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GedankenGUt: Realismus in Videospielen – Teil 1

Realismus und Videospiele – glaubt man fachfremden Medienberichten, ist das Überwinden von Unterschieden zwischen unserer echten und der virtuellen Welt das Ziel, auf das die gesamte Industrie zusteuert. Doch ist diese Zielsetzung überhaupt wünschenswert? Der weitläufig gepriesene Titel Red Dead Redemption 2 hat die Frage erneut aufgeworfen, ob Realismus in Spielen wirklich dem Abtauchen in die Pixelwelten zuträgt – oder die Simulation gar ein Hindernis darstellen könnte. Die GU-Redaktion geht daher in dem neuen GedankenGUt – gerne auch mit euch gemeinsam – der folgenden Frage nach:

Trägt Realismus in Videospielen zur aktiven Immersion bei?


Joshua: Bei der Fragestellung, ob Realismus in Videospielen zur Immersion führt, könnten unzählige Facetten beleuchtet werden – der Begriff „Realismus“ lässt sich in diesem Zusammenhang beispielsweise auf die Mechanik, das Gameplay oder die Steuerung beziehen. Ich möchte mich im Folgenden vor allem auf den Realismus im Bezug auf die Grafik beziehen, denn nie zuvor waren die technischen Möglichkeiten so groß um Spielwelten und Charaktere in Videospielen so realistisch darzustellen. Müsste dieser hohe Grad an Realismus die Immersion, also das Eintauchen in diese künstlichen Welten, nicht zwangsläufig erhöhen? Möglicherweise liegt es an der „kindlichen Leichtigkeit“, aber als ich vor über 25 Jahren mit Guybrush Threepwood in Monkey Island durch die Karibik gesegelt bin, haben mich die pixelige Welt und die (mit heutiger Zeit verglichen) rudimentären Charakterdarstellungen nicht davon abgehalten, vollständig in die Welt der Piraten abzutauchen. Batman VR hat diese Immersion, trotz realistischer grafischer Darstellung und 360-Blick durch PlayStation VR, im Vergleich nicht erreichen können. Erscheint es nicht paradox, dass die Qualität des immersiven Erlebens trotz stark verbesserter grafischer Darstellung nicht automatisch steigt? Ja, es ist paradox, aber keinesfalls ein unbekanntes Problem. Schon 1970 sprach der japanische Robotiker Masahiro Mori in diesem Zusammenhang vom Uncanny Valley-Phänomen (dt.: unheimliches Tal). Mori stellte fest, dass Menschen einen Roboter, der menschliches Verhalten nachahmt, nur bis zu einem gewissen Punkt realistischer fanden, wenn sie dem Menschen, sowohl im Bezug auf deren Verhalten und deren Aussehen, stärker ähnelten. Ab einem gewissen Realismusgrad fällt die Akzeptanz schlagartig ab. Dieses Phänomen bezieht sich heute nicht mehr ausschließlich auf die Robotik, sondern lässt sich auch auf Animationen, Avatare oder Spielwelten übertragen. Ein Erklärungsansatz für das Uncanny Valley-Phänomen besagt, dass das Projizieren von menschlichen Eigenschaften auf Tiere oder Dinge ab einem gewissen Detailgrad der dargestellten Inhalte nicht mehr funktioniert. Stattdessen nehmen wir die dargestellten Tiere oder Dinge als fehlerhaften Menschen wahr, was dementsprechend nicht zu einer gesteigerten Akzeptanz, sondern zu Ablehnung führt. Aktuelle Videospiele sind grafisch zwar deutlich realistischer als vor 30 Jahren, aber von der Realität sind sie eben dennoch zu weit entfernt. Realismus trägt also nicht zwangsläufig zur Immersion bei – zumindest wenn der angestrebte Realismus hinter der Realität zurückbleibt. Laut Ken Liberi, dem Technikchef von Epic Games, wird die nächste Konsolengeneration grafisch in der Lage sein, das Uncanny-Valley zu überwinden. Mit ihrer „Siren“-Demo hat Epic Games im März 2018 bereits aufgezeigt, wie die Grenzen zwischen virtueller und faktischer Realität künftig zunehmend verschwimmen sollen.

Christoph: Realismus ist ein Begriff, der in so vielen Facetten daherkommen und dabei die unterschiedlichsten Elemente eines Spiels berühren kann, weshalb es schwer ist, eine allgemeingültig wertende Aussage über dessen Effekt zu treffen. Viele werden bei dem Begriff zunächst an Simulationen denken, in denen (physikalische) Gesetze und komplexe Abläufe aus der realen Welt so detailgetreu wie möglich in Spielmechaniken umgesetzt werden. Als jemand, der kaum Berührungspunkte mit dieser Art von Spielen hat und in der Regel allein schon aufgrund ihrer Komplexität, Trägheit und Einarbeitungszeit abgeschreckt ist, ist das die Art von Realismus, deren Faszination und Sogwirkung ich zwar nachvollziehen, aber nicht teilen kann. Eben weil diese Art von Spielen oft kleinteilig und dadurch sehr mühsam werden kann, geschieht bei mir ein entgegengesetzter Immersions-Effekt, der mich stattdessen aus dem Geschehen herausreißt.
Immersion durch Realismus funktioniert für mich am besten, wenn es den Spielspaß durch die hinzugewonnene Glaubwürdigkeit steigert. Und das geschieht nicht indem unsere reale Welt 1:1 in ein Spiel übertragen wird, sondern indem passende Elemente identifiziert, herausgenommen und gezielt eingesetzt werden. So gewinnen beispielsweise Horror-Spiele enorm durch die voranschreitende Technik, durch bessere Beleuchtung, Wettereffekte, explizitere und dadurch wirkungsvollere Gewaltdarstellungen, realistischere KIs mit natürlicheren Animationen und vor allem durch das gesamte Sounddesign. Auf der anderen Seite leben viele Horror-Spiele vom Übernatürlichen und angsteinflösenden Wesen, die es natürlich in der Realität nicht gibt, ohne die aber eine Menge an Reiz verloren gehen würde. Hier ist es dann besonders wichtig, dass man die richtige Balance zwischen Realismus und Glaubwürdigkeit findet. Sound kann hier eine essentielle Rolle spielen und ist nicht selten hauptverantwortlich dafür, wie sehr es mich in eine Welt zieht. Ob die Naturklänge eines Red Dead Redemption 2s, die Waffengeräusche eines Battlefields, die Schreie der Bestien in Bloodborne oder schlicht die Performance der Sprecher in einem The Last of Us. Inzwischen haben wir einen gewissen Standard erreicht, wodurch viele diese Dinge als gegeben sehen. Springen wir aber nur mal 20 Jahre zurück und vergleichen den Original-Release von Resident Evil 2 mit dem kommenden Remake, werden sämtliche hier von mir angesprochenen Stärken der realistischen Elemente schlagartig sichtbar. Realismus kann aber nicht nur audiovisuell, sondern auch strukturell ein positives Hilfsmittel sein um Immersion zu fördern. Wenn ein Abschnitt ausschließlich um eine bestimmte Spielmechanik herum gebaut wurde und dabei die Glaubwürdigkeit der Spielwelt zugunsten dieser ignoriert wird (z.B. ein Hebel/Schalter der an einer für die Welt unlogischen und einzig für das dort platzierte Hindernis notwendigen Platz gesetzt wurde), dann reißt mich das ungemein aus dieser Welt heraus.


Nun seid ihr gefragt! Sorgt Realismus in Spielen dafür, dass ihr gänzlich in den künstlichen Welten abtauchen könnt?

Teil 2 des neuen GedankenGUt folgt im Lauf der Woche mit mehr Stimmen aus der Redaktion zu dieser spannenden Frage!

Action-Spiele und Shooter aller Art sind Roberts Fachgebiet. Zwischendurch darf es aber auch gerne ein Spiel mit spannender Story und dichter Atmosphäre sein. Wenn er nicht gerade auf Xbox Live unterwegs ist, verfasst er bestimmt Artikel und News für Gaming-Universe.