Kritiken

Gears of War 4 im Test

Die Locust sind besiegt, die menschliche Zivilisation verwüstet und die Überlebenden überall auf Sera verstreut. Marcus Fenix fragt sich am Ende von Teil 3 zurecht, welches Schicksal auf die Gears wartet. Auch für uns Spieler war die Zukunft der Franchise ungewiss. Nun ist Gears of War 4 erschienen und das neue Entwicklerteam, The Coalition, liefert endlich Antworten.

Die Nacht bricht an
25 Jahre sind seit den Kriegstagen vergangen und die Koalition Ordentlicher Regierungen nutzte die Zeit des Friedens, um im Eiltempo neue Städte zu errichten. Der autoritäre Regierungsstil der KOR passt aber nicht allen Seranern und so haben sich abseits der Metropolen auch Siedlungen gegründet, die auf Ministerin Jinn nicht gerade gut zu sprechen sind. J.D. Fenix und sein Kindheitsfreund Delrith haben sich ebenfalls von der KOR abgewandt und überfallen gemeinsam mit der Außenseiterin Kait zu Beginn des Spiels einen Stützpunkt der Regierung. Wer schon einen Ableger der Reihe gespielt hat, weiß, dass die Third-Person-Shooter nicht gerade für Stealth-Gameplay bekannt sind und so kommt es schnell zu einem Feuergefecht mit den DeeBees. Diese Roboter machen sich im Auftrag der KOR die stählernen Finger schmutzig, weil die Menschen sich auf den Wiederaufbau und die Wiederbevölkerung konzentrieren sollen. Und während der Konflikt zwischen den beiden Fraktionen der Menschheit zu eskalieren droht, erscheint wie aus dem Nichts eine neue monströse Bedrohung. Die von J.D. und seinen Freunden als Schwarm bezeichneten Kreaturen entführen aus unbekannten Gründen Mitglieder beider Lager. Blöd nur, dass Jinn nicht daran glaubt und stattdessen den Sprößling von Marcus Fenix verantwortlich macht. Apropos: der ehemalige Anführer des Delta Squad schließt sich trotz seiner Familienfehde mit J.D. der Suche nach Kaits Mutter, die vom Schwarm verschleppt wurde, an. Wenn sich schließlich jemand mit dem gezielten Einsatz des Kettensägen-Bajonettes auskennt, dann er.

So beginnt eine nächtliche Reise durch die Ruinen des vergangenen Locust-Krieges, um nicht nur die Entführten zu finden, sondern auch den Ursprung des Schwarms aufzuspüren. Während der rund neun Stunden andauernden Kampagne werden einige Storystränge aus vergangenen Titeln wieder aufgegriffen, aber im Zentrum stehen ganz klar die drei neuen Helden. Anfangs wirken die Jungspunde noch etwas übereifrig, doch sie wachsen an der Herausforderung und am Ende des Spiels wollte ich gerne mehr über sie erfahren. Für meinen Geschmack lässt The Coalition nur leider zu viele Fragen unbeantwortet und beendet das Spiel äußerst abrupt. Klar, das macht Lust auf mehr, aber mein Interesse an der Reihe war nach der langen Pause ohnehin groß. Man muss ihnen aber zu Gute halten, dass man den Entwicklerwechsel zumindest storytechnisch kaum bemerkt. Das neue Squad haut wieder einen sarkastischen Spruch nach dem anderen heraus und ich spürte trotz Zeitsprung, neuer Feinde und Herausforderungen, dass ich noch immer in der brutalen Welt von Gears of War unterwegs bin.

Beim Spielablauf hat sich wenig getan. Wahlweise alleine oder im Zwei-Spieler-Koop, der erfreulicherweise auch im Splitscreen spielbar ist, geht es von einem Kampfareal zum nächsten. Die Arenen sind abwechslungsreich gestaltet und erfordern stets neue Herangehensweisen. Das liegt auch daran, dass The Coalition die Gears mit einigen neuen Gegnerkonzepten konfrontiert, welche den Spieler noch mehr als früher aus der Deckung zwingen. So etwa die Schwarm-Larven, die zwar bereits nach wenigen Treffern das Zeitliche segnen, aber meist in großen Gruppen auftauchen und durch flinke Bewegungen dem Beschuss ausweichen. Obwohl sich der Titel deutlich an der Trilogie orientiert, haben es übrigens auch die aus Judgement bekannten Gegnerwellen-Segmente ins Spiel geschafft, bei dem eure Kenntnisse über die Feinde auf die Probe gestellt wird. Die Daueraction wird regelmäßig von ruhigen Momenten unterbrochen, die es dem Spieler erlauben, sich mit neuen Waffen auszustatten und die vom Krieg gezeichneten Level zu erkunden. Apropos Waffen: Die neue DeeBee-Fraktion trägt eine ganze Reihe neuer Wummen. Beispielsweise die SMG namens Vollstrecker, welcher das umfangreiche Arsenal um eine Nahkampf-Alternative zur Gnasher ergänzt. Mein Favorit ist aber die Embar-Railgun, welche mit ihren elektrisch aufgeladenen Schüssen das ausgezeichnete Treffer-Feedback des Spiels verdeutlicht, wenn nach einem Kopftreffer Feinde mit einem saftigen Platschgeräusch zusammensacken. Auch die Steuerung ist genauso gut wie ich sie in Erinnerung hatte. Anfängern könnten die schwer gepanzerten Soldaten zwar etwas schwerfällig vorkommen, aber nach dem imposanten Prolog geht das Hechten von einer Deckung zur nächsten nach und nach ins Blut über. Generell zieht der Schwierigkeitsgrad erst mit dem dritten von fünf Akten an, was Spielanfängern den Einstieg in die neue Saga erleichtern dürfte. Clevere Bosskämpfe und rasante Fahrsequenzen bringen zusätzliche Abwechslung. Gears of War 4 macht bei all diesen vertrauten Elementen wenig verkehrt, bietet aber im Vergleich zu früheren Vertretern nicht viel Neues. Doch die The Coalition haben auch frische Ideen, die das Spiel von den Vorgängern abheben.

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Sturmjäger
Seit geraumer Zeit wird der Planet von Sturmfronten heimgesucht. Diese von Blitzen durchzogenen Tornados bilden sich buchstäblich in Windeseile und machen das Überleben auf Sera nicht gerade leichter. Die Stürme entstehen an vorbestimmten Stellen im Spiel und sind dabei nicht nur grafisch äußerst imposant, sondern beeinflussen auch das Gameplay. So bewegt ihr euch entgegen der Windrichtung nur sehr langsam und solltet es euch daher lieber zweimal überlegen, ob es sich lohnt aus der Deckung zu gehen. Die Entscheidung wird euch aber auch immer wieder genommen, denn oft reicht schon leichter Beschuss, um den vermeintlichen Schutz davonwehen zu sehen. Selbstverständlich könnt ihr euch die Stürme auch zu Nutze machen, indem ihr durch gezielte Schüsse Levelobjekte wie Stahlrohre loslöst, die alles in ihrem Weg zerquetschen. Das statische Deckungssystem aus den Vorgängern wurde grundüberholt, da in vielen Leveln die schleimigen Brutkästen des Schwarms als Deckung herhalten. Bereits nach wenigen Treffern können diese Eier platzen und eine Larve oder einen Embryo enthüllen, der mit seinem Schrei alle Schleimkugeln zerstört. Wer nicht vorsichtig vorgeht, kann sich also plötzlich von Gegnern überrannt sehen – ohne Deckung in Sicht. Trennt euch nur eine hüfthohe Wand vom Gegner, könnt ihr diese mit einer neuen Gameplay-Mechanik zu euch ziehen und per Knopfdruck zum Finisher einsetzen. Gears of War 4 fordert also neue Herangehensweisen von Veteranen.

Never fight alone
Fans des Mehrspieler-Aspekts der Franchise dürfte die Auswahl an Spielmodi von Gears of War 4 mehr als zufriedenstellen. Neben den Klassiker König des Hügels, Kriegsgebiet, Beschützer und Team Deathmatch, hat sich The Coalition auch eine Handvoll neuer Gefechtsvarianten ausgedacht. Beim Wettabrüsten starten beide Teams mit dem Boomshot. Hat euer Team insgesamt drei Feinde erledigt, wird der Raketenwerfer mit dem Arkon-Bogen ausgetauscht. So arbeitet ihr euch nach und nach durch das umfangreiche Waffenarsenal des Spiels, bis euch zuletzt der Boltok-Revolver zur Verfügung gestellt wird. Gewonnen hat das Team welches zuerst die drei Abschüsse mit der 13. Waffenvariante erzielt hat. Die Reihenfolge ist dabei so gewählt, dass es regelmäßig zu witzigen Situationen kommt. Auf ein Gefecht mit der Schrottflinte folgt nämlich das Scharfschützengewehr. Wer also nicht auf die Anzahl der bereits erzielten Kills achtet, kann sich plötzlich im Nahkampf mit einer Waffe finden, die auf Fernkampf ausgelegt ist.

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Bei Dodgeball geht es weniger chaotisch, aber dafür umso spannender zur Sache. Alle Spieler starten mit nur einem Versuch ins Match und sind beim Ableben zunächst ausgeschieden. Übrig gebliebene Teammitglieder können aber durch Abschüsse bereits ausgeschiedene Spieler zurück ins Spiel holen. Das bedeutet, dass es selbst in scheinbar ausweglosen 1 vs. 5-Situationen noch eine Chance auf den Sieg gibt. Zwei Modi werden im Menü des Spiels explizit als Wettbewerbs-Modi angepriesen. Diese richten sich vor allem an besonders ehrgeizige Spieler und Progamer.

Beim altbekannten Hinrichtung können Gegner nur durch Exekutionen erledigt werden. Aufstieg ist ein weiterer und äußerst komplexer Neuzugang. Hier erscheinen drei Ringe auf der Karte, die beim Erobern stetig Punkte generieren. Sieger einer Runde ist, wer zuerst 210 Punkte oder die Kontrolle über alle Ringe erlangt hat. Anschließend darf das siegreiche Team eine Powerwaffe nach Wahl auf der Karte platzieren. Da ein Match erst nach sieben erfolgreichen Runden beendet ist, eignet sich Aufstieg wohl kaum für ein schnelles Match zwischendurch. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass der Modus in der eSport-Szene gut ankommen wird, da die besten Aspekte des Gears-Multiplayers in einem Paket gebündelt sind. Es ist aber schön zu sehen, dass The Coalition bei all dem eSport-Wahn welcher derzeit herrscht, nicht die Gelegenheits-Gears vergessen hat. Es gibt extra eine Spielliste für ein paar schnelle, soziale Runden zwischendurch. Hier werdet ihr auch bei einer Niederlage nicht mit einem schlechten Rang gestraft und sogar das Verlassen eines laufenden Gefechts wird nicht geahndet – löblich!

Keine Frage, den Multiplayer von Gears of War wirklich zu beherrschen dauert eine lange Zeit und kann deshalb Anfänger, die nicht die nötige Zeit mitbringen wollen, ganz schön frustrieren. Glücklicherweise können in Horde 3.0 alle Spieler an einem Strang ziehen, wenn es darum geht DeeBees und Schwarm abzuwehren. The Coalition hat das Wellen-Abwehren-Konzept noch weiter ausgebaut und verfeinert. Mit dem Fabrikator, einer Art futuristischen 3D-Druckers, können nun an jedem gewünschten Ort der Karte Abwehranlagen wie Zäune und Geschütze errichtet werden. Im Vergleich zu den bereits bekannten Versionen des Spielmodus hat man als Squad also deutlich mehr Freiheiten bei der Suche nach der perfekten Überlebensstrategie. Weiterhin gilt es nun zum Spielstart eine Klasse auszuwählen, die Auswirkung auf Startwaffen und diverse Boni hat. Der Scharfschütze wird beispielsweise mit einem Arsenal ausgestattet, das dazu dient, aus der Distanz anrückende Feinde abzuwehren. Andere hingegen können eure Basis reparieren oder mehr Ressourcen aus erledigten Feinden erbeuten, was wiederrum dem Ausbau eurer Abwehranlagen zu Gute kommt. Bis ihr die 50 Wellen überstanden habt, können deutlich mehr als zwei Stunden verstreichen. Wer die nötige Zeit mitbringt, wird aber mit dem besten Spielmodus dieser Art belohnt.

Strategie, Action und spielerischer Tiefgang: Der Mehrspieler-Modus von Gears of War 4 macht im Gameplay-Segment so ziemlich alles richtig. Es gibt aber trotzdem Grund zum Meckern. Ähnlich wie bei Halo 5: Guardians plant The Coalition regelmäßig kostenlos neue Schlachtfelder bereitzustellen. Um dennoch auch nach Release noch am Spiel zu verdienen, können über Booster-Kisten Boni für den Horde-Modus und rein kosmetische Skins erstanden werden. Nach beendeten Matches werdet ihr mit Münzen belohnt, welche ihr ebenfalls für diesen Zweck investieren könnt. Doch während die Kollegen von 343 Industries die Preise fair gestaltet haben, müsst ihr hier einige Stunden spielen, um neue Spielcharaktere und Waffenskins ohne Mehrkosten freizuschalten.

Als großer Fan der Reihe bin ich mit Gears of War 4 sehr zufrieden. Während das Spiel auf den ersten Blick sehr vertraut erscheint, hat The Coalition doch einige neue Ideen für die Franchise, welche das ausgezeichnete Gameplay sinnvoll weiterentwickeln.

Action-Spiele und Shooter aller Art sind Roberts Fachgebiet. Zwischendurch darf es aber auch gerne ein Spiel mit spannender Story und dichter Atmosphäre sein. Wenn er nicht gerade auf Xbox Live unterwegs ist, verfasst er bestimmt Artikel und News für Gaming-Universe.
Macht Lust auf mehr.
Leider kann man aber keinen Mehrspielermodus alleine mit Bots spielen.
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