Kritiken

Forza Horizon 3 im Test

Wenn ich in diesem Moment aus meinem Fenster blicke, sehe ich eine regennasse Straße, unter Regenschirmen kauernde Fußgänger und Bäume, deren Blätter längst nicht mehr in einem saftigen Grün erstrahlen. Keine Frage, der Sommer ist zu Ende. Glücklicherweise muss ich mich nur um 180 Grad drehen und einen Blick auf meinen TV werfen, auf dem mein Lamborghini Centenario gerade unter strahlend blauem Himmel an der Küste von Byron Bay geparkt ist, damit ich das Herbstwetter wieder vergesse. Keine Spielreihe vermittelt für mich ein sommerliches Gute-Laune-Gefühl besser als Forza Horizon. Microsofts Open World-Rennspiel-Serie hat mit Forza Horizon 3 kürzlich den neusten und bislang besten Ableger spendiert bekommen. Weshalb der Racer dafür sorgt, dass ich meine Sonnenbrille noch nicht ins Regal verbanne, könnt ihr im folgenden Test erfahren.

„Travelling in a fried-out Kombi; On a hippie trail, head full of zombie“
Forza ist nicht erst seit diesem Jahr eine wahre Größe im Spiele-Portfolio der Xbox. Während die Rennsimulation Forza Motorsport Microsofts Konsole schon seit ihren Anfängen begleitet, hat vermutlich noch nicht jeder Xboxler Forza Horizon ausprobiert. Dabei unterscheiden sich die Spielereihen, trotz des geteilten Markennamens, doch in einigen Aspekten. Während Motorsport möglichst realistisches Rennfahren auf den ikonischen Kursen dieser Welt zu vermitteln versucht, steht bei Horizon stets eine fiktive Veranstaltung, das Horizon-Festival, im Fokus. Im ersten Spiel dient Colorado als Austragungsort und in Forza Horizon 2 besucht der Spieler Südfrankreich. Doch obwohl beide Settings gut umgesetzt waren, übertrifft Australien aus Forza Horizon 3 seine Vorgänger hinsichtlich der spielerischen und optischen Abwechslung um Längen. Von der traumhaften Küste Byron Bays, zu den engen Straßenzügen von Surfers Paradise, über den tropischen Regenwald bis zu den roten Sanddünen des Outbacks steht der Kontinent von Spielbeginn an zur Erkundung bereit. Natürlich ist es keine 1:1-Umsetzung von Down Under, aber das Gefühl dort zu sein, wird zweifelsohne vermittelt. Das liegt auch nicht zuletzt daran, dass Entwickler Playground Games selbst auf Details wie landestypische Pflanzen und Architektur geachtet hat. Abgerundet wird die authentische Australien-Atmosphäre durch Originalaufnahmen des australischen Himmels, welche die Skyboxen des Spiels zieren.

screen_forza-horizon-3_06
Als wäre das noch nicht genug, um für die richtige Stimmung beim Rennfahren zu sorgen, dient das namensgebende Festival als Aufhänger für die Rennen. Beim Horizon trifft Musik- auf Automobil-Kultur, was im Spiel zu jeder Zeit spürbar ist. In jedem Areal der Karte wird nach und nach eine Bühne errichtet, deren angrenzendes Festivalgelände auch als zentraler Punkt für umliegende Rennveranstaltungen dient. Nachts sieht man diese Stationen des Festivals schon von weitem, da meist ein Feuerwerk und Scheinwerfer den Himmel erleuchten. Doch auch akustisch wird die Nähe zu den Partys vermittelt, schließlich schaltet der Sound vom Radio auf den Klang der Livemusik um. Musik ist ohnehin ein nicht zu unterschätzender Faktor für den Erfolg von Forza Horizon. Während ihr die Landschaft erkundet, oder euch rasante Duelle liefert, könnt ihr verschiedenen Radiostationen lauschen. Im dritten Teil wurde die Auswahl um einen Hip-Hop-, Alternative-, Metal- und einen Indie-Sender erweitert. Aber auch die Genres Pop, House, Drum and Bass und Klassik werden weiterhin bedient. Besonders cool: Dank Groove-Unterstützung könnt ihr erstmals eure eigene Musik ins Spiel integrieren. Die Entwickler verdeutlichen den Stellenwert des Soundtracks durch umfangreiche Audiooptionen. Ich selbst habe, wie schon in Horizon 2, die Option „Musik-Fokus“ eingestellt, damit der Soundtrack nicht durch die brachialen Motorengeräusche übertönt wird.

Du bist der Boss!
Neben dem neuen Setting hat sich aber auch spielerisch einiges getan. Statt wie in den beiden Vorgängern bloßer Teilnehmer am Wettstreit zu sein, übernehmt ihr jetzt die Rolle des Veranstalters. Das bedeutet, ihr seid für den Erfolg des Horizon Australia verantwortlich! Wem es jetzt schon vor langweiligen Menüs und Finanzverwaltung graut, darf beruhigt sein. Autofahren steht weiterhin ganz klar im Mittelpunkt des Spiels. Für sämtliche Aktionen im Spiel gewinnt ihr nun Fans, die im Grunde ähnlich wie Erfahrungspunkte fungieren. Das Erreichen einer festgelegten Anzahl von Anhängern erlaubt es euch, ein Festivalgelände zu erweitern, also weitere Veranstaltungen freizuschalten, oder in einem neuen Areal eine Bühne zu bauen. Der Spieler hat die freie Wahl in welchem Gebiet er seinen Einfluss vergrößern will. Im Gegensatz zu früheren Spielen der Reihe verändert sich die Spielwelt also regelmäßig durch neue Locations – selbstverständlich könnt ihr aber alle Straßen gleich zu Beginn befahren. Wenn eine bestimmte Anzahl an Fans erreicht wurde, lohnt es sich zudem, eines der Schaurennen zu veranstalten, welche schon seit dem ersten Forza Horizon ein Markenzeichen der Reihe sind. Stellt sie euch wie eine Art Bosskampf in einem Rennspiel vor: statt wie sonst gegen andere Autos anzutreten, rast ihr hier beispielsweise mit einem Güterzug um die Wette.

Eure neue Rolle als Chef äußert sich in weiteren Punkten. Während das Freischalten neuer Radiosender wenig spektakulär ist, sorgen vor allem Blaupausen für mehr spielerische Freiheit. Bei jeder Rennveranstaltung im Spiel könnt ihr entweder auf die von Playground Games vorgeschlagene Konfiguration zugreifen, oder aber die Rennbedingungen selbst festlegen. Tageszeit, Wetter und erlaubte Fahrzeugtypen unterliegen dabei eurer Kontrolle. Lediglich ein Streckeneditor fehlt, um die Einstellungsmöglichkeiten perfekt zu machen. Immerhin bleibt die Bedienung dadurch aber angenehm simpel, sodass das Erstellen und Benennen eigener Kreationen flott von der Hand geht. Die Blaupausen eurer Freunde von Xbox Live werden euch ebenfalls angezeigt, sodass ihr nach Wunsch also beispielsweise ein Querfeldeinrennen mit Ferraris von majornelson ausprobieren könnt – stark! Auch die Löffelliste-Veranstaltungen gibt es erneut. Hier müsst ihr mit einem festgelegten Fahrzeug diverse Aufgaben in einer vorgegebenen Zeit meistern. Also etwa mit einem Jeep durch waghalsige Sprünge und das Zerschmettern von Zäunen Skillpunkte sammeln, oder mit einem Sportwagen eine bestimmte Geschwindigkeit auf der Startbahn des Flughafens erreichen. Mit Löffelliste-Blaupausen könnt ihr auch erstmals eigene Challenges erstellen. Dazu sucht ihr euch eine Kategorie aus, also beispielsweise ein Speed-Ziel, legt eine Geschwindigkeit vor und teilt das Ganze anschließend mit der Community. Theoretisch habt ihr dank dieses neuen Blaupausen-Features also Zugriff auf eine nahezu unbegrenzte Anzahl an Events.

screen_forzahorizon3_01
Geht’s noch besser?
Für spielerische Abwechslung ist dank der schieren Anzahl an Events gesorgt. Ihr könnt euch erneut in mehr oder weniger geordneten Rundstreckenrennen messen, an illegalen Straßenrennen teilnehmen, oder in Querfeldeinrennen den Asphalt verlassen und knapp an Bäumen vorbei – oder über einen traumhaften Sandstrand rasen. Während ein echtes Auto diese Tortur wohl kaum lange durchhalten würde, nimmt man sich bei Horizon die Freiheit, dass ein Supersportwagen auch nach einem 30 Meter-Sprung noch völlig fahrtüchtig ist. Bei den Vorgängern haben sich verschiedene Untergründe kaum auf das Fahrverhalten ausgewirkt, doch jetzt gerät man bei einem unvorsichtigen Drift auf Sand schnell ins Schleudern. Auch die 3D-Pfützen scheinen direkt aus Forza Motorsport 6 übernommen worden zu sein und beeinträchtigen das Fahrverhalten deutlich. Eine völlig realistische Physik bietet Horizon 3 aber ganz bewusst nicht. Im Gegenteil: ich fühlte mich nie vom Asphalt gefesselt!

Das Nutzen unkonventioneller Routen wird von den Entwicklern stets aktiv gefördert und gefordert. Abseits der Straße warten Bonusschilder auf euch, die beim Zerstören Erfahrungspunkte verleihen oder einen Rabatt auf die Schnellreisefunktion gewähren. Manche von ihnen sind an scheinbar unerreichbaren Orten, sodass das Aufspüren einer Route schon fast Puzzle-ähnliche Züge aufweist. Außerdem sind erneut echte Klassiker in Scheunen versteckt, die ihr aufspüren könnt. Oder aber ihr besucht einen der Aussichtspunkte, welche die herausragende Optik des Spiels betonen. Außerhalb der Rennen könnt ihr euch natürlich wieder an Blitzern durch eine hohe Geschwindigkeit auf der Bestenliste platzieren. Driftzonen und Stuntsprünge sind als neue Open World-Aktivitäten hinzugekommen und stellen selbst Horizon-Wiederkehrer vor eine frische Herausforderung.

Ach, ich könnte wirklich noch lang und breit weitere Features des Spiels aufzählen. Etwa die große Auswahl an Autos, zu denen erstmals auch Strandbuggys gehören – ganz im Gegensatz zu Porsche und VW, die sich leider nicht an der Garage beteiligen. Oder die Drohne, mit der ihr jederzeit über die gesamte Spielwelt fliegen könnt, um coole Fotos zu schießen, oder versteckte Orte zu finden. Eigentlich will ich doch darauf hinaus, dass Playground Games auf dem Gameplay-Grundgerüst der Vorgänger aufgebaut hat und die, ohnehin eher kleineren, Kritikpunkte an den Vorgängern konsequent abgearbeitet hat. So dürfen wir uns etwa über ein verbessertes Wetter-System freuen und somit über ein insgesamt noch besseres Fahrgefühl, das meiner Meinung nach mittlerweile an der Perfektion kratzt.

Gemeinsam feiern, gemeinsam fahren
Mehrspieler-Modi und die Einbindung von diversen Social-Features kommen bei Forza Horizon 3 nicht zu kurz. Die Drivatare stehen wieder neben, vor und hinter euch in der Startaufstellung. Und während diese KI-Varianten von Xbox Live-Spielern im Rennen durch ihr authentisches Verhalten für Vergnügen sorgen, haben sie in der offenen Spielwelt, wie auch schon in Horizon 2, so ihre Probleme. Da bleiben sie schon einmal an einer Häuserwand hängen und brauchen einige Minuten – oder einen sachten Stoß durch eure Stoßstange – um sich wieder davon zu lösen. Das beeinträchtigt eure eigene Freude am Spiel selten, kann aber durchaus der Festival-Atmosphäre einen Knick verleihen. Insbesondere, weil ihr neuerdings durch ein Hupen vorbeifahrende Drivatare in eure Kolonne einladen könnt, damit ihr beim Erkunden der Karte Begleitung habt. Habt ihr den entsprechenden Skill freigeschaltet, erhaltet ihr außerdem diverse Boni, wenn ihr euch von den virtuellen Festival-Teilnehmern begleiten lasst.

Wer menschliche Gesellschaft bevorzugt, kann natürlich auch auf die umfangreichen Mehrspieler-Optionen von Forza Horizon 3 zugreifen. In Clubs könnt ihr euch mit euren Freunden organisieren, um anschließend online um die Wette zu rasen. Einen Splitscreen-Multiplayer gibt es nicht, ist aufgrund der grafischen Leistung, welche die Xbox One ohnehin an ihre Grenzen bringen dürfte, aber verständlich. 12-Spieler-Online-Rennen sind möglich und durchaus spaßig. Heimliches Highlight des Spiels ist die Vier-Spieler-Koop-Kampagne. Wer möchte, kann also das gesamte Spiel gemeinsam mit bis zu drei Freunden bestreiten.

Achje, mir tut Playground Games schon fast leid. Nicht weil mich das Spiel enttäuscht hat – dass das Gegenteil der Fall ist, sollte der Test deutlich gemacht haben – sondern weil sie sich mit Forza Horizon 3 selbst eine sehr hohe Messlatte gelegt haben. Dass Forza Horizon 4 kommt ist mehr als wahrscheinlich, aber wo soll das Festival dann stattfinden? Welcher Ort kann sich hinsichtlich des Spielspaß-Potentials mit Australien messen? Ich weiß es nicht, aber ich bin gespannt, welche Ideen Playground Games noch in petto hat! Im besten Fall hat der vierte Teil dann auch einen kompetenten Streckeneditor, die Unterstützung von allen wichtigen Fahrzeugherstellern und eine verbesserte KI der Drivatare. Insgesamt ist Forza Horizon 3 aber ein herausragendes Rennspiel, das ich jedem, der auch nur ein wenig Interesse am Genre hat, nur empfehlen kann.

Action-Spiele und Shooter aller Art sind Roberts Fachgebiet. Zwischendurch darf es aber auch gerne ein Spiel mit spannender Story und dichter Atmosph...