Kritiken

NHL17 im Test

Es ist schon so eine Sache, mit Eishockey in Deutschland. Lange sind sie her, die internationalen Erfolge rund um Erich Kühnhackl und Alois Schloder. Und während König Fußball jede Woche Millionen begeistert und bewegt, wird in Hamburg eine erfolgreiche Erstliga-Mannschaft ersatzlos abgeschafft – deren Tradition wiederum nur daraus Bestand, einst das komplette Münchner Team an die Elbe vernordet zu haben. Und so bleibt der coolste Sport der Welt hier eine Nischensportart, die in Städten wie Straubing, Krefeld oder Iserlohn ausgetragen wird und wenig TV Präsenz erhält.

screen_nhl17_03Dabei gibt es sie auch heute noch, die deutschen Eishockey-Stars. Nie spielten in der nordamerikanischen NHL, der wohl besten Liga der Welt, mehr Spieler. Jungstars wie Leon Draisaitl oder Tobias Rieder konnten sich eindrucksvoll etablieren, Kühnhackl-Spross Tom letztes Jahr gar den begehrten Stanley Cup gewinnen. Und so erhofft sich EA dieses Jahr sicher, mit NHL17 vielleicht auch hierzulande ein paar mehr Spieler gewinnen zu können. Doch lohnt sich der Griff zum virtuellen Hockeystick?

screen_nhl17_02An dieser Stelle vielleicht ein paar Informationen zum Verfasser dieser Zeilen: Im beschaulichen Landshut aufgewachsen war der Eishockeysport eine verlässliche Konstante der wöchentlichen Abendgestaltung. Und wie ich den EV Landshut durch die Höhen (DEL-Finale 1995!) und Tiefen (Insolvenz und Oberliga-Neustart 1999) begleitete, war auch die virtuelle Jagd nach dem Puck ab NHL Hockey 94 von EA Sports ein jährlicher Zeitvertreib. Damals durfte man das Genre Eishockey sogar in zwei Kategorien unterschieden: Während die NHL-Serie von EA eine möglichst realistische Darstellung wählte, konnte man sich in Spielen wie Wayne Gretzky’s 3D Hockey oder Midway’s NHL Hitz-Reihe einem sehr arcadigen Spielerlebnis widmen – da wurde das Sportspiel schnell zu einem rassigen Fighting Game. Ob man nun also Fan des taktisch anspruchsvollen Sports war oder die Dramatik und Action auf dem Eis liebte, Spieler hatten die Wahl. Und Eishockeywahnsinnige wie ich mussten doppelt so tief in die Geldbörse greifen.

Nun, im Jahr 2016, hat es EA leicht, die Eishockey-Referenz zu stellen: NHL17 ist das letzte Eishockey-Spiel am Markt. Startet man das Spiel, merkt man leider schnell, dass es sich dieser Tatsache sehr bewusst ist: Die ersten Minuten verbringt man in eindrucksvoll umfangreichen Menüs, die es dem Spieler schon vor der ersten Partie abverlangen, jede Menge Einstellungen zu konfigurieren. Wie lange spielt man die NHL-Serie schon? Welche Steuerungs-Option wird bevorzugt? Selbst als Kenner der Serie ist man hier schnell überfordert. Nach einem kurzen, recht netten Intro (später mehr zur Präsentation) werden auch schon die Mannschaften gewählt und es geht auf das gefrorene Nass. Meine erste Partie geriet allerdings zu einem Debakel: Trotz Anfänger-Einstellung war ich mehr damit beschäftigt, ein Gefühl für das Stickhandling per rechtem Analogstick zu entwickeln, als das Geschehen auf dem Eis mitzuverfolgen. Währenddessen werden über den Köpfen der Spieler – manchmal auch derer, die man gar nicht steuert – die richtigen Tasten eingeblendet. Was hilfreich gemeint ist, verwirrt schnell vollkommen: Jede Nuance lässt sich individuell steuern, so dass ganz unterschiedliche Eingaben nötig sind, die sich in der Rasanz des Spiels aber weder erkennen noch umsetzen lassen. So Bestand mein erstes Drittel aus einer Menge unerlaubter Weitschüsse, vielen verlorenen Bullis und noch mehr Abseits-Positionen. Ein Wunder, dass es dennoch mit einem 1:0 in die Drittelpause ging – hatte ich doch beim Tor gar nicht das Gefühl, aktiv am Spielzug beteiligt gewesen zu sein.

Ganze fünf Spiele später hatte sich leider wenig Besserung eingestellt, so dass ein kompletter Neustart die Konsequenz war: Dankenswerterweise hat EA eine simple 2-Tasten-Steuerung, die an NHL `94 angelegt ist, in das Spiel integriert. Damit wird NHL17 gerade in Mehrspieler-Partien sofort spielbar, verliert aber natürlich deutlich an Spieltiefe. Und leider merkt man dem Spiel auch an, für Simulationsfreunde gedacht zu sein: Zwar spielt sich der Retro-Modus deutlich zugänglicher, die Geschwindigkeit und Action der alten Teile wird aber trotzdem nicht erreicht.

screen_nhl17_04Das soll nicht heißen, dass NHL17 schlecht spielbar ist – ganz im Gegenteil. Die Steuerung wirkt in vielen Facetten durchdacht und geduldige Gamer können mit etwas Übung sicher das ein oder andere spektakuläre Tor schießen. Dennoch stellt sich die Frage, ob NHL17 damit gerade hierzulande die Gamer erreicht. Denn schließlich ist das Eishockey-Regelwerk ähnlich schwierig und der Sport taktisch komplex, wie häufig auch unbekannt. Dazu noch eine Steuerung, die zu Beginn einige Fragezeichen aufwirft. Schnell ist man vom Spielgeschehen überfordert – und tauscht dann eben doch den Puck gegen den Ball und greift zum allgegenwärtigen FIFA.

Dabei wird etwas Geduld durchaus belohnt: Wie von EA gewohnt bietet NHL17 nicht nur jede notwendige Lizenz sondern auch eine durchaus liebevolle Präsentation mit Filmschnipseln der echten NBC-Kommentatoren und früheren NHL-Stars als Experten. Auch grafisch weiß NHL17 durch die Bank zu gefallen: Hervorragend modellierte Stadien, eine Stimmung, die sich so mancher NHL-Verein in echt wünschen würde, virtuelle Spieler, die ihren realen Ebenbildern aus dem Gesicht geschnitten sind, und vor allem flüssiges Gameplay, eine exzellente Kollisionsabfrage und saubere Animationen. Wer gerade im Einspielermodus Spieltiefe sucht, kann nicht nur die NHL-Saison nachspielen, sondern im neuen Draft Champions-Modus das fragwürdige Spielerdraft-System nachempfinden oder im World of Hockey-Modus Altstars auf das Eis schicken. Dazu wurde NHL17 eine Art vereinfachter Management-Modus spendiert, in dem man auch das Geschehen abseits der Eisfläche mitbestimmen kann. Natürlich lassen sich die Partien auch online austragen. Nachlässigkeit kann man den Entwicklern also nicht nachsagen.

Leider bleibt am (Saison-)Ende ein fieser Nachgeschmack: NHL17 will einfach zu viel. Es will das richtige Spiel für absolute Simulationsfanatiker sein, es will Nostalgiker ansprechen, es will jeden denkbaren Spielmodus anbieten. Die Wahrheit ist leider, dass teils weniger mehr gewesen wäre – und der Spielspaß zwischen all den Optionen und Einstellungsmöglichkeiten immer öfter verloren geht. Vielleicht liegt die Schuld gar nicht bei EA. Vielleicht würde ein bisschen mehr Wettbewerb den Entwicklern helfen, Kernaspekte des Sports herauszustellen.

NHL17 fühlt sich wie ein heutiges Oberliga-Spiel des EV Landshut an: Man geht etwas unbefriedigt raus, weil es früher einfach besser war. Man geht auch nicht mehr jede Woche ins Stadion, sondern nur noch ein paar mal im Jahr. Aber trotzdem ist man jede Saison wieder dabei: Schließlich ist es Eishockey – der coolste Sport der Welt!