Kritiken

Nairi: Tower of Shirin – zwischen Adventure und Visual Novel

Das Adventure-Genre erzählt nicht nur Geschichten, es hat auch selbst eine eigenwillige: In den 90er Jahren brachten Firmen wie LucasArts oder Sierra reihenweise Spiele auf den Markt, die noch heute bei vielen Gamern älteren Semesters als absolute Meilensteine gelten. Wer kennt nicht Day of the Tentacle oder Maniac Mansion! Doch mit dem technologischen Sprung auf 3D waren Adventures plötzlich so gut wie von der Bildfläche verschwunden. Jahre später hat sich ein kleiner Entwickler namens Telltale Games aufgemacht, wieder Geschichten zu erzählen – und sich dabei wild alter Marken und bekannter TV-Serien und Filme bedient, um ein Publikum zu finden. Der erhoffte Schritt, Adventures wieder in den breiten Massenmarkt zu bringen, schlug allerdings fehl. Und Telltale Games ist seit wenigen Monaten selbst Geschichte. Das Genre selbst hat aber überlebt. Mehr als das: Studios wie Quantic Dream oder Dontnod beweisen, welches erzählerische Potenzial im Medium Videospiel steckt. Japanische Visual Novels erleben genau wie obskure FMV-CYOA-Produktionen aus England ein Revival. Und auch die berüchtigten Walking-Simulatoren sind eigentlich kaum anderes, als eine weiter gedachte Variante des alten Adventures – in 3D-Optik und mit größerem narrativen Fokus.

In diesem Sammelsurium aus unterschiedlichen Geschichten verlieren sich dabei so manche Perlen. Nairi: Tower of Shirin, das im November 2018 für die Nintendo Switch erschienen ist, ist so eine.

NAIRI: Tower of Shirin – Announcement Trailer

Wie will man Nairi einordnen? Die klassischen Adventure-Wurzeln sind von Beginn an unverkennbar: In der Rolle der namensgebenden Heldin müsst ihr Gegenstände kombinieren und Rästel lösen, um eine uralte, magische Welt und die eigene Bedeutung zu entdecken. Doch ein klassisches Point-and-Click-Adventure ist das Spiel trotzdem nicht. Obwohl der Fokus stark auf Rätseln liegt, klickt man sich fast im Stile von Wimmelbild-Games durch leicht animierte Hintergründe und begegnet den Spielcharakteren vornehmlich in den Zwischensequenzen. Das man zumeist keine Figur steuert sondern Bilder durchsucht, ist anfangs irritierend. Die Distanz zwischen Spieler und Protagonistin ist konstant spürbar. Doch das muss nicht schlecht sein. Denn nach anfänglicher Verwunderung fühlte sich Nairi: Tower of Shirin mehr und mehr wie ein interaktives Kinderbuch.

Einen wichtigen Beitrag zu diesem Eindruck liefert die wirklich wunderschöne, handgezeichnete Grafik und das zauberhafte Setting, in dem es Nairi mit zahlreichen, liebevoll in Szene gesetzten antromorphen Tieren zu tun bekommt. Von den liebevollen Zeichnungen und dem märchenhaften Schauplatz sollte man sich aber nicht aufs Glatteis führen lassen. Die Rätsel von Nairi: Tower of Shirin werden durchaus fordernd, sind manchmal auch etwas undurchschaubar, aber doch mit etwas Ausprobieren und Grübeln immer fair. Einziger Malus ist die Tatsache, dass das Spiel nicht zu jeder Zeit gespeichert werden kann. Läuft man in eine gedankliche Sackgasse muss man also erzwungenermaßen am Ball bleiben – oder verliert im schlimmsten Fall einen längeren, bereits gemeisterten Abschnitt.

Nach acht bis zehn Stunden sollte das Ende von Nairi: Tower of Shirin erspielt sein. Doch ist es wirklich das Ende? Ohne zuviel zu verraten, dürfen wir wohl mit einem weiteren Abenteuer von Nairi rechnen. Der kleine Geheimtipp für Adventure-Freunde hätte es auf alle Fälle verdient, genügend Fans dafür zu finden.