Kritiken

Hatsune Miku: Project Mirai DX im Test

Dass die Menschen im Land der aufgehenden Sonne, oder Nippon, wie es viele nach einer japanischen Lesart liebevoll nennen, etwas anders ticken als im Westen, wissen wir nicht erst seit skurrilen Meldungen, wie der über einen Japaner, der beabsichtigte eine Anime-Figur zu ehelichen. Da verwundert es ebenso so wenig, dass eine der bekanntesten und beliebtesten japanischen Pop-Sängerinnen ebenfalls in der Realität gar nicht existiert. Die Rede ist von der niedlichen türkishaarigen Anime-Figur Hatsune Miku, welche im August 2007 das Licht der virtuellen Welt erblickte. Ihr Name, der frei übersetzt so viel bedeutet wie „Erster Klang aus der Zukunft“ war dabei anfänglich (ein Computer-)Programm. Nämlich eines zur Erzeugung von künstlichem Gesang, kurz Vocaloid. Ihr Siegeszug schwappte dabei schnell auch auf andere Medien, wie einen eigenen Manga und natürlich die Videospielewelt über. Daraus entstand auch Segas aktueller Rhythmus-Simulations-Mix Hatsune Miku: Project Mirai DX für den Nintendo 3DS, den wir uns für euch einmal genauer angesehen und – auch ganz besonders – angehört haben.

Alles Animal Crossing, oder was?
Wer mit dem Genre der Rhythmus-Spiele ein wenig vertraut ist, wird sich beim ersten Starten von Hatsune Miku: Project Mirai DX möglicherweise zunächst etwas verloren fühlen. Während es bei anderen Genre-Vertretern, wie beispielsweise Elite Beat Agents oder dem ebenfalls aus dem Hause Sega stammenden Rhythm Thief & der Schatz des Kaisers relativ schnell mit der Rhythmus-Action losgeht, sollt ihr ungewöhnlicher Weise hier zuallererst eine Raumgestaltung für Hatsune Miku oder wahlweise einen ihrer Freunde auswählen. Diesen dürft ihr nach dem Sammeln von ausreichend Musik-Punkten nach eurem Gusto mit Figuren oder anderer Deko einrichten oder eurer aktiv ausgewählten Figur neue Kostüme verpassen. Haben wir es hier also eigentlich viel mehr mit einer Simulation im Stile der Animal Crossing-Spiele zu tun? Die Antwort lautet jein, aber dazu später mehr.

Miku Hatsune und ihre Freunde erwarten dich bereits!
Hatsune Miku und ihre Freunde erwarten dich bereits!

Tap ‘till you drop
Das Sammeln der bereits erwähnten Musik-Punkte erfolgt hauptsächlich im Rhythm-Modus, auf den ihr im auf dem Touchscreen befindlichen Hauptmenü direkt zugreifen könnt. Zu Beginn steht euch hier eine kleine Zahl an Musikstücken zur Auswahl, die es in klassischen „Tap-to-the-Beat“-Szenerien zu meistern gilt. Für alle Neulinge eine schnelle Erklärung des Gameplays: Passend zum Takt erscheinen auf dem Touchscreen Musiknoten in Kreisen, die von einem weiteren immer kleiner werdenden Kreis eingefangen werden. Ziel ist es jede Note möglichst dann anzutippen, wenn der zweite Kreis genau auf ihr liegt. Bei langgezogen Noten muss der Touchpen lediglich bis dem Ende der Note auf dem Screen gehalten werden. Gelegentlich werden solche langgezogenen Noten von einem Regenbogenschweif begleitet. In diesem Fall könnt ihr durch das Ausführen von wiederholten Kreisbewegungen auf dem Touchscreen massig zusätzliche Musik-Punkte erlangen. Schafft ihr es viele Noten fehlerlos hintereinander anzutippen, werdet ihr nicht nur mit einer hohen Punktzahl, sondern auch einer guten Rangauszeichnung belohnt. Es lohnt sich also jedes Stück auch nach Abschluss erneut zu spielen, um seinen eigenen Highscore zu schlagen. Das Verpassen von Noten wird hingegen mit dem Abzug von Lebensenergie bestraft und wer zu viele von ihnen verpasst hat, für den heißt es letztlich Game Over. In unserem Test passierte uns das allerdings nur in den seltensten Fällen und auch sonst ist das Gameplay ziemlich eingängig und intuitiv, sodass auch weniger geübte Rhythmus-Spieler ihren Spaß haben werden.

Selbst wer einen Song perfekt abgeschlossen hat, sollte ihn noch nicht völlig zur Seite legen, denn danach erwarten euch noch zwei zusätzliche Schwierigkeitsgrade. Genügt es im leichten Modus einfach irgendwo auf den Touchscreen zu tippen, habt ihr auf Normal zwei und auf Hard drei verschiedenfarbige Tippfelder, die je nach entsprechender Notenfarbe angetippt werden müssen. Zwar stellt selbst das für wirklich geübte Rhythmus-Experten keine unschaffbare Herausforderung dar, weniger versierte Spieler wird es dagegen durchaus gleichermaßen motivieren und fordern.

Die Musik-Clips sprühen nur so vor Charme.
Die Musik-Clips sprühen nur so vor Charme.

Nach so viel Gameplay-Theorie wird es aber Zeit auch auf die Songs selbst zu sprechen zu kommen. Hatsune Miku: Project Mirai DX bietet euch insgesamt 48 unterschiedliche Musikstücke in japanischer Sprache, was durchaus eine beachtliche Zahl ist. Im Gegensatz zu anderen Rhythmus-Spielen bekommt ihr allerdings nicht gerade eine abwechslungsreiche Hörkost geboten. Viele der Songs verbreiten entweder J-Pop typisch gute Laune oder wirken leicht melancholisch, ähneln sich aber insgesamt akustisch doch ziemlich. Fans des Vocaloid-Stils werden damit sicherlich genausowenig ein Problem haben, wie mit der Tatsache, dass das komplette Spiel ausschließlich mit englischen Bildschirmtexten spielbar ist. Wer sich jedoch auch andere Musik-Genres wünscht oder dem Kult so gut wie gar nichts abgewinnen kann, sollte wohl besser einen Bogen um den Titel machen.

Was jedem Song dann aber doch jeweils seinen individuellen Touch gibt, sind die Tanzchoreographien von Hatsune Miku und Co. Die zuckersüßen Charaktere in Chibi-Style-ähnlicher Optik bekamen für jeden Song unterschiedliche Tanzanimationen und Hintergründe spendiert, die bei aktiviertem 3D sogar noch besser zur Geltung kommen. So zappelt Rin mit Kochschürze beispielsweise im Song Sweet Magic vor einer Lebkuchenhaus-Landschaft, während sich Hatsune Miku im Song Deep Sea Girl in einer malerischen Unterwasserwelt wie eine Meerjungfrau treiben lässt. Die liebevoll gestalteten Video-Clips stellen daher ganz eindeutig das Highlight des Spiels dar und es fällt schwer sich nicht in jedes einzelne von ihnen zu verlieben. Da ist es fast schon etwas schade, dass man gar nicht so viel Zeit hat sie zu betrachten, da das punktgenaue Tippen schon genug Aufmerksamkeit erfordert.

Beim virtuellen Klimpern auf dem Keyboard lässt es sich gut entspannen.
Beim virtuellen Klimpern auf dem Keyboard lässt es sich gut entspannen.

Tanzpause
Wenn ihr mal etwas Erholung von dem ganzen Getippe benötigt, dürft ihr euch noch an einigen anderen Aktivitäten versuchen. Den Simulationsteil haben wir ja bereits eingangs kurz erwähnt. Hinzu kommt hier noch der Hang-Out-Mode. Ganz in Nintendogs-Manier könnt ihr euren aktuellen Partner hegen und pflegen und sogar mittels des eingebauten Mikrofons rufen. Sogar in einem Reversi- und Puyo Puyo-Verschnitt dürft ihr euch gegen euer computergesteuertes Gegenüber versuchen. Und wem das noch nicht genügt, der darf sogar für jeden Song seine eigene Tanzchoreographie entwerfen, in einem AR-Modus lustige Bilder mit den Hauptcharakteren schießen oder sich über StreetPass und SpotPass mit anderen verbinden, um neue Items zu erhalten. Es wird also definitiv nicht langweilig.

Hatsune Miku: Project Mirai DX erfindet das Genre-Rad keinesfalls neu oder bietet eine sonst noch nie dagewesene Gameplay-Erfahrung. Was das Spiel so besonders macht, ist die gelungene Mischung verschiedener Genre-Typen, auf die andere Vertreter gänzlich verzichten. Doch auch wer sich nur für das reine Rhythmus-Gameplay interessiert, bekommt genug geboten. Mit 48 unterschiedlichen Songs bietet Project Mirai DX einen mehr als ordentlichen Umfang und einige Lieder entpuppen sich sogar schnell als Ohrwürmer. Hinzu kommt die unglaublich zauberhafte Präsentation mit viel Liebe zum Detail. Wer merkt, dass ihm die teils sehr schrillen japanischen Vocaloid-Lieder allerdings schon nach zwei Minuten auf den Senkel gehen, sollte sich einen Kauf dagegen gut überlegen. Alle anderen Rhythmus-Spiele-Fans – und solche, die es gerne werden würden – können aber beherzt zugreifen.

Zu einem guten Plattformer sagt Karim selten nein, aber auch epische Rollenspiele fesseln ihn vor den Bildschirm. Im öffentlichen Nahverkehr vergnügt er sich auch gerne mit kurzweiligen Puzzlern – Mobile-Gaming auf dem Nintendo 3DS ist seine absolute Leidenschaft. Zuhause angekommen, kümmert sich Karim um Datenbankpflege oder versorgt euch mit aktuellen News und Anspielberichten.