Verfügbarkeit digitaler Spiele

Sun

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20 November 2016
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Man muss ja nicht bei Release kaufen. Und bei den Spielen, bei denen ich ungeduldig bin, bin ich nicht geizig.
 

Yoshi

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9 August 2016
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Hagen
Achso, ist doch gar nicht so wild. Bei Release ist es teuer, aber mittlerweile wird doch vieles in den digitalen Shops bei den Sales wirklich günstig verkauft.
Solange Retail und Digital nebeneinander stehen, wäre digitale Preistreiberei ja auch nicht sehr geschickt. Wenn aber Spiele fast nur noch über ein Oligopol von Online-Shops angeboten werden, kann man die Preise durchaus flexibler gestalten.
 

Zeratul

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24 August 2016
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Also wieso mit der Angst durchs Leben laufen, dass die Gefahr besteht auf ein Spiel in etlichen Jahren möglicherweise, theoretisch, keinen Zugriff mehr zu haben anstatt einfach Spaß im Jetzt damit zu haben? Ich würde da kirre werden. :)
Ich glaube meine Ansicht zu digitalen Spielen kam etwas falsch rüber: Ich habe generell nichts dagegen mir Spiele digital zu kaufen. Ganz im Gegenteil, ich sehe sogar sehr viele Vorteile darin, die hier auch schon genannt wurden, wie z.B. der häufig deutlich günstigere Preis und dass ich alle Spiele sofort greifbar habe ohne erst den Datenträger tauschen zu müssen und die ganzen Spiele auch irgendwo lagern zu müssen. Fände ich es so schlimm Spiele digital zu erwerben, hätte ich keine 150 Spiele bei Steam. :-D
Die Nachteile sind hingegen, dass man die Spiele nicht verleihen kann und die teilweise beschränkte Verfügbarkeit. Und letzteres sehe ich schon als Problem. Bei Steam wie gesagt nicht, weil der PC keinem Generationenwechsel unterliegt und ich nicht glaube, dass Valve in den nächsten Jahrzehnten pleite gehen wird. Bei den Konsolen sehe ich das hingegen mit den aktuellen "Vertriebsmodellen" etwas kritischer, wenn ich mir die Sache mit der Wii betrachte und bedenke, dass das bei den anderen Konsolen durchaus ähnlich ablaufen könnte. Im Falle der Wii trifft mich das nun überhaupt nicht, da ich dort 2 WiiWare Spiele und 5 VC Spiele oder so hatte und bei den WiiWare Spielen war eines noch das grottige Lost Winds.
Auf der PS4 hingegen habe ich jetzt Spiele wie Bloodborne, The Last Guardian, The Last of Us oder Journey digital erworben und da fände ich es schon schade, wenn ich die in 10-15 Jahren nochmal irgendwo (eventuell teuer) auftreiben müsste, wenn ich sie nochmal spielen will. Wenn Sony das hingegen auch so handhaben sollte, dass das Angebot im PSN für alle Konsolen "ewig" bestehen bleibt, dann sehe ich in den digitalen Käufen überhaupt keine Probleme.

Und natürlich gibt es immer mehr als genug aktuelle Spiele, sodass ich nicht ein altes Spiel nochmal spielen müsste, um gute Unterhaltung zu haben. Aber es gibt eben doch einzelne Spiele, die man immer wieder mal zocken möchte. Super Mario World z.B. habe ich das erste mal mit 6 oder 7 Jahren durchgespielt, also vor etwa 24 Jahren. Es ist noch keine zwei Jahre her, dass ich mit zwei Freunden nen Retro-Abend gemacht habe und wir letzten Endes Super Mario World komplett durchgezockt haben. Ähnlich erging es mir mit Perfect Dark, Lufia, Chrono Trigger usw.. Und so wird es mir sicher auch irgendwann mit den Spielen der letzten Jahre oder den aktuellen Spielen gehen.

Lange Rede kurzer Sinn: Ich sehe das eigentlich ähnlich wie Lottogewinner (ich habe mich übrigens auch seit Wochen gefragt, wer du im alten Forum warst :D). Spiele digital anzubieten ist toll, wenn es richtig umgesetzt ist. Und dazu zählt für mich eben auch eine langfristige Verfügbarkeit.
 
19 November 2018
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Digital ist ökologisch unbedenklicher :prof:
Ist das überhaupt so? Hatten wir nicht auf dem alten GU mal diese Studie, wonach das nur für Spiele (oder generell Dateien) unter drei Gigabyte galt? Klar, das war der Strommix von damals, der Verbrauch der Server von damals, aber wenn die Studie und meine Erinnerung daran stimmen, dürfte das immer noch nur für Indies, aber nicht für Spiele im zweistelligen Gigabytebereich gelten.

Dann muss man, da es hier um die längerfristige Verfügbarkeit geht, bedenken, dass es wahrscheinlicher ist, ein 20 Jahre altes physisches Spiel als Sammler im Schrank zu haben, als sein 20 Jahre altes digitales Spiel auf der Festplatte. Bei der Verwendung des alten Downloads geht der CO2-Verbrauch der Besorgung quasi von vorne los, beim physischen Spiel nicht. Das gilt auch, wenn man das physische Spiel erst bei ebay besorgen muss, denn dann fällt der Produktionsprozess weg und der Zyklus ist abgekürzt, beim Download ist er fast unverändert, da der Kauf im Downloadshop kaum mehr Klicks erfordert als die Suche in der eigenen Bibliothek.

Ich weiß nicht, ob die Studie seinerzeit Patches einbezogen hat. Bei Neukäufen zu Release fast egal, da man höchstens den ersten Patch spart, kann das bei älteren Spielen den Abstand verringern, da die Downloadversion gleich auf dem neusten Stand sein kann, die Datenträgerversion nicht.
Das spielt bei 20 Jahre alten Spielen noch keine Rolle, bei 5 Jahre alten Spielen schon. So alt ist vielleicht auch die Studie.

Edit: Vor 20 Jahren war 1999. Vielleicht hätte ich besser von 10 Jahren geredet.
 
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Yoshi

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9 August 2016
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Hagen
Ist das überhaupt so? Hatten wir nicht auf dem alten GU mal diese Studie, wonach das nur für Spiele (oder generell Dateien) unter drei Gigabyte galt? Klar, das war der Strommix von damals, der Verbrauch der Server von damals, aber wenn die Studie und meine Erinnerung daran stimmen, dürfte das immer noch nur für Indies, aber nicht für Spiele im zweistelligen Gigabytebereich gelten.

Dann muss man, da es hier um die längerfristige Verfügbarkeit geht, bedenken, dass es wahrscheinlicher ist, ein 20 Jahre altes physisches Spiel als Sammler im Schrank zu haben, als sein 20 Jahre altes digitales Spiel auf der Festplatte. Bei der Verwendung des alten Downloads geht der CO2-Verbrauch der Besorgung quasi von vorne los, beim physischen Spiel nicht. Das gilt auch, wenn man das physische Spiel erst bei ebay besorgen muss, denn dann fällt der Produktionsprozess weg und der Zyklus ist abgekürzt, beim Download ist er fast unverändert, da der Kauf im Downloadshop kaum mehr Klicks erfordert als die Suche in der eigenen Bibliothek.

Ich weiß nicht, ob die Studie seinerzeit Patches einbezogen hat. Bei Neukäufen zu Release fast egal, da man höchstens den ersten Patch spart, kann das bei älteren Spielen den Abstand verringern, da die Downloadversion gleich auf dem neusten Stand sein kann, die Datenträgerversion nicht.
Das spielt bei 20 Jahre alten Spielen noch keine Rolle, bei 5 Jahre alten Spielen schon. So alt ist vielleicht auch die Studie.

Edit: Vor 20 Jahren war 1999. Vielleicht hätte ich besser von 10 Jahren geredet.
An eine solche Studie erinnere ich mich uch, dachte aber sie nur im NeoGAF gesehen zu haben.
 

Zelos

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24 August 2016
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Wird da auch an die Logistik gedacht in der Studie? Wenn für Videospiele Flugzeuge, Schiffe und/oder trucks durch die Nationen fahren und Sprit verbrauchen und Abgase produzieren, dann kann ein Download unmöglich schlimmer sein.
 

Yoshi

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9 August 2016
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Wird da auch an die Logistik gedacht in der Studie? Wenn für Videospiele Flugzeuge, Schiffe und/oder trucks durch die Nationen fahren und Sprit verbrauchen und Abgase produzieren, dann kann ein Download unmöglich schlimmer sein.
Ja, das wurde berücksichtigt in der Studie.
 

Biber

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25 August 2016
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Man muss Geld bezahlen, um die Studie einsehen zu können, aber ich würde sowas immer mit Vorsicht genießen. Sehr oft werden in den Fazits von solchen Studien Schlüsse gezogen, die nicht zulässig sind oder der ganze Studienaufbau ist fehlerhaft, weil Dinge außer Acht gelassen oder nicht korrekt miteinander vergleichen werden. Ich erlebe das ständig mit Bildungsstudien. Ich kann nur die kurze Zusammenfassung der Studie von 2014(!), die sich auf Daten von 2010(!) beruft, einsehen:

This research investigates the carbon footprint of the lifecycle of console games, using the example of PlayStation®3 distribution in the UK. We estimate total carbon equivalent emissions for an average 8.8‐gigabyte (GB) game based on data for 2010. The bulk of emissions are accounted for by game play, followed by production and distribution. Two delivery scenarios are compared: The first examines Blu‐ray discs (BDs) delivered by retail stores, and the second, games files downloaded over broadband Internet. Contrary to findings in previous research on music distribution, distribution of games by physical BDs results in lower greenhouse gas emissions than by Internet download. The estimated carbon emissions from downloading only fall definitively below that of BDs for games smaller than 1.3 GB. Sensitivity analysis indicates that as average game file sizes increase, and the energy intensity of the Internet falls, the file size at which BDs would result in lower emissions than downloads could shift either up‐ or downward over the next few years. Overall, the results appear to be broadly applicable to title games within the European Union (EU), and for larger‐than‐average sized games in the United States. Further research would be needed to confirm whether similar findings would apply in future years with changes in game size and Internet efficiency. The study findings serve to illustrate why it is not always true that digital distribution of media will have lower carbon emissions than distribution by physical means when file sizes are large.
Zusammenfassung:

- Sie nutzen Daten von 2010.
- Gameplay macht den größten Teil des CO2-Verbrauchs aus.
- Berücksichtigt werden außerdem Produktion und Vertrieb. Hier unterscheiden sich digital und retail.
- Sie beziehen sich nur auf Retail-Spiele, die in Läden verkauft werden. Hier ist also der gesamte Onlinehandel mit weiteren Lieferketten völlig ausgeklammert. Genauso (vermutlich) die Fahrt des Endkunden zum und vom Laden per Auto.
- Bei Musik gibt es offenbar Studien, die darlegen, dass die digitale Distribution signifikant besser fürs Klima ist.
- Tatsächlich ist beim direkten Vergleich von 8,8 GB-Spielen die BluRayDisc in dieser Untersuchung im Vorteil.
- Erst bei einer Spielgröße von weniger als 1,3 rechnet sich der Download in dieser Untersuchung.
- Es kann nicht gesagt werden, ob sich das Verhältnis verstärkt oder relativiert, weil zwei Faktoren einander entgegenwirken: Größere Spieldaten (schlecht fürs Digitale) vs. geringere Energieintensität des Internets (schlecht für Retail).
- Finaler Satz: "Es ist nicht immer wahr, dass digitaler Vertrieb weniger CO2-Ausstoß verursacht."

Man müsste jetzt natürlich die Studie auf Herz und Nieren prüfen: Sind die Annahmen für den Transport wirklich korrekt? Was ist mit Onlinehandel von Retailspielen? Wird die Entsorgung von Verpackungsmüll berücksichtigt?

Aber in der Tat scheint es nicht so eindeutig zu sein. Zumindest nicht 2010.
 

Yoshi

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9 August 2016
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Hagen
@Biber das mit den Daten von 2010 ist imo eher ein Zeichen für die Seriosität der Studie. Wenn sie 2014 ausgeführt wurde, müssen ja konsolidierte Daten verwendet werden. Wenn sie Daten aus dem Vorjahr genommen hätten sie wahrscheinlich mehr schätzen müssen. Sie listen explizit auch Distribution der Blu-rays. In Städten dürfte im Mittel wahrscheinlich sogar der Postversand noch besser sein als der durchschnittliche Kauf im Laden, wegen der Synergie des Transports der gesamten Post. Videospiele sind klein und wiegen wenig, die Route des Paketdienstes umfasst den Großteil der Straßen in jedem Fall, so dass der Verbrauch im Mittel wahrscheinlich geringer ist, als wenn man die realen Verbrauchskosten beim Einkauf im Laden berücksichtigt (weil ein gewisser Anteil eben mit dem Auto fährt).

Bildungsstudien sind übrigens noch etwas anders als solche Verbrauchsstudien, weil bei Bildung der höchst instabile Faktor Mensch eine relevante Rolle spielt und die Grundlage in vielen Fällen eine sehr kleine Grundgesamtheit ist (einfach wegen des extremen Aufwands einer Studie an Menschen im Bildungsbereich). Womit nicht gesagt ist, dass die Studie unbedingt 100% zutreffend ist, aber die Unsicherheit ist mit Sicherheit geringer als die bei einer Bildungsstudie.

Ob heute die eine oder die andere Distributionsform ökologisch besser ist, ist imo schwer zu sagen, da es ja verschiedene Faktoren gibt, die Änderungen zur Folge haben:
- Effizientere Internettechnik
- Effizientere Transportfahrzeuge
- Größere Datenmengen
- variable Wiederverwendung (das ist in der Studie meines Wissens nicht berücksichtigt, aber durch selber erneut spielen in vielen Jahre, durch verschenken und durch verkaufen können noch weitere Vorteile für physikalische Medien entstehen)
- Day One Patches (die ein Großteil der Nutzer ja tatsächlich auch nutzt)

In jedem Fall zeigt die Studie aber schon, dass das Argument "als ökologisch eingestellter Mensch dürfte man keinesfalls physikalische Medien bevorzugen" nicht trifft. Denn selbst wenn für größere Spiele ebenfalls mittlerweile das Internet die ökologisch etwas bessere Distributionsform sein sollte (bei einmaligem Download - und selbst ich hab schon Spiele ein zweites Mal heruntergeladen...), der Anteil des ökologischen Fußabdrucks bei Videospielen, der durch die Beschaffung des Produkts anfällt, ist sehr gering im Vergleich zu dem des Gebrauchs des Spiels an sich. Das erscheint also kein hochbrisanter Punkt an dem ökologisch sinnvolleres Verhalten ausgemacht werden kann. Die Switch statt der Xbox One zum Spielen zu verwenden oder auch alte Konsolen (vor Xbox 360) zum Spielen zu verwenden - zwingend mit physikalischen Medien - ist demnach unzweifelhaft die wesentlich relevantere Einsparung.

Schlussendlich, weil du ja durchaus das Argument des ökologischen Gewissens hier schon angebracht hast in der Sache, müsstest du dann aber gegen Streaming (z. B. mit Stavia) Sturm laufen, denn da hat man quasi durchgängig wesentlich höheren Stromverbrauch als mit einem lokalen Spiel.
 

Biber

GUF Veteran
25 August 2016
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Das was du zur Gamingstudie sagst, ist sehr richtig. Zu Streaming auch. Zur Switch vs. Xbox-Relevanz auch. An das geringe Gewicht habe ich auch gedacht, das spielt sicher eine Rolle bei der "guten" Bilanz. In die Zukunft gedacht gehe ich aber davon aus, dass Herstellung und Kraftstoff immer schlechter sein werden als Elektrizität.

Was du hingegen zu den Bildungsstudien schreibst, geht voll an dem vorbei, was ich meine. Natürlich kann man beinharte Bildungsstudien aufstellen. Und man kann dabei auch gravierende methodische Fehler unternehmen oder die Ergebnisse mit der Brechstande umdeuten. Du untersuchst ja nicht "instabile" Menschen, sondern harte Fakten wie Übergangszahlen, Leistungsdaten, Abschlussquoten, Zusammenhänge zwischen Bildungserfolg der Eltern und der Kinder usw. Ich mach mir mal die Mühe mit einem sehr sehr guten Beispiel und bitte um Entschuldigung für einen krassen Exkurs: Die jüngste OECD-Studie zum Bildungserfolg.

Und da gibt es diesen hervorragend recherchierten Artikel der FAZ, der aufdeckt, wie die Studienbetreiber gegen jede Vernunft postulieren, das Bildungssystem in Deutschland sei besonders ungerecht.

Denn Deutschlands Schulsystem ist überhaupt nicht außerordentlich sozial ungerecht. Das ist sogar Ergebnis der Studie, obwohl die Botschaft von der "besonderen sozialen Ungerechtigkeit" des deutschen Schulsystems die Kernaussage aller internationalen OECD-Schuluntersuchungen seit gefühlt immer ist. Jeder, ob Journalist, Politiker oder Normalbürger, wiederholt diesen Unsinn, weil es überall steht. Das ist Teil von politischen Reden des ganzen Spektrums - vom Dorf bis zum Bundespräsidenten. Wir "wissen" das alle. Bildung hängt von Herkunft ab. In Deutschland mehr als anderswo. Doof.

Und so steht es auch im Fazit der jüngsten Studie. Nur in der Studie selbst wird nachgewiesen, dass die "soziale Ungerechtigkeit" von Bildungssystemen weltweit insgesamt nur marginale Unterschiede aufweist. Sie wird ermittelt mit sowas wie "xx Prozent der Schülerleistung ist herkunftsbedingt" (und somit auf soziale Ungleichheit zurückzuführen). 26 Länder kommen dabei auf den sehr guten Wert, dass nicht mehr als 10 Prozent der Schülerleistung auf die soziale Herkunft zurückzuführen ist. Weitere 26 Länder haben Werte zwischen 11 und 15 Prozent und bilden den Durchschnitt. Deutschland liegt mit einem Wert von 16 Prozent nur minimal schlechter als dieser Durchschnitt.

Das könnte man jetzt auch doof finden (aber nicht behaupten, Deutschland sei eines der Länder, in denen Bildungserfolg am stärksten von der Herkunft abhänge, es sind nur 16%!). Aber es geht noch weiter: Die sozial "gerechtesten" Länder sind nicht unbedingt Finnland oder Schweden. Das sozial "gerechteste" Land ist: Algerien. Warum? Weil alle Schüler wahnsinnig wenig lernen. Hier werden also Länder in ein Ranking gebracht, das wichtige Aspekte völlig ausblendet. Das meinte ich damit, dass man solchen Studien wirklich auf den Zahn fühlen muss, wie es dieser Artikel getan hat. Das Musterschülerland Singapur, das bei Pisa immer vorne lag und so vorbildlich gilt, hat übrigens einen etwas schlechteren Wert als Deutschland: 17 %. Deutschland ist, gemessen am Bildungsniveau, sogar verhältnismäßig "gerecht". Aber das sagt keiner, das weiß keiner und das will auch keiner wissen.

Was besonders ärgerlich ist: Deutschland hat sich in dem Ranking mit für Deutschland wahnsinnig schwierigen Rahmenbedingungen in den letzten Jahren sogar deutlich verbessert. Das stellt die OECD auch fest. Sie blenden das aber komplett bei ihrer Pressearbeit aus. Und zwar auf Nachfrage mit einer Begründung wie: "Ja, aber wir wissen doch, dass es sehr ungerecht in Deutschland ist!" Self-fulfilling prophecy. Und die meisten Journalisten tun ihr übriges, indem sie am liebsten zur negativen Schlagzeile greifen.

Mit solchen Idiotien habe ich ständig zu tun. Und es ist ganz schwer, dagegen anzuargumentieren, weil die "Wahrheit" so felsenfest zementiert ist. Ich will dabei nicht Wissenschafts- oder Journalistenbashing betreiben. Zum einen war es dieser gute FAZ-Journalist, der sich mal die Mühe gemacht hat, die Studie wirklich zu durchdringen und zum anderen gibt es ganz hervorragende Studien. Aber man darf eben nicht immer darauf vertrauen, dass jede Studie gleich seriös ist.

Nochmal der beste Absatz des Artikels direkt:

Doch bevor Feierstimmung aufkommen kann, bekräftigt die OECD in der gemeinsam mit der Vodafone-Stiftung erstellten deutschen Ausgabe der Studie, in Deutschland sei trotz aller Fortschritte „der statistische Zusammenhang zwischen Leistung und sozialer Herkunft noch immer sehr ausgeprägt“. Das war gar kein Ergebnis dieser Studie, die auf einer Sonderauswertung der Pisa-Daten von 2015 beruht. Wie der daran beteiligte Pressesprecher der OECD in Deutschland erklärte, wurde die Aussage eingefügt, um „auf die Situation zur Chancengleichheit insgesamt hinzuweisen“. Diese Vorlage nahm dann ein Teil der Presse dankbar auf und verarbeitete sie weiter. Im Internetportal „Spiegel online“ lautete der erste Satz des einschlägigen Artikels: „Noch immer entscheidet vor allem die soziale Herkunft darüber, wie gut Kinder in der Schule klarkommen.“ Und die in Düsseldorf erscheinende „Rheinische Post“ titelte zwar: „Benachteiligte Schüler holen auf“, setzte aber gleich hinzu: „Bei der Chancengleichheit liegt Deutschland dennoch hinten.“
Das ist doch Wahnsinn! "Die Situation der Chancengleichheit insgesamt." Da kann man schon fatalistisch werden. Es geht uns zu gut in Deutschland.
 

Yoshi

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9 August 2016
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Hagen
@Biber erst einmal danke für die ausführliche Antwort.

Bevor ich weiter antworte noch ein Hinweis, dass ich "Bildungsbereich" hier auch falsch verstanden habe. Ich habe mit politischen Studien in der Hinsicht keine Erfahrung und hatte über das geredet was ich kenne: Didaktik (also pädagogische Studien) und da ist der Faktor Mensch schon ziemlich entscheidend, weil man Störfaktoren für die Erfolge einzelner didkatischer Ansätze nicht wirkungsvoll eliminieren kann. Politische Studien wie du sie hier anbringst, sind aber hingegen natürlich durchaus vergleichbar in der Zuverlässigkeit mit der obigen wirtschaftlichen Rechnung bei der Spieledistribution.

Allerdings glaube ich, dass die Faktoren, die hier angesprochen werden, nur eine untergeordnete Rolle spielen, wenn man über die Umweltauswirkungsstudie redet. Ich identifiziere jedenfalls die folgenden Problempunkte:

- Die von dir zitierte Studie wurde von einer politischen Einheit mit einer gewissen politischen Zielsetzung veröffentlicht. Das folgt beispielsweise aus dem zitierten Wunsch des einen Verantwortlichen, mehrgliedrige Schulsysteme zurückzubauen. Nach meinem besten Wissen ist die Studie, die sich mit den Umweltauswirkungen von Distributionswegen befasst, aber direkt von den entsprechenden Wissenschaftlern veröffentlicht worden. Das macht einen nicht unwesentlichen Unterschied, weil eine gefärbte Nachinterpretation von Außenstehenden nicht erfolgt. Natürlich können auch die Wissenschaftler eine Agenda verfolgen, insbesondere wenn sie eine Auftragsstudie für ein Unternehmen vornehmen. In diesem Fall ist es aber so, dass die Interessensgruppe, die daran wirtschaftlich interessiert sein könnte, nicht sonderlich organisiert ist (Händler, die sich auf die Distribution physischer Spiele spezialisiert haben) und eine entsprechende Finanzierung auch nicht angegeben ist (was signifikantes wissenschaftliches Fehlverhalten darstellen würde, wenn es verschwiegen würde).

- Die Verwendung mehrdeutiger Begrifflichkeiten, die zu suggestiven Äußerungen führen, die von einem Leser, der die Studie nicht kennt, mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch verstanden werden. In diesem Fall geht es um die Verwendung des Begriffs "Bildungsgerechtigkeit", der eben definiert wurde zu der statistischen Unabhängigkeit des Bildungserfolges (gemessen an der Pisa-Studie) von Kennzahlen zur Identifikation des sozialen Status der Eltern. Eine statistisch signifikante Abweichung vom Mittelwert nach unten wurde als "besonders ungerecht" bezeichnet, eine statistisch signifikante Abwechung nach oben als "besonders gerecht". Die Benennung der Kategorien, sowie die Verwendung des Begriffs der Gerechtigkeit, der individuell sehr unterschiedlich aufgefasst wird ist Zweifelhaft. Im Fall der Vertriebsstudie sind die Begriffe aber sehr klar, um die es geht. Kohlendioxid-Ausstoß hat keine annähernd so weit gefasste Bedeutung wie "Gerechtigkeit" und wird meiner Einschätzung nach vom Großteil der Leser korrekt verstanden.

- Damit eng verwandt ist der Punkt der häufigen fehlerhaften Lesung von Begriffen durch manche Menschen in der Allgemeinbevölkerung, die durch keinerlei Fehler in der Studie oder deren Darstellung begründet ist. Es wird hier von der FAZ die Annahme gemacht, dass ein großer Teil der Leserschaft die (unabhängigen) Kriterien Bildungsqualität und Bildungsgerechtigkeit vermengt. Es ist aber in diesem Fall kein systematischer Fehler, zu sagen, dass etwas gerecht im Sinne der Verteilungsgerechtigkeit ist, wenn alle gleich viel von wenig haben und ungerecht, wenn ein viel größerer Kuchen sehr ungleich verteilt wird. Ein analoges Problem sehe ich bei der Studie zum Kohlendioxid-Ausstoß höchstens im Ansatz: Durch die Fokussierung auf einen einzelnen Marker für die Umweltverträglichkeit wird eventuell ein unzulässiges Pars pro toto betrieben, da Faktoren wie Rohstoffgewinnung, andere Schadstoffe und Schäden durch Nebeneffekte des Transports (Lärm, Vibrationen) zum Beispiel auf die Fauna außer Acht gelassen werden.

Allerdings:
- Die angesprochenen methodischen Fehler, in diesem Fall die Unbrauchbarkeit der Österreicher Ergebnisse 2009, die nicht ordnungsgemäß berücksichtigt wurden, sind aber natürlich Fehler, die in jeder Studie auftreten können. Auch in der zitierten Distributionswege-Studie.
 

Biber

GUF Veteran
25 August 2016
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Eine politische Zielsetzung unterstelle ich der Studie nicht. Bei den Begrifflichkeiten wäre ich vorsichtiger, denn es ist nicht klar, welche Faktoren in die Berechnung des CO2-Verbrauchs einbezogen wurden und ob diese vollständig sind. Ist aber reine Mutmaßung. Kurzum: Ich unterstelle der Gaming-Studie gar nichts. Ich sage nur, dass man grundsätzlich vorsichtig sein sollte, wenn man zu wenig über Studien weiß. Manchmal liest man nur eine Schlagzeile und bezieht sich dann auf "Studien, die erwiesen haben, dass...". Dazwischen war aber so viel stille Post, dass man dem nicht so unreflektiert trauen sollte. Die Zusammenfassung liest sich in der Tat so, als könnte man nicht einfach behaupten, dass Retail schlechter wäre unter ökologischen Aspekten. Jedoch ist es nicht unwahrscheinlich, dass man im Rahmen von Ökostromausbau zukünftig dahin kommen wird, dass Stromerzeugung immer weniger schlimm ist als Produktion von Materiellem.

In Bezug auf die OECD-Studie nur noch eine Sache zu deinem letzten Punkt: Theoretisch hast du Recht mit dem Argument, dass ein kleiner gerecht verteilter Kuchen hinsichtlich der Bildungsgerechtigkeit eben, nun... gerechter ist, als der große ungleich verteilte Kuchen. Aber es wäre irreführend, dieses Argument auf die Realität zu übertragen. Denn es ist keineswegs so, dass Algerien Mittel und Wege gefunden hätte, besonders gerecht zu sein in der Bildung, aber nun mal leider bloß zu wenig Geld oder zu schlecht ausgebildete Lehrer hat, um den "Kuchen zu vergrößern". Die Kinder lernen einfach wenig und es gibt kaum eine "Oberschicht", so dass es nicht zu Ungerechtigkeiten kommen kann. Trotzdem wäre man sicherlich schlecht beraten, Elemente des algerischen Bildungssystems auf Deutschland zu übertragen, um eine höhere Bildungsgerechtigkeit zu erzielen. Man müsste uns eher mit Frankreich vergleichen. Da schneidet Deutschland sehr gut ab.

Ein ähnliches Phänomen haben wir übrigens innerhalb Deutschlands. In keinem anderen Bundesland ist die Spanne in den Schülerleistungen so gering wie in Bremen. Nun könnte man zu dem Schluss kommen, für bessere Bildungsgerechtigkeit nach Bremen zu schauen. Aber das wäre so ähnlich wie der Blick nach Algerien: In Bremen sind einfach alle Schüler schlecht :)
 

Yoshi

Moderator
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9 August 2016
2.732
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Hagen
@Biber Der Schluss, den man treffen sollte ist nicht "man soll sich da was abschauen" sondern "Algerien hat kein Problem mit Bildungsgerechtigkeit" - und nach weiterem Lesen der Studie kann man noch schließen "dafür haben sie sehr viele andere" :).

Aber ja, das ist kein ultimativer Beweis für jetzt und alle Zeit, dass Retail besser ist als Download. Es legt aber nah - auch in Zukunft, wenn man sieht, dass die Distribution eben ohnehin nur einen kleinen Anteil an dem Gesamtverbrauch hat - dass ökologische Fragen nicht ein besonders wichtiger Punkt bei der Entscheidung für die Distributionsform zwischen Download und Disc ist.
 
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