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Google Stadia – Zukunft des Gamings oder Schritt in die falsche Richtung?

Nur ein paar Wochen ist es her, als wir in einem umfangreichen Artikel skizzierten, wieso Microsoft den Schritt von der Box zur digitalen Plattform gehen könnte. Doch noch bevor Microsoft seine Pläne rund um xCloud und GamePass konkretisiert, betritt ein anderer Anbieter die Gaming-Bühne. Und es ist niemand geringeres als Google, die mit Stadia auf der GDC diese Woche mehr als nur ihre Vision des Gamings präsentierten. Denn Stadia, ein reiner Streaming-Dienst für Games, soll bereits Ende 2019 starten.

Doch was bedeutet der Angriff von Google für die Gaming-Branche? Wollen Gamer überhaupt eine Streaming-Plattform? Und funktionieren Games auf einer Streaming-Plattform überhaupt?

Unsere Redakteuere Joshua und Sebastian haben dazu zwei Meinungen, die sie euch im Rahmen des Artikels darlegen.


Sebastian sieht viele Probleme auf Google zukommen – und glaubt, dass enthusiastische Gamer ein High-End-Spielerlebnis nur auf physischen Datenträgern bekommen können:

Zunächst sei gesagt, dass Google neben Microsoft – die durch die Azure-Serverfarmen ebenfalls bereits eine starke Infrastruktur haben – wahrscheinlich der ideale Kandidat für eine weltweite Streaming-Lösung in hoher Qualität ist. Weiterhin möchte ich im Folgenden die Rechteproblematik ausklammern. Als Verfechter physischer Medien ist das zwar definitiv ein Problem, das mich in der Sache bewegt, aber in Anbetracht der Ankündigung neuer Technik möchte ich mich zunächst auf die technische Seite konzentrieren.

Man kann Google Stadia zu Gute halten, dass es die Barrieren für Videospiele herabsenkt, denn es ermöglicht das Spielen auf einer Vielzahl von Geräten, mit einer Vielzahl von Eingabemöglichkeiten und stellt lokal geringe Anforderungen an die Hardware. Der Nutzer muss sich nicht um technische Details wie die Leistungsfähigkeit seines Rechners oder Kompatibilitäten kümmern – selbst die Frage, ob ein Spiel denn jetzt auch auf der PlayStation 3 liefe, wenn PlayStation 4 drauf steht, die sich Laien durchaus stellen kann, erübrigt sich bei einer Streaming-Plattform wie Google Stadia. Stadia-Client öffnen, beliebiges Spiel aussuchen, loslegen.

Klingt gut? Auf den ersten Blick vielleicht, aber zumindest als enthusiastischer Spieler ist Streaming nicht eben verheißungsvoll. Der Grund sind zahlreiche Hürden, die nur schwer oder sogar gar nicht genommen werden können. Streaming ist zwar im Video- und Audiobereich längst etabliert, doch ist der Rechenaufwand, der hinter einem Video- oder Audiostream steckt nicht vergleichbar mit einem modernen Videospiel. Bezogen auf Assassin’s Creed Odyssey wird berichtet, dass Googles Lösung auf Seiten der Präsentation die Xbox One X-Version schlägt. Selbst ungeachtet des Overheads für das Streaming, bedeutet das, dass jede Einzelinstanz von Google Stadia Ressourcen wie eine Xbox One X bindet. Natürlich ist Google ein Internet-Gigant, der sich mächtige Server-Farmen leisten kann, aber man stelle sich vor, Stadia wird zu einem Erfolg und ein großer AAA-Titel erscheint, der die technischen Limits aktueller PC-Hardware wirklich ausreizt.

Um mit dem Ansturm von Spielern am Erscheinungstag fertig zu werden, müsste Googles Serverfarm gigantische Ausmaße annehmen, die den Großteil des Jahres nicht einmal im Ansatz benötigt werden. Sicher, hier kann Google – und mehr noch wahrscheinlich Microsoft mit Azure – bestimmt einige Synergieeffekte mit anderen Anwendungen nutzen, die auf Remote-Berechnung setzen, aber die Bewältigung des Launchs eines von einer großen Masse an Spielern erwarteten Spiels ist eine enorme Hürde. Eine Hürde, die sogar bei der ungleich geringeren Anforderung der Gewährleistung von Online-Multiplayer für viele Studios ein ernsthaftes Problem darstellt.

Ein verwandtes Problem, weil ebenfalls in dem hohen Rechenaufwand für Google begründet, ist der Preis. Um tatsächlich neue Käuferschichten zu erschließen, müsste der Preis ziemlich niedrig ausfallen. Wenn Google hier nicht mit einem Kampfpreis an den Start gehen möchte, wird die Reichweite allein schon durch den Preis limitiert. Vergleichbare Angebote, insbesondere PlayStation Now, demonstrieren, dass diese Hürde nicht zu unterschätzen ist.

Das allergrößte Problem ist aber schlicht die Qualität der Spielerfahrung. Echtzeitanwendungen wie Spiele sind enorm empfindlich für Latenz und das Internet bringt geradewegs zwingend eine kräftige Latenz ins Spiel. Stellen wir doch einfach einmal den Vergleich an. Wenn bei einer normalen Konsole ein Knopf gedrückt wird, dann muss das Signal vom Controller (mittlerweile in der Regel kabellos) zur Konsole gelangen, dort muss es von der Hardware-Ebene zur Softwareebene durchgereicht werden und im nächsten Frame berücksichtigt werden. Nach Berechnung des nächsten Bildes wird dieses Bild von der Konsole an den Fernseher übertragen. Schauen wir uns nun Stadia im Vergleich an. Die Eingabe des Controllers wird an den Rechner (beispielsweise einen PC oder ein Handy) übertragen. Dort muss die Information an die Software-Ebene weitergereicht werden.

Nun beginnt der Extra-Verarbeitungsweg. Die Daten müssen  sinnvoll verpackt an die Netzwerkkarte weitergereicht werden und von dort über den Router zum Internet-Provider, dann vom Internet-Provider zum Google-Server übertragen werden. Dort wird die Berechnung ausführt, die auf der Konsole lokal ausgeführt werden würde – wenn wir einmal vom Jobmanagement des Servers abstrahieren, das noch eine gewisse Zusatzverzögerung zur Folge haben kann. Der fertig berechnete Frame muss wiederum vom Google-Server über den Internet-Provider und schließlich den heimischen Router zum Endgerät übertragen werden. Dort kann dann das Bild auf den Bildschirm übertragen werden.

Selbst bei einer erstklassigen Internetanbindung und lokal guter Anbindung an den Google-Server, sowie Verzicht auf kabelloses Internet, kommt hierbei eine ordentliche Verzögerung ins Spiel. Wenn die Daten denn überhaupt den Bestimmungsort erreichen, denn wenn ein Datenpaket mit Steuerungsdaten verloren geht, dann muss dieses erneut angefragt werden und dadurch vergrößert sich die Latenz noch zusätzlich. Selbst unter guten Bedingungen kann man von an die 100 Millisekunden zusätzlicher Latenzzeit ausgehen. Bei Echtzeitspielen kann das schon eine Menge sein, zumal diese Latenzzeit ja einfach pauschal oben drauf kommt auf die Latenzzeit, die bereits durch beispielsweise das Anzeigegerät selbst verursacht wird.

Damit nicht genug, kommt aber noch ein ganz entscheidender Faktor hinzu: Die Varianz. Man führe einfach mal lokal einen Ping zum Google-Server aus. Man wird in vielen Fällen sehen, dass die Wartezeit um ein Vielfaches unterschiedlich ausfällt. Beispielsweise konnte ich gerad einen Ping mit 20ms und einen mit 100ms direkt nacheinander beobachten. Da lokale Berechnungen für die Spiele nicht stattfinden sollen, kann hier nicht mit Prognosealgorithmen gearbeitet werden. Die heftige Varianz der Latenzzeit schlägt sich also auf die Reaktivität des Spiels direkt nieder. Variable Reaktionszeiten auf Eingaben sind aber Gift für Spiele mit hohem Anspruch an die Reaktionsgeschwindigkeit des Spielers.

Sicher, es gibt Spiele, die als Streaming-Software vernünftig funktionieren können, der Gros der Spiele wird aber schlicht spürbare Qualitätseinbußen mit sich bringen. Zusammen mit dem hohen zu erwartenden Preis, den hohen Hürden an die Zuverlässigkeit in Stoßzeiten, den enormen Anforderungen an die Internetleitung des Endkunden und, ja, auch den rechtlichen Einschränkungen für den Spieler im Vergleich zu Download- oder Einzelhandelsspielen halte ich Google Stadia für ein problematisches Konzept.


Joshua glaubt, dass Streaming die Zukunft des Gamings ist – Konsolen aber nicht sofort verdrängen wird:

Klar, man kann jetzt Stunden über ein paar Milisekunden Latenz hin und her streiten – noch dazu auf Basis einer Version von Stadia, die noch keine Marktreife erlangt hat. Und, genauso klar: Stadia wird sicher nicht ab Tag 1 alles, was wir bisher kennen übertreffen. Gewisse Spiele, die sehr schnellen Input benötigen, werden sicher auch Anfang 2020 auf einer klassischen Konsole noch besser spielbar sein, vielleicht gibt es hie und da mal ein paar Artifakte und richtig, man braucht auch erstmal ne entsprechend schnelle Internetleitung – die es in Deutschland leider auch noch nicht überall gibt. Aber ganz ehrlich: Ist das wirklich wichtig? Sind die Chancen von Stadia nicht viel größer, als die paar Probleme? Es ist ja nicht so, dass die erste Generation an Spielen für eine neue Konsole bisher sofort supertoll aussah und wahnsinnig gut performte.

Viel wichtiger ist – und Sebastian hat das ja sogar angesprochen: Stadia reißt Barrieren ein und bringt AAA-Gaming dahin zurück, wo es eigentlich herkommt, in die Jugendkultur. Denn während die Videospielforen langsam ausgestorben sind, haben sich zwei Parallelgesellschaften gebildet. Die älter gewordenen Gamer, die seit Jahren und Jahrzehnten Konsolen kaufen, Spiele ins Regal stellen und Mobile Games heimlich verachten. Und die nächste Generation, die dank Spotify und Netflix schon ohne ein Konzept von Besitz aufwächst sondern nur im Jetzt konsumieren möchte, die begeistert zu Abermillionen Fortnite oder Minecraft spielt. Stadia setzt genau hier an und bietet die Chance, neue Spieler für klassische Games zu begeistern. Denn der Zugang wird einfacher als je zuvor: Keine teure Konsole sondern mit Smartphone oder TV ein Spielgerät, das jeder schon besitzt. Die Möglichkeit, ein Spiel direkt von einem Link auf Instagram oder Youtube zu starten oder in Spielsessions von Freunden, die gleichzeitig auf Youtube gestreamt werden, direkt mit einzusteigen.

Google bringt Core Games zurück in die Lebenswelt von Jugendlichen. Und davon profitieren am Ende alle. Denn je mehr Spiele gespielt werden, umso mehr können die Entwickler in Spiele investieren. Der Schritt ins Digitale ist im Jahr 2019 dabei unausweichlich. Stadia und Streaming ist deswegen eine Chance für alle Gamer. Denn der Markt für Spieleentwickler wird größer werden – und damit mehr Spiele und aufwändigere Spiele möglich machen. Auch hier stürzen die Barrieren für Entwickler ein. Technik ist nicht mehr auf einen 6-7 jährigen Zyklus gebunden, die Hardware muss nicht mehr in ein platzsparendes Gehäuse packen. Wenn Google nach zwei Jahren die Rechenzentren ausbaut, profitieren alle sofort. Die Entwickler müssen nicht in einem strengen Rahmen denken, sondern können ihre Engines und Fähigkeiten kontinuierlich ausreizen. Die technischen Spezifikationen von Stadia sind schon heute eindrucksvoll: Stadia setzt auf absolute State-of-the-Art Hardware und ist eine echte Next Generation-Konsole in der Cloud. Ein 10,7 TFLOPS Grafikprozessor kann modernste Grafiken inklusive Ray Tracing umsetzen, zum Launch wird bereits 4K Streaming mit 60fps und HDR versprochen – und 8K ist bereits angekündigt. Es ist fraglich, ob sich die Architektur so bereits in eine stationäre Box verbauen und kühlen lassen würde. Der Flaschenhals bleibst natürlich die Internetleitung und die Latenz. Aber ist die Switch nicht auch toll, trotz teils deutlichen Framerateproblemen und einem Mangel an RAM und Speicherplatz? Haben nicht alle Systeme ihre Stärken und Schwächen?

Dazu kommt: Stadia wird nicht von heute auf morgen die bisherigen Konsolen ersetzen. Google hin, Google her – noch wissen wir nicht, was das Angebot von Stadia kosten wird und welche Spiele überhaupt erscheinen werden. Microsoft, Sony und Nintendo werden weiterhin (auch) auf klassische Hardware setzen, um Core-Gamern ein möglichst perfektes Spielerlebnis zu ermöglichen. Doch der Schritt zum Streaming ist getan, und Google hat nicht einfach nur den Fuß in die Tür gestellt, sie haben gleich die ganze Tür eingetreten. Gerade Sony und Microsoft sind im Zugzwang, den Anschluss nicht zu verpassen. Und den meisten Gamern ist am Ende dann doch am wichtigsten, ob die Spiele Spaß machen, ob sie mit ihren Freunden spielen können und wie teuer ihr Hobby ist. Google verspricht, hier mit Stadia ein verlockendes Angebot zu machen. Die Zeit wird zeigen, ob sie sich damit durchsetzen können. Man muss aber auch Google genauso wie Sony, Nintendo und Microsoft einräumen, Fehler machen zu dürfen, und daraus zu lernen. Streaming wird nicht plötzlich alles revolutionieren – aber es wird das Gaming in den nächsten Jahren nachhaltig verändern. Wie Google bin ich fest überzeugt: Wir erleben hier den Beginn der Zukunft der Videospiele!


Was erwartet ihr von Stadia? Hat euch Google schon überzeugt? Oder lehnt ihr den Schritt in die Cloud kategorisch ab? Lasst es uns in den Kommentaren und im Forum wissen!

Sebastian hat eine ausgeprägte Vorliebe für Jump & Runs, zählt aber auch Action-Adventures und Arcade-Spiele zu seinen Lieblings-Genres. Haupta...