Mario + Rabbids Kingdom Battle Test

Während der Wii-Ära war die Lösung vieler Dritthersteller, „spezielle“ Titel für Nintendos Casual-Konsole zu entwickeln. Wo also Xbox 360 und PS3 Shooter, Open World-Spiele und cineastische Story-Titel erhielten, bekam die Wii einen Haufen Minispielsammlungen, Lightgun-Shooter und Puzzle-Spiele. Eines dieser Spezialprojekte gebar die Ubisoft’schen Rabbids. Eben jene Hasen tauchen nun im Crossover gemeinsam mit Nintenrdos Klempner auf, ein absoluter Irrsinn, der ja nichts werden konnte. Oder doch? Warum Mario + Rabbids Kingdom Battle entgegen schlimmster Erwartungen nicht nur funktioniert, sondern Suchtgefahr aufkommen lässt, erfahrt ihr im folgenden Test!

Man nehme eine Portion Puzzle-Adventure, eine Portion rundenbasierte Strategie, und heraus kommt Mario + Rabbids Kingdom Battle. Der neue Switch-Titel aus dem Hause Ubisoft schickt die Mario-Truppe in ein gemeinsames Abenteuer mit den Raving Rabbids, um den hilflosen, aber dennoch gefährlichen Rabbid namens Spawny aus Bowser Juniors Klauen zu erretten, damit all das Chaos wieder rückgängig gemacht werden kann. Das Crossover findet sich nämlich nicht nur im Titel, sondern auch in der nett gemachten Story wieder: Mittels speziellem Gerät haben die Alles-egal-Rabbids allerlei Hybride erzeugt, solange bis etwas gründlich schief ging.

In den Puzzle-Abschnitten läuft man in der Oberwelt des Spiels umher, genauer gesagt, man bugsiert den intelligenten Roboter Beep-O über den Boden hinweg. Die drei aktiven Party-Mitglieder laufen Beep-O hinterher, was schon mal dazu führt, dass man die flache Scheibe aus den Augen verliert, weil man denkt, man steuere Mario direkt. Glücklicherweise verlangt das Spiel kaum unmittelbares Geschick, sodass man entspannt in der Welt herumcruisen kann. Und was für eine Welt das ist!

Anfangs kommt vielleicht noch ein Gefühl von Eintönigkeit auf, weil man sich durch die starre Kamera an Super Mario World 3D erinnert fühlt. In der Tat wäre ein frei bewegbare Kamera wünschenswert gewesen, lediglich im 90°-Winkel lässt sich der Winkel verändern. Bald aber fällt auf, wie viel Detailliebe in das Design der Umgebung geflossen ist. Kein Fleck der vier Spielwelten ähnelt einander, überall gibt es etwas zu sehen, und dann sind da noch die Rabbids. In regelmäßigen Abständen passiert man beim linearen Fortschreiten Stellen, an denen man den A-Button drücken kann, um eine Szene im Detail anzugucken. Dabei sieht man dann meist einen oder mehrere in der Welt verstreute Rabbids, die … irgendetwas tun, nur nichts Sinnvolles. Mal hält sich einer verzweifelt im Sturmwind an einer Stange fest, mal schwimmen sie in Lava, mal lutschen sie einander ab. Die Haupt-Story des Spiels ist alles andere als mitreißend, die vielen kleinen Rabbid-Szenen schaffen aber einen gewissen Ausgleich dafür. Herrlich. Besonders toll ist es übrigens, wenn man schon ein paar Kapitel einer Welt geschafft hat und von einer Anhöhe eine gewissen Überblickt auf die restliche Welt erhält – dann nämlich merkt man, dass man tatsächlich all die Orte, die man so mühevoll bereist hat, erblicken kann. Ein befriedigendes Gefühl.

Die Spielwelten in Mario + Rabbids sind jedoch nicht nur hübsch anzusehen. Unzählige Geheimnisse warten darauf gelüftet zu werden, viele davon mit Rätseln verknüpft. Wer außerdem in The Legend of Zelda: Breath of the Wild zu wenig klassisches Zelda bekommen hat, der darf sich hier über viele Schieberätsel in eben jener Manier freuen. Überall sind Truhen zu finden, in denen neue Waffen, Upgrade-Punkte oder Sammelobjekte liegen können. An manche dieser Truhen gelangt man im Vorbeigehen heran, andere verlangen die Lösung von Rätsel, und wieder andere bedürfen spezieller Fähigkeiten, die man erst im späteren Spielverlauf erlangt. Backtracking ist explizit erwünscht und wird auch durch die Bonus-Prüfungen, die nach Abschluss einer kompletten Welt verfügbar werden, legitimiert.

Ehe es an die Bonus-Prüfungen geht, sollte man aber erst einmal die Hauptmissionen erledigt haben. Jede Welt besteht aus etwa 10 Kapiteln, jedes davon unterteilt in eine oder mehrere Missionen. Hat man ein Kapitel geschafft, kann man ohne Strafe zurück zur Hub-Welt, tut man dies zwischen den Missionen desselben Kapitels, muss man das Kapitel wieder von vorne beginnen. Das ist insofern relevant, als dass die Heldentruppe innerhalb eines Kapitels mit den vorhanden Lebenspunkten auskommen und haushalten muss. Regenerationsmöglichkeiten gibt es nur sehr beschränkt. Wenn man sich geschickt genug anstellt und ein fleißiger Vampir ist, hat man jedoch keinerlei Probleme in puncto Lebenspunkten. Halt mal: Vampir?!

Sobald man in den Kampf übertritt, wechselt das Spielgeschehen in eine Grid-basierte Umgebung. Tatsächlich existiert jeder Kampfschauplatz inmitten der Welt, ohne Ladebildschirm, was jeglichem Empfinden von Füllerinhalten entgegen wirkt: Jeder Kampf bietet etwas Eigenes, Frisches, Neues. Mit einer 3-Mann-starken Party, bei der Mario und mindestens ein Rabbid-Charakter anwesend sein müssen, geht es dann an die Erfüllung der jeweiligen Mission. Oft geht es einfach nur darum, alle Gegner zu besiegen. Andere Male muss man das Zielgebiet erreichen, Toad oder Toadette eskortieren oder aber Bosskämpfe bestehen. Die Runde beginnt meist damit, dass der Spieler Aktionen an Mario und Co. verteilen darf. Das Angenehme dabei: Jeder Charakter kann pro Runde drei Aktionen ausführen, nämlich eine Bewegung, einen Angriff, und ein Spezialmanöver. Diese drei Aktionen können in beliebiger Reihenfolge genutzt werden, was aufgrund der möglichen Kombinationsspielzüge auch notwendig ist.

So kann man etwa mit Rabbid-Luigis Vampir-Fähigkeit erst einmal zwei Gegner umgrätschen und dadurch schwächen, sowie mit dem Vampir-Status infizieren (was zur Folge hat, dass wenn nun Team-Kameraden dieselben Gegner attackieren, sie vom Vampir-Effekt profitieren und Lebenspunkte zurückerhalten). Weil man recht unsicher steht, aktiviert man noch seinen Schadensschild. Dann ist Mario an der Reihe, grätscht ebenfalls einen der Gegner, hüpft auf Rabbid-Lugis Kopf, wodurch der Klempner die eigene Bewegungsreichweite nochmals erhöhen kann. Man positioniert ihn hinter einer Mauer und aktiviert die Heldensicht, mittels derer Mario automatisch auf Gegner schießt, sobald diese sich bewegen. Jetzt kann man noch mit Luigi ziehen: Man zwickt wieder einem Gegner in Reichweite Lebenspunkte durchs Grätschen ab, springt auf Rabbid-Luigis Kopf, von dort auf Marios Kopf und von dort nochmals weiter, hinter alle Gegner. Jetzt hat man mit allen drei Charakteren noch die Angriffsaktion übrig. Also feuert Rabbid-Luigi eine Rakete für Flächenschaden, Mario ballert einen gezielten Schuss, und Luigi schickt sein explosives ferngesteuertes Auto in Richtung Gegner. JETZT beendet man die Runde und die Gegner sind dran. So kann ein einziger (!) Zug aussehen. Und weil dem Gegner Zugucken nie allzu spannend ist, darf man die Gegnerrunde im Schnelldurchlauf vorspulen.

Die Möglichkeiten im Kampf sind enorm, zumal jeder Charakter einen Fertigkeitenbaum besitzt, der zwar zu Spielende komplett ausgefüllt werden kann, beim regulären ersten Durchspielen jedoch gewisse Entscheidungen verlangt. Mehr Angriffskraft? Größere Laufreichweite? Bessere Heilkräfte? Und wen nimmt man überhaupt her? Egal ob Rabbid-Mario, Peach, Rabbid-Yoshi, Yoshi, Rabbid-Luigi oder Luigi, alle Party-Mitglieder sind liebenswürdig umgesetzt und haben ein ganz eigenes Fähigkeitenrepertoire. Man kann sich zwar sein Lieblings-Team zusammenstellen, genauso aber Vorteile daraus ziehen, das Team je nach Mission anzupassen. Die Entscheidung darüber obliegt dem Spieler selbst.

Einen Online-Mehrspieler-Modus gibt es leider nicht, immerhin aber einen Offline-Koop-Modus, in dem zwei Spieler gemeinsam spezielle Mission in allen Schwierigkeitsgraden bestreiten können. Da Mario + Rabbids trotz hoher Zugänglicheit ein Strategiespiel und damit im Vergleich zu anderen Spielen komplexer ist, sollte man etwaigen Mitspielern die Zeit geben, sich mit dem Spiel vertraut zu machen und Erklärungshilfe leisten. Außerdem ist das Spiel am Fernseher zu empfehlen, im Tablet-Modus waren das exakte Betätigen von Befehlen und die Kartenübersicht beim Testspiel ein wenig im Nachsehen.

Fazit
Mal abgesehen von der Überraschung, dass sogar ich nochmal mit den Rabbids warm wurde (und mir jetzt mehr von ihnen wünsche!), ist Mario + Rabbids Kingdom Battle eine rundherum positive Erscheinung: Grafik und Animation sind, trotz sub-nativer Auflösung, hervorragend und allerliebst, ebenso der Soundtrack, der auch in einem Original-Mario-Titel nicht besser klingen könnte. Weit über 30 Stunden an Content werden geboten, will man alles finden und erledigen sogar deutlich mehr. Bonus-Missionen, Extrem-Missionen, Sammelobjekte, Medaillen, es gibt reichlich zu tun. Schade, dass die Kamera starr ist, denn über den gesamten Spielverlauf hinweg wird immer wieder der Drang groß, sich diese hübsche, detailreiche Welt genauer anzusehen. Auch ist das Spiel nicht frei von technischen Mängeln. Einmal etwa ist mein Beep-O durch den Boden gefallen. Dazu gibt es desöfteren extreme Slow-Downs während der Ausführung von Spezialattacken. Letzteres wirkt sich jedoch nicht wirklich negativ aus, und Ersteres ist in ca. 35h Spielzeit ein einziges Mal passiert, ein Neustart hat alles bereinigt. Nein, Mario + Rabbids Kingdom Battle ist ein unglaublich rundes Spiel, das sich immer fair, immer so anfühlt, als könnte man alles schaffen, selbst wenn es nicht beim ersten, zweiten oder dritten Mal klappt. Der wichtigste Satz jedoch muss lauten: Ubisoft hat ein Nintendo-Spiel entwickelt. Dafür großes Lob.
Toll
  • Großer Spielumfang
  • Liebevolle Umsetzung der Charaktere
  • Motivierendes Kampfsystem, das nicht durch zuviel Komplexität überwältigt
  • interessante Welt mit vielen Rätseln, Puzzles und Erkundungsmöglichkeiten
  • intelligente Komfort-Features (Checkpoints, Missionswahl, Fertigkeiten zurücksetzen, etc.)
  • Enorme Abwechslung, kein Füller-Content
  • Fühlt sich nach "Nintendo" an
Naja
  • Starre Kamera verhindert freien Genuss der Spielwelt
  • seltene technische Fehler
  • Sub-native Bildschirmauflösung sowohl am TV als auch im Handheld-Modus
  • Story etwas zu seicht, mehr Beispiel an Pixar-Filmen nehmen für den Nachfolger
9
Großartig
Wenig lässt das Herz von Redakteur Max höher schlagen, als opulente, ausladende 3D-Welten mit hohem Interaktionsgrad, damit er sich so richtig in andere Welten versetzt fühlt. Konträr dazu zeigt sich sein aufgeschlossenes Gemüt, wenn er sich verrückten Japano-Titeln widmet, in denen die Grenzen zwischen Katzen und Mädchen schon mal verschwimmen.

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2 Kommentare auf "Mario + Rabbids Kingdom Battle Test"

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Z.Carmine
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Früher oder später werde ich das auch kaufen. Die Qualität stimmt ja soweit und ich bin dem Genre nicht abgeneigt.

Arutha
Mitglied

Eine seichte Story als Kritik an einem Rabbids/Mario Spiel? smile Das scheint mir jetzt etwas das Haar in der Suppe gesucht. Ich kenne weder ein Mario Spiel noch ein Rabbids Spiel mit einer tiefgründigen Story.

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