufgeklärt hatte, selbst ein T-Shirt mit der auffälligen Aufschrift „ROCK“.
Endlich war der Tag – oder eher die Nacht – des Splatfestes gekommen. Ich konnte es kaum erwarten! Um die Rocker am besten unterstützen zu können, hatte ich extra hart trainiert. Ich zog das obligatorische Splatfest-T-Shirt an (es während der Festlichkeiten auszuziehen und ein anderes anzuziehen war übrigens strengstens verboten), an dem jeder erkennen konnte, dass ich für Team Rock kämpfte, setzte mir meine Pfeilmuster-Kappe auf den Kopf, zog meine bunten Pfeilmuster-Schuhe an und schulterte meinen Platscher mitsamt Tintferno-Rakete. Zeit, den Pop-Musikern zu zeigen, wo die Tür war!

Gut gerüstet reihte ich mich in die Schlange vor den Kampfarenen ein. Zahlreiche Tintenfische, die wie ich für den Rock einstanden, riefen lauthals, dass Rock das allerbeste ist oder hielten eine gehörnte Faust hoch in die Luft. Schließlich wurde ich mit Ruben, Mark und Hugo in ein Kampfteam eingeteilt und wir warteten auf ein paar Pop-Studenten, die sich trauten gegen uns anzutreten.

Nach einigen Minuten Wartezeit waren jedoch immer noch keine Pop-Fans aufgetaucht. Stattdessen warteten etliche Rocker-Gruppen auf einen Gegner. Da sich so viel zu viele wartende Gruppen vor den leeren Kampfarenen bildeten, entschieden sich die Organisatoren kurzerhand dazu, auch Kämpfe zwischen zwei Rock-Teams austragen zu lassen. Natürlich wurden diese nicht für die Auswertung der Splatfest-Siegermeinung bewertet, aber wenigstens standen wir nicht nur dicht gedrängt auf dem Warteplatz.

So betrat ich mit meinen drei Kollegen den Heilbutt-Hafen, um ein paar anderen Rockern gehörig eins auf die Mütze zu geben. Während Ruben sich mit einem Klecksroller daran machte, den Boden um unseren Startpunkt herum gelb einzufärben, stürmte ich nach rechts über die Frachtcontainer hinweg, die hier im Hafen überall herumstanden. Es dauerte nicht lange, bis ich pinke Tintenkleckse zu sehen bekam. Der Feind war nah! In der Ferne sah ich eine Tintferno-Rakete aufsteigen. Noch bevor diese ihr Ziel erreichte, feuerte ich meine eigene Rakete ab. Beide Raketen explodierten so weit von mir entfernt, dass ich von den entstehenden Tintentornados nichts mitbekam. Erst gegen Ablauf der Zeit bekam ich einen Tintenfisch des gegnerischen Teams zu sehen, dem ich sogleich hinterrücks ein paar Salven aus meinem Platscher verpasste. Adiós amigo! Wir gewannen den Kampf mit stolzen 55% zu 40% eingefärbter Grundfläche.

Während des Splatfestes blieben die Teameinteilung nahezu bestehen. Nur, wenn sich einer der Studenten verabschiedete, um eine Pause einzulegen, änderte sich die Zusammenstellung. Daher bestritt ich einige weitere Revierkämpfe mit Ruben und Mark, während Hugo sich nach dem zweiten Kampf zurückzog. Er wollte später wiederkommen, wenn ein paar mehr Pop-Anhänger aufgetaucht sind, denn er hatte keine Lust auf „sinnlose Streitereien innerhalb des eigenen Lagers“. Seinen leeren Platz in der Truppe übernahm Mimi.

Wie es das Schicksal oft so will, machte sich Hugo natürlich genau im falschen Moment aus dem Staub – unser nächster Kampf fand nämlich tatsächlich endlich gegen ein paar Pop-Fans statt! Diesmal war es also wichtig, zu gewinnen. Ruben übernahm wieder die Startfläche, während Mark und Mimi geradewegs nach vorn davon flitzten und ich mir die Frachtcontainer zur linken vornahm. Diesmal sah ich die Tintferno-Rakete erst kurz bevor sie nur wenige Meter vor mir auf den Boden stürzte und in einem riesigen türkisen Wirbelsturm explodierte. Ich machte einen Satz zurück, um nicht von der umherwirbelnden Tinte erwischt zu werden. Nachdem ich das Unheil der Rakete behoben hatte, feuerte ich mein eigenes Tintferno in Richtung unserer poppigen Gegner ab.

Bald darauf geriet ich in ein Feuergefecht mit Ludolf, der bereits den Titel „Volle Kanne Pop-Fan“ trug. Für ihn gab es in Sachen Musik keine Kompromisse. Zwar befand ich mich über ihm auf einem Container, doch sein Fein-Disperser schoss schneller als mein Platscher. Die größere Reichweite half mir auf so kurze Distanz nicht! Ich wurde bewusstlos und als ich wieder zu mir kam, war der Kampf vorbei. Ich rappelte mich auf und wandte mich Mark zu, doch bevor ich den Mund aufmachen konnte, sah ich es seinem breiten Grinsen schon an: Wir hatten gewonnen! Fast 60% zu 30%. Den Pop-Musikern hatten wir es so richtig gegeben!

Mimi war von dem Sieg so berauscht, dass wir sie nicht zum nächsten Kampf bewegen konnten. Mavrodinov nahm ihren Platz ein und wir stürmten in den Kampf gegen das nächste Pop-Team. Wieder im Heilbutt-Hafen lief es ähnlich ab, wie bei den vorherigen Kämpfen. Diesmal schoss ich mein Tintferno schneller ab, als das gegnerische Team und hatte sogar die Gelegenheit, eine zweite Rakete zu starten, bevor der Kampf zu Ende war. Ich setzte noch zwei Gegner mit meinem Platscher außer Gefecht und wir gewannen den Kampf sogar noch ein kleines bisschen besser als den vorherigen.

Es folgte ein weiterer Kampf gegen unsere Rocker-Kollegen, weil uns schon wieder die Pop-Anhänger ausgegangen waren. Daher entschied ich mich dazu, auch erstmal eine Pause einzulegen und unsere Siege ausgelassen zu feiern.

Kapitel 11: Hard Rock Quallelujah
Die Nacht aller Nächte war noch lange nicht vorbei, der Punsch aller Pünsche noch lange nicht ausgetrunken und der Wunsch aller Wünsche konnte noch wahr werden. Nachdem ich mich etwas erfrischt und ein wenig mit ein paar Kollegen getanzt hatte, gesellte ich mich wieder zu den wartenden Rockern bei den Kampfarenen. Zusammen mit Luis, Valentin und Flo stellte ich mich in der Dekabahnstation einer Gruppe geschmackloser Pop-Fans.

Noch bevor ich damit fertig war, die Startzone mit violetter Tinte zu verschönern, wurde ich beinahe von einem Tintferno getroffen. Ich vergalt diesen Kriegsschlag mit einer eigenen Rakete. Noch nie zuvor hatte ich so viele Tintfernos gesehen wie heute Nacht! Zwei weitere Tintfernos schlugen in unangenehmer Nähe ein und unsere Gegner rückten unserer Startposition bedrohlich nahe. Egal, wie viel Mühe wir uns gaben, wir konnten sie einfach nicht mehr verjagen. Es war uns kaum möglich, auch nur wenige Meter von der sicheren Startmarkierung vorzurücken. Wie ein Rudel hungriger Wölfe kreisten die Pop-Anhäner um uns herum. Fast das ganze Kampffeld hatten sie in ein türkises Tintenkleid gehüllt und wir verloren mit jämmerlichen 17% gegen 75% – und das nur, weil zwei meiner Tintfernos noch dicke violette Kleckse hinterlassen hatten, um die sich unsere Feinde nicht kümmerten, da sie zu sehr damit beschäftigt waren, uns im Zaum zu halten.

Luis und Flo schämten sich so sehr, dass sie weinend den Kampfplatz verließen. Norm und Grégory nahmen ihre Plätze ein und sprachen Valentin und mir für den nächsten Kampf Mut zu. Doch wieder einmal gab es einfach nicht genug Fans der Pop-Musik, sodass wir uns abermals mit einem anderen Rock-Team die Zeit vertrieben. Diesmal sah das Ergebnis sogar noch schlechter aus. Zwar wollte ich nicht aufgeben, doch ich brauchte erstmal etwas Zeit, um meine Ausrüstung durchzugehen und eine bessere Wahl zu treffen. Der Platscher gefiel mit zwar aufgrund seiner hohen Reichweite und trotzdem akzeptablen Schussrate gut, doch er eignete sich besser dazu, Gegner fertigzumachen, bevor sie einem zu nahe kamen, als flink das Kampffeld einzufärben.

Nach solch vernichtenden Ergebnissen musste etwas anderes her. Eine Waffe mit mehr Pep, um mehr Fläche in kürzerer Zeit einzufärben. Ich entschied mich für meinen guten alten Airbrush RG – schnelle Schussrate, breite Streuung, dafür keine allzu hohe Reichweite oder Durchlagskraft. Dazu packte ich mir ein paar Tretminen ein und selbstverständlich Tintferno-Raketen – davon konnte ich einfach nicht genug kriegen! Des weiteren tauschte ich meine Mütze gegen einen Rugbyhelm von Tentacles aus. Von Gegnern fernhalten und viel Farbe versprühen war nun meine Strategie.

Die nächste Schlacht – wieder gegen Rock-Kollegen – brachte eine weitere Niederlage, aber bei weitem nicht so extrem wie zuvor. Besser lief es anschließend gegen die Pop-Kultur, die wir mit 68% zu 27% in den Boden rammten. Zwar hatte ich einmal eine heftige Ladung mit einem N-ZAP85 verpasst bekommen, doch insgesamt funktionierte meine neue Strategie gut. Da meine Airbrush-Pistole viel schneller schoss als der Platscher, kam ich auch viel schneller auf dem Kampffeld voran und Eilte nur so von Ecke zu Ecke, um alles schön einheitlich anzumalen. Natürlich hatten auch meine aktuellen Team-Kameraden Entje, Stampi und Maus sehr gute Arbeit geleistet.

Nach einer kurzen Verschnaufpause landete ich im besten Team der Nacht: Mit Moros, Herlock und Martin walzten wir die Pop-Teams eins nach dem anderen Platt. Oft gewannen wir haushoch mit mindestens doppelt so viel eingefärbter Fläche wir unsere Gegenspieler. Dass drei von uns auf Airbrush-Pistolen setzten, trug sicher zum Erfolg bei. Moros sorgte mit seinem Scharfschützengewehr dafür, dass die Gegner uns nicht auf die Pelle rückten. Auch einige Rocker mussten unter uns leiden – wir hatten alle die Hoffnung aufgegeben, dass sich noch mehr Freunde des Pops blicken lassen würden. Etwas mehr als die Hälfte aller Kämpfe fanden zwischen Rock-Gruppen statt, weil die Pop-Anhänger deutlich in der Unterzahl waren.
Es lief so gut, dass ich fast übermütig wurde. Ich stürmte oft voraus und hinter Tintenfischen des anderen Teams her, um diese mit meiner Pistole fertigzumachen. Soviel zur Strategie, mich fernzuhalten… Dem Erfolg schadete es aber nicht. Ob in der Dekabahnstation, im Heilbutt-Hafen oder dem Kofferfisch-Lager, meist gingen wir siegreich aus der Schlacht hervor.

Nach sieben heißen Gefechten, von denen wir nur zwei knapp verloren, die anderen fünf aber mit Abstand gewonnen hatten, verabschiedete Martin sich. Er wollte noch etwas feiern und nicht nur die ganze Zeit kämpfen, auch wenn es gerade so gut lief. Als Ersatz gesellte Luca sich mit seinem Klecksroller zu uns. Im darauffolgenden Kampf gegen ein paar Popper hatte ich zwar kurz mit einem Fein-Disperser zu kämpfen, doch am Ende gewannen wir so gut, wie man nur gewinnen kann. 75% Vorsprung vor dem Feind, das macht einem so schnell keiner nach!

Mit Herlock verließ uns eine weitere Airbrush-Pistole, doch er hatte sich dazu entschieden, mit Markus feiern zu gehen. Nun, zum Feiern hatte er nach diesem überragenden Sieg auch jeden Grund! Mit einem weiteren Klecksroller füllte Tom Lincoln die entstandene Lücke. Weiter ging der Kampf der Musikgenres und wieder einmal hagelte es nur so mit Tintfernos. Die Geschmacksverirrten schlugen sich Wacker und verloren nur mit einer Differenz von zwei Prozent.

Weil Luca der Meinung war, dass zwei Klecksroller zuviel des Guten waren, verschwand auch er. Jamié eilte herbei und brachte einen Blaster mit, der zwar eine sehr niedrige Schussrate hatte, dessen Geschosse aber explodierten und ihre Tinte wie die Funken einer Feuerwerksrakete versprühten. Was dann geschah, brachte mich aber etwas aus der Fassung: Kurz vor Kampfbeginn machte Tom sich vom Acker! Er ließ uns einfach so hängen! Es war zu spät, um einen Ersatzmann zu organisieren, also mussten wir nur zu dritt auf das Schlachtfeld marschieren.

Trotz aller Mühen wurden wir auf unserem eigenen Startfeld in die Ecke gedrängt. Wieder einmal war es uns unmöglich vorzurücken, um unsere schöne gelbe Tinte zu verteilen. Lediglich zehn Prozent der Arena konnten wir von unserem Startpunkt aus einfärben, während unsere Widersacher sich mit 80% vom Rest begnügten. Ein Glück war es ein bedeutungsloser Kampf zwischen Rockern, ein solcher Sieg der Pop-Fans wäre doch sehr Bitter gewesen.

Dennoch war Jamié zu niedergeschlagen, um weiterzumachen. Wir schickten ihn zu Martin und Herlock, um sich etwas aufmuntern zu lassen. Louis und Leo begleiteten Moros und mich für ein paar weitere Tintengefechte, doch die Siegessträhne konnten wir nicht aufrecht erhalten. Auch wenn ich Moros ungern im Stich ließ, war es nun auch für mich an der Zeit, noch etwas zu tanzen und die laute Rockmusik zu genießen.

Der nächste Morgen begann gegen Mittag und mit einem heftigen Kater. Nein, ich spreche nicht von der Grinsekatze, dem Miezrichter, der uns Studenten andauernd unangemessene Komplimente macht. Trotzdem schleppte ich mich vom Sofa und nach draußen, um der Ergebnisverkündung beizuwohnen. Die beliebten Nachrichten-Moderatorinnen und Musiker Aioli und Limone standen auf den Lastwägen und sorgten für Spannung. Auf einer riesigen Anzeigetafel wurden die Punktestände der zwei Meinungen angezeigt.

Zuerst wurde die Popularität ermittelt. 64% der teilnehmenden Studenten hatten sich wie ich für den Rock entschieden, während das andere Drittel den Pop verteidigt hatten. Anschließend kam es zur Auswertung der Revierkampf-Siege. Der Rock lag auch hier vorne mit 53%. Für die Gesamtwertung wurde der Prozentwert der Beliebtheits-Auswertung mit dem verdoppelten Sieges-Prozentwert aufsummiert. Nunja, wenn schon die Einzelwertungen höher liegen, ist auch der Endwert höher und 170 ist definitiv größer als 130. Die Pop-Anhänger hatten sich tapfer geschlagen, doch sie mussten die deutliche Niederlage eingestehen.

Anschließend sollten wir alle unsere Splatfest-T-Shirts zurückgeben. Ich habe absolut nicht den blassesten Schimmer, was die Organisatoren mit den tintenverschmierten, verschwitzten Hemden anfangen wollten, aber mir sollte das recht sein. Ich trug sowieso viel lieber Kaputzen-Pullis. Außerdem: Wen interessiert denn ein doofes T-Shirt, wenn man als Mitstreiter der Sieger-Meinung mit Supermuscheln belohnt wird? Der Zweck dieser hübsch schillernden Muschelschalen war mir zwar schleierhaft, aber offenbar hatten sie irgendetwas mit diesen „Effekten“ zu tun, von denen dieser schräge Typ mit Igelfrisur damals gesprochen hatte. Ich meinerseits stellte die hübschen Muscheln zu meinen Plüschwelsen auf ein Regal in meinem Zimmer.

Kapitel 12: Krieg der Arme
Unsichtbare Böden. Habt ihr so etwas schon einmal gesehen? Die Technologie der Tintenfische ist sehr weit fortgeschritten. Unsere Energie gewinnen wir äußerst umweltfreundlich mit Welsen. Wir verfügen über sehr wirkungsvolle Waffensysteme. Zur Fortbewegung dienen uns hauptsächlich Tintensprungbretter und Sepiadukte. Letztere sind gespannte Schläuche, die mit Tinte gefüllt sind, sodass wir durch die Tinte in den Schläuchen schwimmen können. Unsere Bildungseinrichtungen stehen jedem Tintenfisch kostenlos zur Verfügung. Man kann mit gutem Recht behaupten, dass die Tintenfisch-Gesellschaft sehr modern ist.
Viele unserer technischen Errungenschaften haben wir selbst entwickelt. Einige Technologien beruhen jedoch auf Erfindungen der Tentakel. Einst waren die Tentakel uns weit überlegen, doch mit Atlantis ging auch ihre Hochkultur unter. Die meisten Tentakel, die heute leben, sind geistig eher… beschränkt. Zwar sind sie noch in der Lage Waffen zu bedienen und einfache Befehle zu befolgen, doch an Erfindungsgeist, Kreativität und der Fähigkeit, selbstständig Probleme zu lösen, mangelt es ihnen. Selbst mit Kommunikation tun sie sich schwer. Ein klarer Fall von Devolution. Nur die wenigsten von ihnen stehen mit den Tintenfischen noch auf einer Stufe. Ja, einige wenige Tentakel verfügen wie wir Tintenfische über die Magie der Gestaltwandlung. Sie können so wie wir eine menschliche Form annehmen.

Vor einigen hundert Jahren herrschte Krieg zwischen den damals noch hochentwickelten Tentakeln und uns Tintenfischen. Welche Seite den Krieg begonnen hatte, kann nicht eindeutig festgestellt werden. Historische Dokumente zu diesem Thema sind oft widersprüchlich und vertreten gegensätzliche Ansichten – je nachdem, ob sie von einem Tintenfisch oder einem Tentakel verfasst wurden. Aufzeichnungen aus anderen Perspektiven gibt es nicht, denn die Menschheit lebt seit jeher in völliger Unwissenheit über die Existenz unserer Völker.
Damals verfügten die Tentakel über die besseren Waffen und überlegene Fortbewegungsmittel. Tintensprungbretter und Sepiadukte gab es noch nicht, Tintenfische bewegten sich nur zu Fuß oder in Tintenpfützen vorwärts. Die Tentakel hingegen verfügten über Fahrzeuge und Fluggeräte. Doch die Tintenfische hatten einen entscheidenden Vorteil: Wir gewannen unsere Energie schon damals mithilfe der Welse, während die Tentakel noch auf Tintenverbrennungsmotoren setzten. Ihr könnt euch sicher denken, dass die Tintenverbrennung eine äußerst ineffiziente Methode der Energiegewinnung ist.

Nichtsdestotrotz dauerte der Krieg viele Jahrzehnte lang an, ohne dass sich ein Sieger abzeichnete. Auf beiden Seiten wurden die Ressourcen knapp und die Bevölkerungszahlen schrumpften dahin. Erst das Aufkommen der ersten Weltreiche der Menschen brachte unsere Vorväter dazu, Frieden zu schließen. Beide Parteien mussten einsehen, dass sie nicht gewinnen konnten und der Vormarsch der Menschheit die letzten verbleibenden Zivilisationen bedrohte. Außerhalb von Inkopolis gab es keine Tintenfische mehr und die letzten verbleibenden Tentakel hatten sich in Atlantis zurückgezogen.

Mit vereinten Kräften schufen die Tentakel und die Tintenfische neue Technologien, die unsere kleinen Reiche vor den Menschen beschützen würden. Die Kunst der optischen Illusionen war bei den Tentakeln weit fortgeschritten und ermöglichte es, unsere Städte für Menschen vollkommen unsichtbar zu machen. Die Kombination aus Tintenfisch- und Tentakeltechnologie brachte viele neue Erfindungen hervor, die unser Leben gemütlich und sorgenfrei machten.
Möglicherweise wundert ihr euch nun, wieso die Tentakel heutzutage nicht mehr so fähig sind. Nun, ein Leben ohne Gefahren und Probleme hat seine Vor- und Nachteile. Nachdem sie mit uns Tintenfischen Frieden geschlossen hatten und für unsere gemeinsame Sicherheit vor den Menschen gesorgt war, lehnten sie sich zurück. Sie brauchten nicht mehr zu kämpfen. Jahrzehntelang hatten wir nichts anderes getan! Sie wussten nicht, was sie tun sollten. Dank der Wels-Energie gab es keinen Grund, riesige Mengen an Tinte zu produzieren, um Verbrennungsmotoren anzutreiben. Mehr und mehr gingen die Tentakel dazu über, ihre viele freie Zeit vor dem Fernseher oder in der Kneipe zu verbringen. Sie schalteten ihre Gehirne aus und gaben sich der vollkommenen Passivität hin. Ohne geistige Herausforderungen oder zumindest etwas Gehirnjogging – das tägliche Lösen von zwanzig einfachen Rechenaufgaben in möglichst kurzer Zeit soll laut einem renommierten menschlichen Gehirnforscher bereits wahre Wunder bewirken – ließ ihr Verstand mehr und mehr nach. Viele hunderte Jahre später waren sie schließlich an ihrem heutigen Tiefpunkt angekommen. Um die progressive Verdummung aufzuhalten, beschlossen die Tintentische, die Tentakel in ihren Alltag mit einzubeziehen und bei den Prüfungen als Assistenten zu beschäftigen.

Wieso es uns Tintenfischen nicht genauso erging? Nun, das ist doch nun wirklich offensichtlich! Der Krieg war vorbei, doch wir hörten nie auf zu kämpfen. Statt gegen Tentakel traten wir nun gegeneinander an. Statt ums Leben kämpften wir um Geld und Punkte. Wir schufen uns eine dauerhafte Herausforderung. Unsere Waffen wurden stetig überarbeitet. Kampfarenen wurden erbaut. Regelwerke perfektioniert. Wir Tintenfische hörten nie auf, zu erfinden, zu denken, zu lernen. Mit dem Verfall des Intellekts der Tentakel bauten wir unser Bildungssystem aus, um dieses traurige Schicksal zu verhindern. Für die Tentakel war es aber bereits zu spät. Sie wollten daran nicht teilhaben, nein, die neueste Folge von „Stargate Atlantis“ lief doch gerade.

Kapitel 13: Neuerscheinungs-Hype
„Fällt Ihnen das präzise Schießen mit Tintenfeuerwaffen schwer? Ist Ihnen der Klecksroller zu unhandlich und zu langsam? Sehnen Sie sich nach einer neuen Waffe, die einfach zu verwenden und dennoch effektiv ist? Dann warten Sie nicht länger! Der Quasto ist hier! Eine Eigenentwicklung der Tintenklecks-Universität auf Basis der neuesten State-of-the-Art-High-End-Molekular-Astro-Hyper-2.0 Technologie! Mit diesem handlichen Pinsel färben Sie jede Arena in Windeseile ein! Bestellen Sie JETZT und Sie erhalten einen Sprinkler und ein Tintferno GRATIS dazu!“

Unter den Waffen, die wir Tintenfische bei unseren Revier- und Rangkämpfen verwendeten, gab es nur eine Handvoll Grundmodelle. Diese wurden von verschiedenen Herstellern in verschiedenen Ausführungen und Variationen ausgeliefert. Nur selten kam es dazu, dass die universitätseigene Waffenforschungsgruppe eine brandneue Kreation hervorbrachte. War es aber doch einmal der Fall, so konnte man sich sicher sein, die neue Waffe in den nächsten Tagen überall zu Gesicht zu bekommen. Kein ernsthafter Student lies eine neue Waffe im Laden verstauben! Alle wollten sie sofort ausprobieren. In der Arena benutzen mindestens die Hälfte der Tintenfische die neue Waffe, nur wenige blieben stur bei ihren bisherigen Lieblingen. Genau so geschah es auch bei der Veröffentlichung des Quasto, eines riesigen Tinte-Pinsels. Selbstverständlich konnte auch ich mich nicht zurückhalten. Ich stand um Mitternacht vor dem Waffengeschäft auf der Matte. Naja, nicht ganz. Eher ein paar hundert Meter vor der Matte. Ihr hättet die Schlange sehen sollen! Um euch menschenlichen Lesern einen für euch verständlichen Vergleich anzustellen: Solch einen Ansturm gab es nicht einmal beim Erscheinen eines neuen Gameboys oder iPhones. Als der Laden um acht Uhr früh endlich öffnete, waren selbst die Tentakel aus ihren Kneipen gekrochen. Nein, nicht um sich die neue Waffe zu kaufen. Vielmehr sorgten sie dafür, dass wir Tintenfische ordentlich in der Reihe blieben und nicht drängelten. Die Vorfreude konnte uns durchaus überrumpeln und uns unsere guten Manieren vergessen lassen! Ein Tintenfisch nach dem anderen wurde also in das Geschäft gelassen, damit er sich das neue Prunkstück kaufen konnte. Gegen Mittag war ich endlich an der Reihe. Ich war so aufgeregt, dass ich fast ohnmächtig wurde. Als ich meinen ganz eigenen Quasto schließlich in den Händen hielt, machte ich mir fast einen Tintenfleck in die Hose. Es war so überwältigend! Er glänzte so schön! Ich stand da wie angewurzelt und starrte nur noch den Pinsel an, bis ein paar Tentakel mich aus dem Waffenladen trugen. Kaum erwachte ich aus meiner Trance, sprintete ich zur Lobby, um sofort an einem Revierkampf teilzunehmen. Seltsamerweise hatte niemand außer mir in meinem Team einen Quasto! Wahrscheinlich hatten diese Tintenfische nicht die Geduld gehabt, stundenlang Schlange zu stehen. Einer meiner Kameraden hatte einen N-Zap 85, ein anderer eine .56 Gallon in der Deko-Edition mit Strass-Steinen und zu guter Letzt hatten wir einen guten, alten Kleckser. Meine Teamkameraden stürmten voraus und ich begann, mit meinem Pinsel den Boden anzumalen.

Zwar kam ich schnell vorwärts, ganz anders als mit dem schweren Klecksroller, den man nur im Schneckentempo bewegen konnte, doch andererseits war der Pinsel viel kleiner und hinterließ nur eine dünne Tintenspur. Ich war schockiert! Das konnte doch wohl nicht wahr sein? Er war so ineffizient. Dafür hatte ich mir doch nicht stundenlang die Füße plattgestanden! Panisch rannte ich hin und her, um trotzdem möglichst viel Fläche einzufärben, doch es schien vergebens. Aus meiner Verzweiflung wurde Verärgerung und ich schwang den Pinsel wild durch die Luft, um Dampf abzulassen. Offensichtlich war das die richtige Methode, den Quasto zu verwenden: Umherwedeln! Dabei verspritzte er Tinte in alle Richtungen und färbte viel mehr Fläche ein, als mit seinen lächerlichen Pinselstrichen. Darauf hätte ich nun wirklich früher kommen können! Endlich hatte ich es begriffen… und endlich fiel mir auch der Sprinkler wieder ein, den es kostenlos dazu gab. Ich platzierte also einen Sprinkler und machte mich pinselwedelnd auf den Weg, dem Punkasius-Skatepark einen neuen Anstrich zu verpassen.

Kurz vor Schluss feuerte ich noch mein Tintferno ab, um mit dem riesigen Tinten-Tornado einen dicken Farbklecks mitten auf der gegnerischen Feldhälfte zu hinterlassen. Ich war so gut, dass mein Team tatsächlich haushoch gewann: 60,7% gegen jämmerliche 28,7% unserer Gegner! Sie hatten überhaupt keine Chance. Wenn ich nicht so schwer von Begriff gewesen wäre, hätten wir bestimmt auch 100% erreichen können!

Kapitel 14: Tornados in der Kuppel
In einer meiner Prüfungen hatte ich es mit den hochentwickelten Tentakeln zu tun bekommen. Ihr erinnert euch sicher, dass einige Tentakel wie wir Tintenfische eine menschliche Form annehmen können. Ich hatte sofort das Gefühl, dass es bei dieser Prüfung ähnlich wie bei den Revierkämpfen zugehen würde. Schließlich war mir auch auegefallen, dass das Prüfungsgelände sehr stark nach einer alten Arena aussah. Das erkannte man am stärksten an der Symmetrie. Unsere Kampffelder sind alle Punkt- oder Spiegelsymmetrisch aufgebaut, sodass beide Teams die gleichen Voraussetzungen haben und der Startpunkt keine Vor- oder Nachteile mir sich bringe.

Wie sich herausstellte, wurde diese Arena vor einigen Jahren aufgrund struktureller Schäden außer Betrieb genommen. Nach der Reparatur entschied man, sie vorübergehend als Gewächshaus zu nutzen, um pflanzliche Lebensmittel zu produzieren. Die große Glaskuppel, die sich als Dach über die gesamte Fläche streckte, erschien dazu ideal. Erst Jahre später viel den Behörden auf, dass wir Tintenfische uns eigentlich nicht von Pflanzen, sondern von Fischen und anderem Meeresgetier ernähren. Daraufhin funktionierte man das Gewächshaus in einen Prüfungsplatz um, musste aber feststellen, dass es sich dafür nicht so gut eignete, wie als Kampffeld. Einige Monate später wurde es schlussendlich wieder zu einer Arena, die für Revier- und Rangkämpfe freigegeben wurde.

Aufgrund der großen Glaskuppel und weil wir Fische viel lieber essen, als Pflanzen, nannte man die Arena die „Tümmlerkuppel“. Meinen ersten Revierkampf auf diesem Feld bestritt ich zusammen mit Derrik, Jasmin und Jury, während Michael, Edward, Norman und ein Japaner, dessen Name ich nicht verstehen konnte, das gegnerische Team bildeten. Kaum war der Startschuss gefallen, stürmten meine Kameraden voraus, während ich mich darum kümmerte, vom erhöhten Startpunkt aus die nähere Umgebung einzufärben. Mein Platscher mit seiner hohen Reichweite war dazu wie geschaffen!

Als ich kurz abtauchte, um meinen Tintentank wieder aufzufüllen, hörte ich eine Rakete heransausen. Das gegnerische Team hatte tatsächlich ein Tintferno direkt auf unseren Startpunkt abgefeuert! Ich reagierte schnell und sprang zur Seite davon, wurde aber trotzdem von dem riesigen Wirbelsturm erwischt und war somit für kurze Zeit außer Gefecht. Wäre ich doch einfach stehen geblieben – auf dem eigenen Startpunkt ist man unverwundbar, da es von einem elektromagnetischen Schutzfeld umgeben wird!

Nachdem ich wieder auf den Beinen war, machte ich mich daran, die Tintenspuren des Wirbelsturms zu beseitigen und mit meiner eigenen Tinte zu überdecken. Anschließend brach ich auf, mich bei unseren Feinden zu rächen. Mit der Waffe am Anschlag und auf Dauerfeuer marschierte ich durch die engen Gassen der Tümmlerkuppel. Weiter oben verliefen Laufstege, die zwar einerseits für eine bessere Übersicht sorgten, andererseits aber sehr unsicher waren, da man auch selbst gut gesehen wurde und durch die Gitterstruktur der Planken gegnerischem Feuer schutzlos ausgesetzt war. Ich blieb also vorerst unten in den Gängen, schlich um eine Ecke und griff unseren japanischen Gegner an, der nicht mit mir gerechnet hatte.

Im Blutrausch feuerte ich meine eigene Tintferno-Rakete ab und richtete meinen Platscher auf Michael, der mit einem Klecksroller auf mich zu stürmte. Meine Siegessträhne machte mich aber etwas unvorsichtig, sodass Edward mich hinterrücks mit seinem Airbrush MG beschoss und ins Nirvana schickte. Nach kurzer Zeit wieder kampfbereit, entschied ich mich diesmal für die Laufstege und verteilte meine Tintensalven von oben aus. Kurz vor Ablaufen der Zeit feuerte ich ein weiteres Tintferno ab und eilte zurück zum Startpunk, um die Folgen noch eines gegnerischen Tintfernos zu beseitigen.

Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass wir – nach dieser Glanzleistung meinerseits – den Kampf gewonnen hatten. Unsere Gegner dachten vielleicht, mit ihren Wirbelsturm-Raketen einen Vorteil zu haben, aber da hatten sie nicht mit mir gerechnet! Meine Tintfernos sind viel effektiver, schließlich hab ich selbst höchstpersönlich Kulleraugen auf die Raketen geklebt.

Kapitel 15: Pigmente im Bürstenpark
Als ich noch unter Menschen lebte, hatte ich immer den Eindruck, dass Studenten sich vor Prüfungen scheuten, wenn nicht sogar fürchteten. Prüfungen sorgten immer für riesigen Stress und schlaflose Nächte. Bei uns Tintenfischen war das ganz anders. Es war schwer, sich zurückzuhalten und nicht eine Prüfung direkt nach der anderen anzugehen. Einige Studenten der Tintenklecks-Uni taten das auch. Ich versuchte aber, mich für ein paar Wochen nur auf Revier- und Rangkämpfe zu konzentrieren und nebenher in der Bibliothek Bücher zu lesen. Schließlich wollte ich die Prüfungen nicht nur bestehen, sondern dabei auch noch richtig gut abschneiden. Zeitdruck gab es schließlich nicht. Außerdem reichte es für den Abschluss nicht aus, Prüfungen abzulegen, nein, wir mussten auch eine gewisse Anzahl Praxisstunden nachweisen können.

Meine nächste Prüfung fand in einem alten, verlassenen Vergnügungspark statt. Dieser Park wurde einst von den Tentakeln betrieben, aber schon seit Jahrzehnten dem Verfall überlassen. Die Hauptattraktion bildeten überdimensionierte Bürsten, welche den Boden nicht sauber schrubbten, sondern eine dicke Tintenschicht hinterließen. Viel Abwechslung bot der Park damit nicht, weshalb wir Tintenfische ihn auch nicht wieder in Schuss brachten, sondern nur gelegentlich für Prüfungen verwendeten.

Diese Bürsten waren ständig in Bewegung. Oft waren mehrere Bürsten wie ein Propeller angeordnet und mussten als Laufstege verwendet werden. Ein Tintenfisch muss wirklich schwindelfrei sein, sonst schafft er es an der Tintenklecks-Uni nicht weit! Um die Sache bloß nicht zu einfach zu gestalten, warteten an jeder Ecke und häufig auch auf den Bürsten bewaffnete Tentakel auf die Prüflinge. Zusätzlich schwirrten Tentakel mit Hubschrauberhelmen überall umher. Ich hatte schwer damit zu kämpfen, gleichzeitig die Balance zu halten, Tintenbällen auszuweichen und Tentakel abzuschießen. Selbst, wenn die Bürsten nicht frei schwebten, sondern über festem Boden schrubbten, durfte man nicht herunterfallen. Schließlich verteilten sie Tinte, mit der man lieber nicht in Berührung kam.

Für Außenstehende ist es sicherlich schwer zu begreifen, wie es denn sein kann, dass wir einerseits in Tinte schwimmen können, uns andererseits Tinte aber Schmerzen bereitet. Tinte der eigenen Farbe ist gut für uns – Tinte anderer Farbe aber schädlich. Nun, Schuld an dieser Unstimmigkeit sind die Farbpigmente! Wir nehmen Tinte einer Farbe in unseren Körper auf, wodurch sich eine hohe Konzentration der Farbpigmente in unseren Zellen ansammelt. Das zeigt sich am stärksten an unseren Haaren. Jaja, eigentlich sind das keine Haare, sondern Tentakel, aber das führt im Zusammenspiel mit den Tentakel-Wesen doch nur zu Verwirrung!

Geraten wir in Kontakt mit Tinte einer anderen Farbe, so reagieren die unterschiedlichen Farbpigmente exotherm miteinander, was dann zu den Schmerzen führt. Kontakt zu Tinte der selben Farbe hingegen erlaubt uns, in der Tinte einzutauchen und quasi mit ihr zu verschmelzen.

Mit der Zeit zersetzen sich die Pigmente in unseren Körpern allerdings und werden so abgebaut. Dann können wir uns problemlos einer anderen Tintenfarbe aussetzen und diese aufnehmen. Für den schnellen Farbwechsel zwischen einzelnen Kämpfen haben wir technische Mittel entwickelt, welche den Pigmentabbau und die Aufnahme eines anderen Pigments stark beschleunigen.

Genau um dieses Thema drehten sich auch die theoretischen Fragen zu dieser Prüfung. Leider war es mir nicht im ersten Anlauf gelungen, die Schriftrolle mit den Fragen zu finden. Dazu war ich viel zu beschäftigt, nicht getroffen zu werden und auf den Beinen zu bleiben. Nach dem ersten Durchgang musste ich also noch mal von Vorn beginnen. Soviel zu meinem Plan, die Prüfungen auf Anhieb mit Bravour zu bestehen. Da ich nun aber genau wusste, was auf mich zukam, war es einfacher, nebenher auch noch nach der Schriftrolle zu suchen. Damit war dann auch diese Prüfung erfolgreich bestanden!

Kapitel 16: Wie ein Fisch im Wasser?
Direkt am Meer in der nahen Umgebung von Inkopolis liegt ein alter Umschlagplatz für Güterschiffe. Früher, als wir Tintenfische noch zahlreicher waren und unser Reich größer, verkehrten hier unzählige Schiffe. Frachtcontainer über Frachtcontainer wurden umgeladen. Ein Schiff nach dem anderen lief im Blauflossen-Depot ein oder aus. Heute verkehren hier keine Schiffe mehr, Seehandel betreiben wir schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Das Depot dient nun als Arena für unsere Revierkämpfe… und manchmal auch als Prüfungsgelände.

Ja, ich weiß, eben hab ich noch behauptet, ich würde zwischen Prüfungen immer ein paar Wochen Training und Lernen einschieben… aber manchmal packt auch mich die Prüfungswut! Außerdem verstand ich mich grad so gut mit Una und Dubora. Diese beiden Tintenfisch-Studenten waren in ihrem Studium schon weit fortgeschritten und arbeiteten nebenher als Prüfungsassistenten. Sowas kam nur äußerst selten vor, üblicherweise übernahmen hochentwickelte Tentakel diese Jobs. Schließlich wollte man vermeiden, dass Freundschaften unter den Studenten zu Schummeleien bei der Notenbildung führten. Bei Tentakeln konnte das nicht vorkommen, diese Biester waren von Natur aus abweisend und kaltherzig. Nein, sie waren keinesfalls bösartig, aber eben unbestechlich und ohne Mitgefühl, wenn es um die Bewertung ging.

Bei Dubora und Una mussten die Professoren sich aber ebenso wenig Sorgen darum machen, dass sie einen Studenten aufgrund von freundschaftlichen Beziehungen bevorzugen würden. Es war doch eher das Gegenteil der Fall: Die beiden waren so ehrgeizig, dass sie von sich selbst und ihren Mitstudenten nur das Allerbeste akzeptierten. Trotzdem waren sie richtig nett und es war mit ihnen viel spaßiger, als mit den alten Greisen.

Äh, ja, zurück zum Blauflossen-Depot. Dort fand meine nächste Prüfung statt. Abends in der Dämmerung, als kaum noch Revierkämpfe stattfanden und die Kampffelder somit für Prüfungen verfügbar waren. Die üblichen Prüfungsgelände mit ihren kleinen Plattformen eigneten sich zwar gut, um es mit normalen Tentakeln aufzunehmen und sich Stück für Stück vorzukämpfen, doch in einigen Prüfungen war mehr taktisches Geschick gefragt. In der heutigen Prüfung musste ich gegen drei besonders kampferprobte Tentakelmenschen antreten. Als Zeichen ihres hohen Ranges hatten sie sich Algen an den Kopf gesteckt, so wie Indianer sich mit Federn schmückten.

Die normalen kleinen Tentakelmonster waren für einen erfahrenen Studenten wie mich schon lange keine Herausforderung mehr. Zwar konnten sie Waffen bedienen und sich bewegen, doch waren sie weder schnell noch äußerst geschickt. Eine ganz andere Hausnummer stellten die hochentwickelten Tentakel dar, die mit uns Tintenfischen mehr als nur mithalten konnten. Sie waren listig und tückisch, flink und wendig, treffsicher und gnadenlos.

Mit einem einzelnen dieser Algententakel konnte ich es noch gut aufnehmen, doch drei aufs Mal stellten durchaus ein Problem dar. Sie waren gut. Während ein Tentakel von vorn angriff, schlichen sich die anderen beiden von den Seiten und von hinten an. Tinte flog mir von überall her um die Ohren. Um aus der Schusslinie zu geraten, schoss ich zwischen zwei Tentakeln durch, sprang in die neue Tintenspur und schwamm davon. Nun war ich nicht mehr umzingelt, doch ich konnte trotzdem nur auf einen Tentakel zielen, sodass die anderen beiden freie Bahn hatten. Ich versuchte also weiterhin, hauptsächlich ihren Schüssen auszuweichen, sprang nach hinten und…

… fiel von der Plattform hinunter ins Meer. Das war in zweierlei Hinsicht wirklich ungünstig. Zum einen war die gängige Regel, dass man nicht ins Wasser fallen durfte. In Revierkämpfen musste man dafür kurzzeitig aussetzen und in Prüfungen gab es Punktabzug. Zum anderen… naja, so ist es nunmal… Ich kann nicht schwimmen.

Denkt, was ihr wollt! Klar, von Tintenfischen erwartet man irgendwie, dass sie schwimmen können. Aber so einfach ist das nicht! Wasser ist allen Tintenfischen unangenehm, weil es die Tinten-Farbpigmente aus unserem Körper löst. Ohne die Pigmente sind wir nur halb so spektakulär und an unsere menschliche Form gebunden. Keine Tintenfischtransformation und kein Schwimmen in Tintenflecken. Das heißt nicht, dass Tintenfische generell nicht im Wasser schwimmen können oder dass wir uns nie waschen würden, das tun wir durchaus! Aber ich meinerseits kann nicht schwimmen. Hab’s nie gelernt. Vor der Uni lebte ich fernab von größeren Wasserflächen und an der Uni war ich viel zu sehr mit wichtigerem beschäftigt. Somit zappelte ich nun hilflos im Wasser herum und versuchte verzweifelt, nicht unterzugehen.

Doch wie ich bereits sagte, es gibt auch Tintenfische, die schwimmen können. Während ich Salzwasser schluckte, sprangen Una und Dubora ins Wasser, um mich zu retten. Fast so schnell wie ein Tintenfisch in einem Tintenmeer waren die beiden bei mir, um mich aus dem Meer zu fischen. Ich sag euch, die beiden haben es echt drauf! Nach diesem Unglück war die Prüfung für mich aber erstmal vorbei. Ich spuckte noch eine Weile lang Wasser aus und ging dann mit meinen beiden Freunden ein Eis essen. Oder zwei oder drei. Irgendwie muss man ja das viele Salz ausgleichen!

Nein, die drei Tentakel hatten keine Anstalten gemacht, mir zur Hilfe zu eilen. Doch das kann man von ihnen auch nicht erwarten. Wobei sie bestimmt gut schwimmen können, schließlich lebten ihre Vorfahren in Atlantis.

Kapitel 17: Ein Besuch beim Zahnarzt
Habt ihr „Jaws“ gesehen? Oder „Der weiße Hai“? „Sharknado“? Ich nicht. Werd‘ ich auch nicht. Was heute passiert ist, übertrifft aber defintiv jede Hai-Geschichte, die jemals geschrieben wurde oder geschrieben wird. Auch diese Geschichte hier selbst.

Als ich auf das Prüfungsgelände trat, fiel mir sofort auf, dass Una und Dubora ungewöhnlich viel Abstand hielten und sich hinter einer Mauer zurückgezogen hatten. Da bekam ich sofort ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, denn die beiden ließen sich nicht so leicht verängstigen. Als die Prüfung begann, wurde auf einen Schlag alles klar. In der heutigen Prüfung stand ich einem riesigen, zähnefletschenden Roboter-Hai gegenüber!

Wie wir Tintenfische, konnte auch der Hai in Tinte abtauchen und schwimmen. Diese verblüffende Technik wurde damals während des Krieges entwickelt. Wahrscheinlich ist der Hai selbst ein Relikt aus dieser Zeit und diente damals als Kriegswaffe. Er bewegte sich mit beachtlicher Geschwindigkeit vorwärts, war dabei aber nicht sehr wendig. Düste er in eine Richtung los, wich man also am Besten zur Seite aus, während der Roboter schnurstracks geradeaus über jedes Hindernis hinwegdonnerte.

Als er das erste Mal auf mich zustürmte, war ich von dem Metallkoloss noch zu verblüfft, um schnell genug zu reagieren. Beinahe hätte er mich gefressen! Ich konnte mich noch gerade so retten. Der Hai hielt an, drehte sich auf der Stelle herum und startete einen neuen Versuch. Doch diesmal war ich schneller. Ich sprang beiseite, richtete meine Tintenknarre auf das Ungetüm und drückte ab. Der Roboter hielt wieder an, drehte sich zu mir und grinste mich an, ganz so, als wolle er sagen, „Deine kleine Wasserpistole kann mir nichts anhaben!“

Dieses blöde Grinsen wischte ich ihm aber schnell aus dem Gesicht! Platsch! Platsch! Platsch! Eine Ladung nach der Anderen traf die blitzenden Zähne des Haies. Offenbar war dies seine Schwachstelle, denn nach einigen Treffern fielen ihm die Zähne aus! Die Freude hielt aber nicht lange an, denn nach wenigen Augenblicken wuchsen die Zähne nach. Der Hai tauchte wieder ab. Diesmal stürmte er aber nicht auf mich zu sondern entfernte sich. Nachdem er außer Schussreichweite war, tauchte er wieder auf und ließ ein ohrenbetäubendes Brüllen erklingen. Danach fielen ihm alle Zähne aus. Zumindest dachte ich das zunächst, doch dann flogen die Zähne auf mich zu wie kleine Raketen!

Statt wie normale Raketen zu explodieren, blieben die Zähne aber plötzlich in der Luft stehen. Ich wunderte mich, was das denn bringen sollte, als die Zahnraketen begannen, mit Tintenkugeln nach mir zu schießen! Nachdem jeder Zahn seine Tintenladung abgegeben hatte und ich wie wild umhergesprungen war, um auszuweichen, flogen die Zähne zurück in das Maul des Roboters.

Nur wenige Momente darauf begann der Roboter erneut einen Sturmangriff in meine Richtung. Dieses mal wich ich nicht aus. Ich hatte einen Plan! Der Hai kam näher und näher, fletschte seine Zähne, um zuzubeißen, und schnappte schließlich zu. Doch was er zu schlucken bekam, war kein Tintenfisch. Nein, heute standen Tintenbomben auf dem Speiseplan!

Darauf war die Mechanik des Roboters nicht ausgelegt. Gegen Angriffe von außen war er bestens gepanzert, doch wenn eine derartige Tintenladung direkt in seinem Inneren explodierte, half die stärkste Metalllegierung nichts. Die Tinte drang in jedes noch so kleine Eckchen in seinem riesigen Leib und legte jedes bewegliche Teilchen und jeden Schaltkreis lahm. Der Riesenhai war besiegt. Kapitän Ahab wäre stolz auf mich.

Kapitel 18: Wasabi (Teil 1)

Im Uni-Alltag bot sich kaum etwas neues für mich, nun, da ich schon so weit fortgeschritten war. Revier- und Rangkämpfe waren fast schon Routine – aber natürlich weiterhin fordernd, denn meine Mitstudenten schliefen selbstverständlich auch nicht. Ab und zu gab es neue Waffen oder sogar eine neue Arena. Erst neulich wurden die Muränentürme eröffnet. Dieses Kampffeld bestand aus zwei hohen Türmen, auf denen je eines der Teams startete und von denen aus viele Treppenstufen im Zickzack hinab führten. So hatte man auf seiner eigenen Seite den Vorteil, von oben herab schießen zu können, doch gleichzeitig auf der gegnerischen Seite den entsprechenden Nachteil. Meistens zentrierte sich daher das Kampfgeschehen auf eine kleine quadratische Fläche unten zwischen den Türmen. Nur selten gelang es einem Team, den gegnerischen Turm zu erklimmen.

Meinerseits hatte ich nur wenig Zeit auf den Muränentürmen verbracht, sondern kämpfte mich fast ohne Unterbrechung durch Prüfungen. Ich weiß, ich weiß, das hatte ich mal anders geplant. Doch es lief so gut und machte so viel Spaß, ich konnte mich überhaupt nicht stoppen! Manchmal packte mich der Übermut so sehr, dass ich durch ein Prüfungsgelände nur so hindurchsauste – und entsprechend auch die Schriftrolle mit den Prüfungsfragen übersah. Nichtsdestotrotz hatte ich bald alle Prüfungen hinter mir. Alle, bis auf eine… die finale Abschlussprüfung.

Um zur letzten Prüfung zu gelangen, musste ich tatsächlich in einem UFO mitfliegen. Dadurch wollte man dem Ereignis wohl etwas besonderes und festliches verleihen. Am Ziel angekommen, wurde ich von dem alten, verlausten Professor bereits erwartet. Una und Dubora waren auch da, um meiner letzten Glanzleistung beizuwohnen. Doch das waren nicht die einzigen, die anwesend waren. Nein, wir befanden uns auch in der Gesellschaft eines riesigen Oktopusses, dem König der Tentakel! Mit seiner übergroßen goldenen Tentakelkrone saß er in einem mächtigen Fluggerät, das mit Neonlichtern protzte.

König Wasabi war der höchstentwickelte Tentakel, der in der heutigen Welt noch lebte. Man bekam ihn nur äußerst selten zu Gesicht – genau genommen nur während der Abschlussprüfung. Denn gewissermaßen war er die Prüfung: Wir Tintenfische mussten uns ihm und seiner bombastischen Kampfmaschine stellen und ihn im Kampf besiegen.

Dabei kannte der Mega-Tentakel keine Gnade. Mit zwei großen Roboter-Fäusten schlug er auf mich ein, während er sich über meine kläglichen Ausweich- und Abwehrversuche lustig machte. BUMM! Die linke Faust landete direkt neben mir. BAMM! Die rechte Faust schlug mich fast zu Brei. Die Linke sauste wieder auf mich zu und ich hielt verzweifelt mit meiner Tintenpistole dagegen. Tinte schien die Faust zu verlangsamen, doch sie kam trotzdem immer näher. Immer näher… und näher. Es war bereits zu spät, zur Seite zu springen. Ich kniff die Augen zu und hielt den Abzug meiner Waffe gedrückt. Ich spürte die Faust bereits einschlagen.

Zu meiner allergrößten Überraschung wurde ich aber nicht zermalmt. Im letzten Moment hatte mein Tintenfeuer dazu geführt, dass die Faust zurückgeschleudert wurde. Statt in mein Gesicht schlug die Metallhand im Fluggerät von König Wasabi ein und hinterließ eine tiefe Delle. Ich sprang vor Freude in die Luft – und wurde von einem Tinten-Torpedo einige Meter nach hinten geschleudert. Beinahe wäre ich von der schwebenden Plattform gefallen, auf der wir kämpften.

Die nächsten Minuten kamen mir vor wie Stunden. Unaufhörlich wich ich Torpedos aus, während ich versuchte, die Fäuste zurückzuschlagen. Jedes mal, wenn eine Roboterhand erfolgreich abgewendet wurde und bei König Wasabi einschlug, wurde sein Fluggerät durch die Wucht nach hinten weggedrängt. Ich musste also hinterher, was sich nicht immer als einfach erwies. Wie ich bereits erwähnte, fand die Prüfung auf schwebenden Plattformen statt und es war nicht leicht, von einer Plattform zur nächsten zu gelangen.

Diese letzte Prüfung verlangte den Prüflingen noch einmal all ihr Können ab. Propeller mussten durch gezielte Tintenschüsse in Drehung versetzt werden, um Plattformen zu bewegen. Unsichtbare Brücken führten über bodenlose Abgründe. Tentakel sprangen aus dem Hinterhalt hervor und griffen erbarmungslos an. Schwämme mussten mit Tinte aufgefüllt werden, damit ihr Volumen um ein Vielfaches anstieg und man sie als Laufstege verwenden konnte. Sepiadukte mussten in Fluss gebracht und durchschwommen werden.

Derweil griff König Wasabi unentwegt mit seinen Fäusten und Torpedos an. Nachdem er einige Plattformen weit zurückgedrängt war, verwendete er überdies noch überdimensionierte Tintenbomben und sogar Heulbojen. Normalerweise fanden diese Heulbojen in unseren Tintenfisch-Kämpfen als Spezialwaffe Verwendung. Sie schossen einen konzentrierten Tintenstrahl, der sogar Wände durchdringen konnten. Wurde man von so einem Strahl getroffen, dann war man erstmal für eine Weile weg vom Fenster.

Mein Herz raste und mein ganzer Körper stand unter Hochspannung. Oft konnte ich den Angriffen nur sehr knapp ausweichen. Es war ein Wunder, dass ich überhaupt so lange durchgehalten hatte. Eine Verschnaufpause wäre mir ganz recht gewesen, aber der Kampf ging unaufhörlich weiter. Plötzlich fingen Dubora und Una an, ein Lied zu trällern – wahrscheinlich, um mich anzufeuern. Doch auch wenn die beiden den Stars der Squid Sisters, Aioli und Limone, ähnlich sahen, verfügten sie keinesfalls über deren Gesangstalent. Statt mich aufzumuntern, war das eher äußerst ablenkend.

Ich hatte das Gefühl, mich in der finalen Phase dieser finalen Prüfung zu befinden. Zwischen Fäusten, Torpedos und Bomben schoss König Wasabi nun auch mit Mega-Torpedos. Die waren etwa fünfmal so groß wie seine normalen Torpedos und mussten wie die Fäuste zurückgeschleudert werden, wenn ich den Tag noch überstehen wollte. Wenn sie auf dem Boden einschlugen, sollte man besser nicht in der Nähe sein. Einmal, zweimal, dreimal gelang es mir, die Mega-Torpedos an den Absender zurückzusenden, doch als der vierte auf mich zuflog und neben mir zwei Fäuste einschlugen, wurde ich von einer Heulboje erwischt. Selbst wenn die Plattform, auf der ich mich befand, breiter als ich selbst gewesen wäre, hätte ich unmöglich ausweichen können.

Das wars. Ich hatte versagt. Fast hätte ich es geschafft, ich war so weit gekommen, doch am Ende hatte es einfach nicht gereicht. Das war eine schwere Niederlage. Doch zu meinem Trost versicherten mir Una und Dubora, dass es bisher noch kein einziger Student geschafft hatte, die Abschlussprüfung im ersten Durchlauf zu bestehen.

Nur zu gern wäre ich die Ausnahme von dieser Regel gewesen.

Kapitel 19: Wasabi (Teil 2)
Es war offensichtlich, dass ich noch mehr trainieren musste. Meine Reflexe mussten schneller werden, meine Bewegungen geschmeidiger, meine Schüsse treffsicherer. Da kam es mir gerade recht, dass zwei neue Kampfarten eingeführt wurden. Der Turmkampf und die Operation Goldfisch lösten sich mit dem Rangkampf ab und wirkten sich ebenso auf den Rang aus.

Beim Turmkampf war ein kleines Türmchen in der Mitte des Kampffeldes platziert, welches sich auf einer vorgegebenen Bahn vor- und rückwärts bewegen konnte. Standen nur Mitglieder eines Teams auf dem Turm, so war der Turm unter der Kontrolle dieses Teams und bewegte sich auf die Kampffeld-Seite des gegnerischen Teams zu. War ein bestimmter Zielpunkt erreicht, so war der Kampf gewonnen. Allerdings war man auf dem Türmchen ungeschützt den Angriffen der Gegner ausgesetzt, sodass die Herrschaft über den Turm oft wechselte und er sich immer wieder hin- und zurück bewegte.

Die Operation Goldfisch verfolgte ein ähnliches Prinzip. Statt eines Turmes gab es jedoch eine besondere Tintenkanone. Diese musste aufgehoben und zu einem Ziel in der gegnerischen Kampffeldhälfte gebracht werden. Im Gegensatz zum Turmkampf gab es keine vorgegebene Linie und die Kanone konnte nicht weitergereicht werden. Außerdem explodierte die Kanone, wenn man sie länger als eine Minute bei sich trug. Dafür konnte man aber mächtige Tintenstrudel schießen, die allerdings eine kurze Aufladezeit hatten.

Bei diesen beiden Kampfarten zentrierte sich das Kampfgeschehen durchgehend auf einen kleinen Punkt: Den Turm beziehungsweise die Goldfischkanone. Dadurch entstand ein wildes Kampfgetümmel, welches dem Chaos der Abschlussprüfung sehr nahe kam. Somit boten diese Kämpfe das perfekte Training! Nachdem ich mich zwei Wochen lang durch diese harten Kämpfe gerungen hatte, fühlte ich mich bereit dazu, einen zweiten Anlauf zu wagen. König Wasabi, ich komme!

Wieder einmal flogen mir riesige Metallfäuste und Torpedos um die Ohren. Doch diesmal beherrschte ich die Angriffsmuster von König Wasabi bereits aus dem Effeff. Der tentaklige Geselle war nicht besonders kreativ und griff fast durchgehend in einer vorhersehbaren Reihenfolge an. Linke Faust, rechte Faust, zwei Torpedos, zwei Bomben. Aus den Bomben sprangen bei der Explosion kleine Tentakel, die sofort angriffen.

Trotz dessen, dass ich seine Angriffe vorausahnen konnte, war es kein Kinderspiel, damit umzugehen. Es passierte immer so viel um mich herum, dass ich kaum wusste, worauf ich mich konzentrieren sollte. Riesenfaust abschießen oder lieber erst ausweichen und zwei kleine Tentakelwesen fertigmachen? Oft wich ich nur ganz knapp den Angriffen aus, weil ich sie nicht kommen sah. Ich musste zwei Mega-Torpedos hintereinander zurückwerfen, um König Wasabi zurückzudrängen, andernfalls hatte er genug Zeit, sich zu erholen. Doch oft genug konnte ich mich nicht darum kümmern, weil ich mit kleineren Gegnern beschäftigt war oder einer Heulbojen-Schockwelle ausweichen musste.

Doch ich wäre kein waschechter Tintenfisch, wenn ich nach den letzten Trainingswochen nicht mit diesem Tohuwabohu klarkommen könnte. Ja, es war oft knapp, doch ich kam immer gerade noch so aus der Gefahr heraus. Die paar wenigen Tintenspritzer, die ich trotzdem abbekam, machten mir nicht viel aus. Noch einmal würde ich die Prüfung nicht vermasseln, das wäre viel zu peinlich. Als Una und Dubora schließlich wieder anfingen zu singen, stopfte ich mir Gehörschutzstöpsel in die Ohren. Diesmal würde mich ihr Hilfeversuch nicht wieder um den Verstand bringen!

Faust, Faust, Torpedo, Torpedo, Bombe, Bombe, Faust, Faust, Mega-Torpedo, Mega-Torpedo, Mega-Torpedo! Jeden einzelnen Angriff blockte ich gekonnt ab, jede Faust und jeder Mega-Torpedo wurden zurückgeschleudert. König Wasabis Roboter-Fluggerät war stark, doch ich war stärker. Sein Schutzschild war gebrochen, er verlor die Kontrolle. Ich nutzte die Gelegenheit, um aufzuspringen und dem Oktopus aus nächster Nähe eine kräftige Ladung Tinte aus meiner Knarre zu verpassen. Das war zu viel für den kleinen Kerl. So schlimm hatte ihm noch kein Student zuvor zugesetzt.

Ich hatte bestanden. Egal, was König Wasabi mir entgegen geworfen hatte, ich bin damit fertiggeworden. Ich hatte bewiesen, alles zu können, was ein Tintenfisch können musste. Una und Dubora grinsten mich an, der Professor schüttelte mir die Hand. Ich war berauscht vor Glückseligkeit.

Damit war mein Studium an der Tintenklecks-Universität beendet. Es gab nichts mehr, was man mir hier noch beibringen könnte. Ich war nun bereit dazu, das Leben eines erwachsenen Tintenfisches anzutreten. Doch ihr erinnert euch bestimmt: Es gibt keine erwachsenen Tintenfische. Oder etwa doch?

ENDE

Autor: Christopher Dillo