Kritiken

Mein schlechtestes Spiel: Beyond: Two Souls

In unserer Rubrik Mein schlechtestes Spiel beschäftigen wir uns mit dem Videospiel-Bodensatz. Redakteure und Community-Mitglieder von Gaming-Universe stellen die persönlichen Lowlights ihrer bisherigen Videospielhistorie vor. In dieser Ausgabe nimmt sich unser Foren-Biber Benjamin Gildemeister dem Quantic Dream-Titel Beyond: Two Souls an.

Vor einiger Zeit eröffnete Christian Gräff mit seinen Auslassungen zu Angel of Darkness eine neue Rubrik auf Gaming-Universe. Doch einen Text über das schlechteste Spiel, das man je gespielt hat, zu schreiben, ist gar nicht so einfach. Denn während man relativ schnell eine Liste seiner persönlichen Top 10 zusammenstellen kann, beschäftigt man sich mit dem unteren Ende der Skala eher selten. Ein Grund mehr, diese Artikelreihe zu unterstützen und einen wenig beleuchteten Aspekt von Videospielen in den Blick zu nehmen. Deshalb sei es mir gestattet, das Thema zunächst auf der Meta-Ebene zu betrachten.

Die Frage nach den schlimmsten Unzumutbarkeiten taucht nicht nur bei Videospielen auf. Schaut man sich User-Abstimmungen zu den schlechtesten Platten des Jahres oder den schlechtesten Filmen aller Zeiten an, wird schnell deutlich: Es sind sicher nicht die (objektiv) schlechtesten Filme, die die goldene Himbeere gewinnen oder in den Schreckensrankings ganz oben stehen. Die schiere Menge an Werken minderer Qualität ist zu groß und während die absoluten Top-Titel jedem bekannt sind, dürften sich die wenigsten für den umfangreichen Bodensatz interessieren. Deshalb werden an die Spitze solcher Listen Platten und Filme gewählt, über die Hohn und Spott ausgeschüttet wird, einfach weil es populär ist, darüber herzuziehen. Ob es die neue Platte von James Blunt ist oder der neue Film von Uwe Boll – es gibt die eindeutigen Favoriten für den Thron der Schande. Nun muss ein Spiel nicht bekannt sein, damit ich es persönlich gespielt habe, doch auch bei der ganz individuellen Betrachtung fällt es schwer, miese Spiele zu identifizieren. Denn auch ich werde mich kaum stundenlang durch ein Spiel quälen, das schon nach drei Minuten offenbart, wie schlecht es ist. Hier nun aber ein solches kurz angespieltes Spiel vorzustellen, kann nicht im Sinne der Rubrik sein. Die Suche nach dem Spiel, das gut genug war, es (nahezu) durchzuspielen, aber unter diesen das schlechteste, ist im Ergebnis ebenfalls belanglos. Aber wenn ich kein Spiel aussuche, dann muss ich auch nicht für diese Rubrik schreiben – und Christian hat es ja auch geschafft. Ich werfe zur eigenen besseren Orientierung deshalb nun einen Blick auf verschiedene mögliche Kategorien von schlechten Spielen.

Enttäuschungen
Manche Spiele kritisiert man vor allem deshalb, weil sie den Erwartungen nicht gerecht werden. Das können schwache Nachfolger großartiger Spiele sein oder von der Kritik hochgelobte Spiele, die sich als persönliche Enttäuschungen entpuppen. Man ist dann oft besonders verärgert, weil Potenzial verschenkt wurde und statt dem neuen Lieblingstitel ein mittelguter Murks bei rauskam. Oder weil andere das Spiel „völlig zu Unrecht“ loben, so die eigene Empfindung. Hierzu würde ich Titel wie The Wind Waker, Uncharted 3, Kirby’s Dreamland 3, Little Big Planet, Jak & Daxter oder Yoshi’s Story zählen. Allesamt große Enttäuschungen gemessen an den Erwartungen, aber sicherlich ist keines davon „mein schlechtestes Spiel“, denn man ist bei solchen Spielen auch überkritisch. Nach Ocarina of Time und Majora’s Mask war Links Abenteuer auf hoher See ein herber Schlag in meine Magengrube – aber objektiv noch immer ein passables Spiel.

Links Wind Waker-Abenteuer stieß zu seiner Zeit auf geteilte Meinungen

Captain Obvious
Man kann es sich auch leicht machen, und die offensichtlichen Schießbudenfiguren nennen, die man möglicherweise mal angespielt hat, um zu sehen, wie schlecht sie wirklich sind. Es sind Titel, die auf den Metacritic-Seiten ganz unten stehen. Ninjabread Man fällt mir da ein (bei YouTube gibt es tolle Videos). Oder natürlich das glorreiche Superman 64. Das wären aber wenig originelle und auch sehr unpersönliche Nennungen, selbst wenn man sie gespielt hätte (was ich nicht habe). Neben dem bekannten Phänomen schlechter Lizenzspiele sind dabei auch die zahlreichen stumpfen Casual-Games der Wii- und DS-Zeit denkbar, in denen man sein Traumkleid designen oder Zootiere mit Pointersteuerung anmalen konnte. Irgend so einen Schrott hat sicher jeder schon zur Belustigung angespielt.

Wirklich schlechte Spiele
Manchmal hat man selbst wirklich übles Zeug gespielt. Ich habe mal eine Frogger-Variante auf CD geschenkt bekommen (Wert: 5,- DM), von der ich nur noch dunkel erinnere, dass sie vollkommen unspielbar war und mit Frogger nicht mehr viel zu tun hatte. Es gibt viele dahingerotzte Flash-Spiele aus den frühen 2000ern sowie unzählige NES-Spiele, die schlicht unspielbar sind. Vor einiger Zeit habe ich versehentlich im eShop das erste Turtles gekauft, weil ich es mit Teil II verwechselt hatte. Grausam. Eine Qual. Unspielbar. Doch das sind alles Spiele, die man nicht länger als zwei Minuten ertragen hat, weshalb auch sie nicht in so einer schönen Rubrik zu besprechen sind. Dafür kann man sich stattdessen hunderte von Folgen vom Angry Video Game Nerd anschauen, der sich für den geneigten Zuschauer durch diesen ganzen Schund quält.

Großartiger Trash
Schließlich wären da noch die Spiele, die man trotz offensichtlicher Mängel voller Freude in Grund und Boden gespielt hat. Stundenlang habe ich damals mit Freunden Clayfighter 63 1/3 gespielt und es wurde einfach nicht langweilig. Ich habe sogar Rampage World Tour durchgespielt, obwohl es aus über 150 immergleichen Leveln bestand. Und zuletzt war da noch Tank! Tank! Tank!, das ich gemeinsam mit Ponk als „Beleuchtete Brüder“ gespielt habe – bis heute unser meistgesehenes Let’s Play. Es ist schon erstaunlich, wie viel Spaß man mit objektiv völlig vermurksten Spielen haben kann. Sei es aus Freude am Trash oder weil man eben aus vielen Spielen doch noch großen Spaß herausholen kann, wenn man etwas kreativ ist. Bei so vielen Stunden, die man sich absichtlich mit minderwertiger Software abgibt, kann man nicht mehr von „meinem schlechtesten Spiel“ sprechen. Es gibt noch einige weitere langweilige und schlechte Spiele, die ich spielte, insbesondere auf dem Gamecube, wie Kelly Slater’s Pro Surfer oder Turok Evolution, aber keines davon klickt so richtig als schlechtestes Spiel aller Zeiten. Keines davon rechtfertigt ein Pamphlet des Zornes oder auch nur ein Schmähgedicht von Jan Böhmermann.

Jetzt habe ich länglich begründet, warum alle genannten Kategorien nicht so ganz passen, doch irgendwo muss ich mich bedienen. Und es gibt tatsächlich ein Spiel, das nicht nur eine große Enttäuschung war, sondern dazu noch dermaßen substanzlos und einfach… falsch, dass ich ihm guten Gewissens das Prädikat „Bibers schlechtestes Spiel aller Zeiten“ geben kann: Beyond Two Souls.

Bei Beyond Two Souls kommt so viel zusammen, was mich in Rage versetzt: Ich hatte größte Erwartungen in den Titel gesteckt, die brutal enttäuscht wurden. Das Spiel befördert zudem eine Entwicklung in einem meiner liebsten Genres, die diametral entgegengesetzt ist zu dem, was ich mir dafür wünsche. Es ist voller Klischees, Logiklöchern und dummen Tätigkeiten und hat ein unverschämt beschränktes Gameplay, selbst für ein narratives Spiel. Die Charaktere waren mir das ganze Spiel über vollkommen egal und auch der Fortgang der Geschichte hat mich nicht tangiert. Am wichtigsten aber: Es macht überhaupt keinen Spaß. Beyond Two Souls wurde als der ambitionierte Nachfolger des kontroversen Heavy Rain angekündigt. David Cage sollte oder wollte das Medium Videospiel auf ein höheres Level bringen und für Menschen öffnen, die damit bislang nichts zu tun hatten. Mit Heavy Rain hat das zumindest bei meiner Frau geklappt – es war die Initialzündung dafür, dass wir seither eine Menge an ganz unterschiedlichen Titeln gemeinsam gespielt haben. Alles, was Cage bei der Entwicklung von Fahrenheit und Heavy Rain gelernt hatte, sollte nun mit einem noch größeren Budget im ultimativen interaktiven Drama kulminieren und Gamern und Non-Gamern weltweit die Augen öffnen. Oder so. Für mich ganz persönlich war „Beyond“ tatsächlich eine der vielversprechendsten Ankündigungen seinerzeit. Ich hatte Heavy Rain an einem einzigen Wochenende aufgesogen und selten hat mich eine Videospielerfahrung so bewegt. Es hatte zwar einige Probleme, die ambitionierte Geschichte abzubinden, doch hat es mehr und besser mit meinen Erwartungen gespielt als alle anderen Spiele und es geschafft, eine Verbindung zwischen Videospiellogik und Narration zu schaffen. Meine Bedürfnisse, Zwänge, Erwartungen als Videospieler deckten sich mit denen von Ethan Mars als Figur im Spiel bzw. fanden dort eine Entsprechung. Wenn Ethan etwas wichtig war, war es auch mir wichtig. Ich konnte mich nicht mehr vom Spiel distanzieren und es mit abgebrühter Kenntnis runterspielen. Ich habe mit Entscheidungen gerungen, länglich mit meiner Frau diskutiert und manches auch ernsthaft bereut. Und nun sollte dasselbe Team eine in durchgewirbelten Zeitfragmenten erzählte Coming-of-Age-Story in einem SciFi-Thriller-Setting erschaffen? Ich war verzückt! Am 25. September 2013 schrieb ich in das altehrwürdige Gaming-Universe-Forum: „Ich will die Demo gar nicht haben, ich will das Spiel völlig ohne Vorwissen spielen. Ich bin hocherfreut und elektrisiert“ und am 4. Oktober: „Ein Team, das Heavy Rain gemacht hat, wird nicht plötzlich krasse Fehlentscheidungen treffen oder komplett den Geschmack oder Sinn für eine gute Story verlieren.“


Ich habe Cage und seinem Team wirklich zugetraut, Heavy Rain zu übertreffen. Wie ich mich geirrt habe. Denn Beyond Two Souls tritt geradezu achtlos mit Füßen, was Heavy Rain so groß macht. Statt persönlicher Momente der Verzweiflung, und kleiner Geschichten voller Schwermut, die von Konsequenzen und Verantwortung handeln, schmeißt einen Beyond von einem klischeebelandenen Setting in das nächste, ohne dass irgendetwas hängen bleibt. Bemüht um größtmögliche Emotion bleibt das Spiel hinter jedem am Reißbrett zusammengezimmerten Popcorn-Blockbuster zurück. Ein bisschen belanglose Romanze, ein dramatisches inszeniertes Kriegsgebiet, Deckungsaction aus einem beliebigen Shooter, etwas billigen Cybereiszombiequatsch, eine James-Bond-Unterwasserbasis und fürchterlich viele Teenie-Klischees. Berüchtigt ist die sagenhaft langweilige und stereotype Indianer-Geistergeschichte, doch sie ist bei weitem nicht der einige Tiefpunkt. Das alles wird fragmentarisch aneinander gekleistert und verrührt zu einem Matsch, in dem der Spieler nicht anders kann als maximale Distanz zum Geschehen zu entwickeln. Wenn man sich dann dazu entscheidet, die Teile in chronologisch vermischter Reihenfolge zu erzählen, muss das der Erzählung dienen. Es gibt aber überhaupt gar keinen Twist, der dies rechtfertigt. Man muss eher sagen, dass diese Art der Erzählung glücklicherweise nicht stört, weil einem sowieso egal ist, was sich auf dem Bildschirm zuträgt. Das minimalistische Gameplay mit den sehr schnell redundanten Elementen führt schließlich dazu, dass man sich zehn Stunden lang durch einen Film klickt, der einen nicht im Geringsten interessiert. An vielen Stellen hatte ich Ideen, wie das Spiel nun interessant werden könnte, aber es legt dem Spieler künstlich Fesseln an und lässt einen immer nur dieselben Dinge tun und erleben. Nichts davon hat Konsequenz, nichts davon berührt.

Was mich vor allem stört ist, dass es alle Vorurteile bestätigt, die man über interaktive Filme haben könnte. Wenn ein Spiel versucht, einfach nur ein Film zu sein, ist es meist ein schlechter (und viel zu langer) Film. Ein Spiel muss sein eigenes Medium nutzen und nicht Blockbustern hinterherhecheln. Heavy Rain hat das verstanden, Beyond überhaupt gar nicht. Ich erinnere unzählige beeindruckende Momente aus Heavy Rain. Bei Beyond würde es mir schwer fallen, die grobe Story zusammenzukratzen. Dabei ist mir sogar schon dieser erschreckende Gedanke gekommen: Nicht nur habe ich ein furchtbar schlechtes Spiel spielen müssen, ich muss auch hinterfragen, ob das, was ich in Heavy Rain hineininterpretiert habe, nicht nur eine Illusion war. Denn wie kann ein und dasselbe Team für diese beiden Spiele verantwortlich sein? War Heavy Rain auch nur Schmu?

Für mich ist es das schlechteste Spiel aller Zeiten, weil es eine grenzenlose Ignoranz gegenüber den Möglichkeiten des Mediums Videospiele an den Tag legt und sich selbst amputiert, indem es das große Potenzial einer solchen Erzählung achtlos wegwirft. Willem Dafoe und Ellen Page können sich noch so verzweifelt durch ein Potpourri an Settings schauspielern – den Spieler wird es nicht erreichen, weil es nichts mit ihm zu tun hat. Beyond Two Souls ist eine Bankrotterklärung eines talentierten Teams. Jetzt wird sich zeigen, ob David Cage diese tiefe Wunde mit Detroit: Become Human vergessen machen kann.