Battle Chef Brigade (PC | PS4 | SWI)

Biber

GUF Veteran
25 August 2016
2.703
225
63
Hamburg
www.youtube.com

Nach den ersten Schritten in diesem merkwürdigen Genremix hatte ich mir einen echten Geheimtipp versprochen. Battle Chef Brigade ist im Kern eines der verhassten Match-3-Spiele, die Billiarden von U-Bahn-Fahrern zu "Smombies" (Fast-Jugendwort irgendeines Jahres) machen. Aber nicht nur ist es ein sehr gutes, weil vielfältiges Match-3-Spiel, es ist dazu ein RPG, ein Beat 'em Up und ein Kochspiel. Was?

Ja. Das Spiel startet sehr selbstbewusst mit einer bizarren Prämisse: In einer Welt lebt, die von Monstern bevölkert ist, ist der beste Umgang damit nicht, wie es üblich wäre, eine stolze Kriegerarmee ins Leben zu rufen, die die Bevölkerung schützt, nein. In dieser Welt ist es ein Elitenzirkel von Spitzenköche, die die Monster jagt und danach... zubereitet. Die ganze Kultur dreht sich um hervorragendes Essen und die Köche sind hochangesehene Kulturbotschafter, Kämpfer, Forscher und Küchenchefs. All das wird einfach selbstverständlich gesetzt und in eine schöne Präsentation verpackt. Man spielt Mina Han, eine hochtalentierte junge Köchin, die unbedingt Teil der "Brigade" werden will. Die Eltern würden sie gerne im Heimatdorf halten, wo sie ein Restaurant betreiben, aber Mina ist für... Höheres bestimmt. Doch in der Hauptstadt, in der jährlich das große Turnier zur Ermittlung der neuen Mitglieder der Brigade stattfindet, wütet schon bald eine seltsame Krankheit. Mina und ihre neugefundenen Freunde müssen die Krankheit erforschen, wittern Verraten in den Reihen der Bridage und müssen nebenbei das Turnier bestehen. Das alles klingt toll und wenn man zu Beginn auf der Weltkarte vom Heimatdorf zur Hauptstadt reist, erwartet man ein skurilles, frisches, großes Abenteuer. Die Sprecher sind gut, die Story ist schön erzählt.

Die Hauptmissionen bestehen im Grunde aus zwei Aspekten: Jagd und Kochen. Dazu kommen Nebenmission, dazu später mehr. Die Hauptmissionen sind die "Cooking Matches" gegen einen anderen Aspiranten, bei denen man zum einen Monster jagen muss und zum anderen deren Einzelteile im Match-3-Verfahren zu köstlichen Speisen kombinieren muss. Die Einzelteile bestehen aus verschiedenfarbigen Kugeln (rot, blau, grün), von denen drei in Kombination eine bessere Version ergeben. Jede Kugel kann man so insgesamt zweimal steigern. Je mehr Kugeln höherer Werte im Essen sind, umso besser schneidet man ab. Dazu muss man die Vorliebe der Juroren beachten - sie wollen eine der Farben am "stärksten" vertreten sehen oder - schwierig - zwei Farben gleichwertig haben. Dann muss vom jeweils höchsten Wert exakt genauso viel blau wie rot im Essen sein. Zudem gibt es bei jedem Match ein Thementier, das zwingend enthalten sein muss. Missachtet man eine der Vorgaben oder landen verdorbene Teile im Essen, gibt es Punktabzüge. Dazu gibt es dann allerlei Items, die das Kochen interessanter machen. Startzutaten, Saucen, die Kugeln umfärben, Töpfe und Pfannen, die schon eine Match-2-Aufwertung ermöglichen, aber nur für eine Farbe funktionieren, solche, die langsam, aber automatisch die Farben verbessern oder ein Schneidebrett, mit dem man unliebsame Teile wie Gift oder falsche Farben aus den Tiereinzelteilen herausschneiden kann. Man muss die Zutaten aber auch erstmal erjagen, wofür man die Küche verlässt und durch ein Portal in eine Monsterzone teleportiert. Dort hat man viele Moves und wiederum Items zur Auswahl, um die richtigen Tiere zu erlegen. Man hat aber nur begrenzt Platz für Zutaten, so dass man ständig zwischen Küche und Arena wechseln muss. So muss man sein Menü im Zeitlimit gut planen und sich eine Strategie zurechtlegen. Zwischen den Matches gibt es ein bisschen Dialog und Story mit den NPCs in der Hauptstadt und Nebenmissionen, bei denen man entweder bestimmte Tiere jagen muss (und neue Moves kennenlernt) oder im Restaurant aushelfen muss und in einem Zeitlimit verschiedene Farbkombinationsvorgaben herstellen muss oder aus Puzzeln, bei denen man mit begrenzten Zutaten das Optimum aus einer Pfanne herausholen muss.

Das klingt bis hierhin nach einem... fantastischen Spiel, das viele Gameplaymechaniken mixt, strategisches Handeln erfordert und sehr unterhaltsam ist. So ist es auch in der Theorie und die ersten ein, zwei Stunden verspricht das Spiel, das zu werden. Aber dann liefert es nicht. Zum einen ist es viel zu einfach. Das Spiel könnte komplizierte Rätsel bieten, aber alle entsprechenden Nebenmissionen sind sehr schnell gelöst. Das Spiel könnte die vielen Kampfmechaniken nutzen, um den Spieler herauszufordern und Risk-Reward-Systeme bieten, bei denen man grausige Monster besiegen muss, um besonders gute zutaten zu ergattern. Im Grunde funktioniert es genau so, nur ist letztlich jedes Monster leicht zu überwältigen, es dauert nur länger bei den großen Brocken, so dass man sich zwischen zwei kleinen oder einer großen Zutat entscheiden kann - beides bringt ähnlich viel. Das Spiel könnte auch mit fähigen Gegnern vom Spieler verlangen, nahezu perfekt zu kochen, doch jeder Gegner bis zum Schluss ist so schwach, dass man mit gewaltigem Punktabstand gewinnt. Das ist ärgerlich unnötig, weil die vorhandenen Mechaniken all das ermöglichen würden. Das gesamte Pacing und die Spannungskurve sind missraten. Man macht letztlich jeden Tag dasselbe. Jeweils eine der drei Nebenmissionen und ein Match. Es gibt etwa vier verschiedene Monsterarenen mit den immergleich platzierten Monstern. Es fehlen einfach in jeder Hinsicht der zweite bis fünfte Schritt, der aus einem guten Beginn ein fantastisches Spiel machen. Am schlimmsten ist das vorletzte Kapitel, bei dem man die Spielfigur wechselt. Die Story, die dort erzählt wird, bietet keine Spannung, weil es eine Rückblende vor das vorige Kapitel ist und man den Ausgang schon kennt und der Schwierigkeitsgrad sinkt nochmal kräftig. Man hat eine coole neue Figur mit neuen Fähigkeiten, aber das Tempo des Spiels vor dem Finale wird komplett auf null gesetzt. Bei The Last of Us mag das funktionieren ("Retardierendes Moment"), hier ist es völlig fehl am Platz. Man schleift sich am Ende von Tag zu Tag und auch die eigentlich charmante und interessante Story entpuppt sich als Mogelpackung. In anderen RPGs wird die kleine Protagonistin vom Dorf in immer höhere Zirkel verstrickt, hier bleibt alles seicht und harmlos. Ja, man rettet das Land vor der Plage und man baut Freundschaften auf, aber das passiert alles in denselben drei Arealen und man steigt nie wirklich auf. Ich hatte erwartet, dass man nach der Hälfte des Spiels als Teil der Brigade in die Welt reist, die auf der Karte versprochen wird. Nee. Das ist eh so lächerlich. Die Karte, die anzeigt, wo man ist, wechselt hauptsächlich zwischen drei Orten in der Hauptstadt hin und her: Trainingsplatz, Stadt, Arena. Dazu kommt Minas Heimatdorf und ein anderes Dorf, in das man kurz reist. Es ist auch hier eine Mogelpackung.

Nun ist zwar klar, warum das so ist: Kleines Team, kaum Budget, deshalb auch keine Animationen, sondern pro Figur fünf verschiedene Zeichnungen wie bei Virtue's Last Reward. Das macht alles nix. Aber das Spiel lockt einen so sehr mit Mysterien, einer großen Welt und einer Verschwörung, dass man mehr erwartet. Doch man wird immer und immer wieder enttäuscht.

Das ist schade. Ich hätte gerne gesehen, dass ein Entwickler dieses stumpfe Prinzip aus den U-Bahnen holt und mit all den tollen Ideen, die im Spiel angelegt sind, etwas Großes daraus macht. Doch am Ende dreht man bunte Kugeln, damit sie fusionieren. Match-3 eben.

Es ist eines der seltenen Spiele, die weniger sind als die Summe ihrer Teile.