Kritiken

Mirror’s Edge Catalyst im Test

150.000 verkaufte Exemplare. Ein Erfolg war Mirror´s Edge in den ersten Wochen nach Release im Jahre 2008 sicherlich nicht. Die EA-Verantwortlichen dürften enttäuscht gewesen sein und sahen ihre hohen Erwartungen an den Titel nicht erfüllt – trotz durchschnittlicher Wertungen von ca. 80%. Doch Mirror´s Edge entpuppte sich als pubertärer Spätentwickler und konnte bis 2013 weltweit mehr als 2,5 Millionen verkaufte Exemplare aufweisen. Der Wunsch nach einem Nachfolger wurde lauter, die Fanbasis war innerhalb der Jahre beachtlich gewachsen. Die Rufe wurden erhört und auf der E3 2013 wurde mit Mirror´s Edge Catalyst tatsächlich der Nachfolger zum Parcour-FPS-Runner angekündigt. Nun, knapp drei Jahre später, steht der Titel tatsächlich in der Regalen und wir haben uns mit Faith Connors in ihr zweites Abenteuer gestürzt. Kein Totalabsturz, aber leider auch kein Allzeithoch…

Mehr Spiel im Spiel und weniger Gefühl
Vor allem die stilistische Umsetzung und das frische, innovative Spielkonzept hatte die Spieler am Erstling begeistert. Unser Redakteur Henrik Zenses äußerte sich in seinem Test damals sehr treffend: „Wer auf der Suche nach einem neuen Spielerlebnis abseits ausgetretener Genre-Pfade ist, der ist gut beraten dieser Symphonie aus Stil und Mut eine Chance zu geben.“ Mirror´s Edge war irgendwie anders. Es war nicht perfekt, es war irgendwie linear, die Spielmechanik wirkte stellenweise etwas „unpoliert“ und auch die Story sowie deren (so gut wie nicht vorhandene) Präsentation konnten die Spielwelt nicht in ihren Grundfesten erschüttern. Trotz all dieser Faktoren schaffte es der Titel, dass man sich mit jeder weiteren Spielminute ein bisschen mehr in dieses Spiel verguckte – vielleicht gerade deswegen, weil man all die Mühen und die Liebe zum Detail der Entwickler spüren konnte. Irgendwie strahlte der Titel eine Glaubwürdigkeit aus, die es unmöglich machen sollte, dem Spiel seine Schwächen übel zu nehmen. Vielleicht liegt es daran, dass ich von Mirror´s Edge Catalyst eher enttäuscht wurde. Mirror´s Edge Catalyst vermittelt eben jenes Gefühl nicht mehr. Es ist ein Spiel mit Schwächen, wie bereits sein Vorgänger, dem es aber nicht gelingt diesen besonderen Charme auszustrahlen.

Woran das liegt? Nun, Mirror´s Edge Catalyst ist kein echter Nachfolger, sondern ein Reboot – ein Neustart der jungen Serie. Der Titel betritt andere Pfade als noch der Vorgänger und setzt nun auf Open World, Sammelobjekte, Sidequests und Hollywood-esque Storysequenzen. Mirror´s Edge Catalyst ist „mehr Spiel“ als noch sein Vorgänger, was dazu führt, dass die eigene Bewertung des Titels nicht mehr auf einer (irrationalen) Gefühlsebene basiert, sondern anhand der (klassischen) Spiele-Bewertungsraster vorgenommen wird. Das klingt merkwürdig – zumindest für diejenigen, die den Erstling noch nicht gespielt haben. Kurz um: Mirror´s Edge Catalyst ist, im Vergleich zum Vorgänger, keine Ausnahmeerscheinung mehr. Es ist ein „typisches“ Spiel seiner Zeit. Ausgelegt auf den Massenmarkt. Genau dadurch ist der Marke ihre vielleicht größte Stärke geraubt worden.

Massenkompatibel
Jede Faser von Mirror´s Edge Catalyst scheint auf Massenkompatibilität getrimmt worden zu sein. Das beginnt mit der Story, die nun häufiger durch aufwändige Cutscenes vorangetrieben wird, sich dabei aber in unemotionaler Bedeutungslosigkeit verliert. Zahlreiche fiese Machenschaften von Firmen und Personen werden aufgedeckt und auch über die bedrückende Vergangenheit der Heldin Faith wird der Spieler schrittweise aufgeklärt. Doch all das wirkt überfrachtet, denn der eigentlich simple Plot wird nach und nach so weit aufgebläht, dass er nur in wenigen Momenten wirklich interessant wirkt. Zudem offenbart sich dem Spieler eine völlig unsympathische Faith, die fragwürdige Entscheidungen trifft und in ihrer ganzen Persönlichkeit zu unstetig wirkt. So lässt sich keine echte Beziehung zwischen Spieler und Spielfigur aufbauen und Story und Charaktere bleiben, trotz Zwischensequenzen, fremd und distanziert. Auch die offene Spielwelt soll den Titel für ein breiteres Publikum öffnen – immerhin ist „Open World“ mehr denn je in aller Munde. Leider bietet Mirror´s Edge Catalyst eine der wohl leblosesten und eintönigsten Open World-Erfahrungen seit langer Zeit. Der Minimalismus des Vorgängers wurde nun auf eine offene Spielwelt übertragen, wirkt in dieser offenen Spielwelt aber nicht mehr als künstlerischer Kniff, sondern sorgt für immergleiche Ecken, Aussichten und Orte. Eine leblose, lieblose, große Welt, deren Sinn sich kaum erschließt, denn zum Entdecken gibt es tatsächlich nichts. Nun, bis auf die Nebenmissionen, die an Banalität kaum zu überbieten sind, denn mehr als „Taxi-Missionen“ lassen sich nicht finden.

Leider bietet Mirror´s Edge Catalyst eine der wohl leblosesten und eintönigsten Open World-Erfahrungen seit langer Zeit.

Auf einer Übersichtskarte werden nach und nach zahlreiche Nebenmissionen angezeigt und bei fast jeder dieser Missionen wird Faith zu einer Postbotin, die diverse Gegenstände in vorgegebener Zeit von A nach B transportieren muss. Für diese Nebenmissionen (zusätzlich gibt es im Spiel noch zahlreiche Sammelquests) werdet ihr, zusätzlich zum Beenden von Hauptquests, mit EXP belohnt, die ihr in das Aufleveln eurer Fähigkeiten (Bewegung, Ausrüstung, Kampf) stecken könnt. Während sich durch das Aufleveln der Bewegungs- und Kampffähigkeiten teilweise tatsächlich feinere Bewegungsabläufe realisieren lassen, sind die Ausrüstungs-Upgrades ein weiterer Kritikpunkt. Denn das MAG Rope (ein Enterhaken) lässt euch zwar große Höhenunterschiede in kurzer Zeit überwinden, doch – trotz „Open World“ – dürft ihr dieses nette Gerät nur an vorgegebenen Stellen einsetzen.

Ein weiterer Punkt, der Mirror´s Edge Catalyst interessanter für die breite Masse werden lassen sollte, stellen die erweiterten Online-Features dar. Neben den klassischen Ranglisten zum virtuellen „Speed-Vergleich“, bietet der Titel auch einen Herausforderungsmodus. Toll, weil jeder Spieler eigene Herausforderungen erstellen kann. So legt man etwa selbst einen Streckenabschnitt fest, positioniert Checkpoints und lässt Spieler aus der ganzen Welt auf dieser Strecke gegeneinander antreten. Oder man versteckt bestimmte Objekte und lädt Spieler zur großen Schnitzeljagd. Der Challenge-Modus bietet einige nette Möglichkeiten und schon jetzt lässt sich gelungener spielergenerierter Content finden.

Flow
Trotz aller bisheriger Kritik an Mirror´s Edge Catalyst, der Gameplay-Kern kann auch dieses Mal wieder voll punkten. Denn auch der Nachfolger schafft es, dass man sich als Spieler wieder unglaublich nach diesem besonderen Geschwindigkeitsrausch sehnt und am liebsten niemals stoppen möchte, wenn man einmal seinen „Flow“ gefunden hat. Als Spieler wird man mit diesem ganz besonderen Flow-Gefühl belohnt, wenn man seine Bewegungen und Laufwege aufeinander abstimmt: Rennen, Wandsprung nach oben, Sprung über den Abgrund, Abrollen und den Schwung mit in den Lauf nehmen. Zugegeben, man braucht wieder etwas Zeit, bis der eigene „Run“ zu einem einzigen, flüssigen Movement wird, aber sobald man sich reingefuchst hat, wird man mit tollen Flow-Gefühlen belohnt. Neu ist die Fokus-Energie, die sich während eines flüssigen Movements auflädt und dem Spieler mehr Zeit verschafft, wenn er unter Beschuss steht. Denn erneut sind auch bewaffnete Gegner mit von der Partie und die Kämpfe bilden ein weiteres Gameplay-Element. Im Erstling noch ein echter Dorn im Auge, sind die Kämpfe dieses Mal zwar immer noch nicht des Spielers liebstes Spielelement, wirken aber insgesamt besser in die Bewegungsabläufe integriert. So wird man als Spieler durch Kämpfe nun deutlich weniger aus dem Flow gerissen, sondern kann die Gegner stattdessen besser in seinen „Lauf“ integrieren. Die Gegner-KI ist allerdings nach wie vor schwach und die Elitesoldaten verhalten sich häufig wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen, die sich mit einfachen Faustschlägen und Fußtritten ausschalten lassen. Auch manche Gegneranimation wirkt etwas „unbeholfen“. Generell hatten wir während unseres Tests mit manchen grafischen Unfeinheiten zu kämpfen. Stellenweise gab es Texturfehler und, zwar seltene, aber vorhandene, Framerate-Einbrüche. Der Grafikstil ist zwar nach wie vor außergewöhnlich, doch die (gelungene) kühle Optik trägt leider keine komplette, große „Open World“ und hätte stellenweise mehr Abwechslung vertragen, die unterschiedliche Orte mehr voneinander abhebt.

Das Kern-Gameplay von Mirror´s Edge Catalyst kann überzeugen. Dieses einzigartige Flow-Gefühl wurde vom Erstling gekonnt übertragen und an den richtigen Stellen aufpoliert, sodass sich der Bewegungsablauf insgesamt nun noch flüssiger und mitreißender präsentiert. Leider sorgen die neuen (Gameplay-)Elemente dafür, dass Mirror´s Edge Catalyst im Vergleich zum Vorgänger eher enttäuschend daherkommt. Die Ausrichtung auf ein größeres Spielerpublikum und die damit angestrebte Massemarktkompatibilität, berauben der Reihe ihre größte Stärke, indem sie den Nachfolger zu einem 0815-Spiel seiner Zeit degradieren. Es fehlt dieser besondere Charme, durch den man dem Vorgänger noch so manchen „Schnitzer“ verzeihen konnte. Die Open World-Ausrichtung ist nicht geglückt, denn die offene Spielwelt wirkt leblos und stellenweise auch zu lieblos. Die Nebenmissionen sind nicht mehr als stupide Beschäftigungstherapie und auch die Hollywood-esque Story ist zu seicht, zu platt, zu aufgebläht. Es wirkt so, als wollten die Entwickler aus Mirror´s Edge ein Spiel basteln, das jedem Spieler prinzipiell zusagen könnte. Frei nach dem Motto: „Bei den zahlreichen neuen Spiel-Elementen ist doch sicher für jeden was dabei!“ Doch genau dadurch wirkt Mirror´s Edge Catalyst im Endeffekt zu halbgar, zu steril, zu klinisch, zu generisch. Im Kern steckt nach wie vor ein tolles Spielprinzip, doch durch die völlige Überfrachtung dieses Prinzips mit unausgegorenen Features und Neuerungen verliert der Titel all das „Besondere“, das den Vorgänger noch zu einem Highlight der letzten Generation katapultierte.

Joshua ist Herausgeber und leitender Redakteur von Gaming-Universe. Neben News, Vorschau- und Testberichten liegt sein inhaltlicher Schwerpunkt vor allem bei Magazin-Artikeln und Interviews. Spielerische Lieblinge zeichnen sich vor allem durch eine tiefgründige oder emotionale Geschichte aus – wobei er ansonsten viel Zeit in Partien mit der einzig wahren Fußballsimulation investiert.