Kritiken

Psycho-Pass: Mandatory Happiness im Test

Die Psycho Pass-Reihe erfreut sich nicht nur in Japan großer Beliebtheit, auch in Deutschland hat sich in den letzten Jahren eine ordentliche Fanbase rund um die Cyberpunk/Krimi-Franchise gebildet. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis es auch der erste Videospielableger in Form von Psycho-Pass: Mandatory Happiness zu uns in den Westen schafft. Entwickler MAGES. haben sich hierbei an einer Visual Novel versucht, die abseits der Geschehnisse des Anime spielt und somit auch für Leute ohne Vorkenntnisse geeignet sein soll. Wie gut das funktioniert und ob es das Spiel geschafft hat, die Atmosphäre und Faszination der Serie einzufangen, haben wir in unserem GU-Test herausgefunden.

Cyberpunk-Tokio in 100 Jahren
Psycho-Pass spielt im Japan der Zukunft, in dem Dank fortgeschrittener Technik das komplette Rechtssystem nun von einem Programm namens Sybyll gelenkt wird. Sybyll kann den Gemütszustand eines jeden Menschen erfassen und somit für diese stets individuelle Urteile fällen, darunter unter anderem ob jemand krank ist und welche Medikamente benötigt werden, aber auch was man am besten essen oder wie man sein Kind aufziehen soll. Vor allem aber dient es zur Identifizierung des sogenannten Kriminalkoeffizienten. Der bestimmt ob eine Person eine Gefährdung für die Gesellschaft darstellt. Wird ein bestimmter Wert überschritten, wird eine Person als latenter Verbrecher gekennzeichnet und muss von den ausführenden Kommissaren beseitigt werden. Nur in Ausnahmefällen entscheidet Sybyll, dass ein latenter Verbrecher weiter in der Gesellschaft geduldet werden kann, im Gegenzug muss dieser dann aber lebenslang als sogenannter „Vollstrecker“ unter der Leitung der Polizei ermitteln.

Kommisarin oder Vollstrecker?
Zu Beginn könnt ihr entscheiden aus welcher Sicht ihr die Geschichte erleben wollt. Zur Auswahl stehen die an Amnesie leidende Kommissarin Nadeshiko Kugatachi und der zum „Vollstrecker“ degradierte Takuma Tsurugi. Beide Charaktere werden als neue Mitglieder der selben Polizeieinheit zugewiesen und sind eigens für die Handlung des Spiels kreiert worden. Dementsprechend fungieren sie auch als Grund die bereits etablierten Charaktere des Anime erneut vorzustellen und damit alle Spieler auf den gleichen Stand zu bringen. Dennoch gibt es auch Details, die einem nur als Kenner des Anime auffallen. Das können Verhaltensweisen von bestimmten Figuren oder auch Anspielungen auf noch kommende Ereignisse sein. Für das Verständnis der Geschichte sind sie in der Regel nicht wichtig, können aber hin und wieder doch ganz interessant sein. Wer sich deshalb fragt, ob und wie viele Vorkenntnisse man mitbringen muss um die Visual Novel genießen zu können, der kann unbesorgt sein. Mandatory Happiness spielt abseits sämtlicher Handlungen des Anime und steht komplett für sich. Wer das Psycho-Pass-Universum allerdings schon kennt, der wird hier immer mal wieder mit einem Augenzwinkern belohnt. Egal welchen Protagonisten ihr anfangs wählt, der grundlegende Story-Verlauf bleibt übrigens gleich.

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Alltag bei der Kriminalpolizei
Ausgangslage ist eine KI namens Alpha, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Menschen nach Sybylls Willen die totale Zufriedenheit zu bringen – und das wenn nötig mit allen Mitteln. Zunächst noble Ziele, die allerdings schnell außer Kontrolle geraten und mehr Schaden anrichten als tatsächlichen Nutzen hervorrufen. Gemeinsam mit dem Rest der Polizeieinheit gilt es fortan verschiedene Verbrechen aufzuklären, bei denen man stets in eine Konfliktsituation geworfen wird, deren Verlauf man durch die eigenen Entscheidungen bestimmt. Psycho-Pass schreckt dabei nicht vor harten Themen wie beispielsweise Kindesmisshandlung oder Suizidversuchen zurück und schafft es immer wieder, trotz der kargen Präsentation, extrem spannende Momente zu kreieren. All dem übergeordnet sind dabei das Geheimnis um den Gegenspieler Alpha, die mysteriöse Amnesie von Nadeshiko und dem spurlosen Verschwinden von Takumas Freundin. Zu sehr ins Detail möchten wir an dieser Stelle nicht gehen, aber insgesamt lässt sich sagen, dass die Geschichte jede Menge interessante Geheimnisse und sympathische Charaktere bietet, allen voran natürlich die beiden aus dem Anime bekannten Figuren Akane und Kogami.

Eine klassische Visual Novel
In Japan schon lange etabliert, haben Visual Novels erst in den vergangenen paar Jahren so wirklich ihren Weg in den Westen gefunden. Wer dem Genre bisher noch völlig fremd ist, der bekommt mit Mandatory Happiness gleich einen sehr traditionellen Ableger an die Hand. Während Genrekollegen wie Steins;Gate immerhin noch mit dem im Spiel integrierten Handy etwas Abwechslung bieten, geht es in Psycho-Pass wirklich ausschließlich um das Lesen von Texten und bestenfalls alle 20 Minuten mal um das Treffen einer Entscheidung. Rätsel gibt es dementsprechend nicht, dafür sind die eben genannten Entscheidungen aber umso wichtiger. Je nachdem wie man sich entscheidet, folgen oft komplett unterschiedliche Szenen. So ist es gut möglich, dass man manche Orte niemals zu Gesicht bekommt. Ein Story-Durchlauf dauert etwa 6-8 Stunden, wer aber wirklich alle Geheimnisse und Puzzlestücke der Handlung finden möchte, der wird sicher gut über 30 Stunden damit beschäftigt sein. Glücklicherweiße gibt es auch eine Schnelllese-Funktion, mit der man bereits erlebte Szenen zügig überspringen kann. Speichern muss man übrigens manuell, aber das kann man dafür auch jederzeit (mit einer kleinen Ausnahme zum Ende hin) und wer mal etwas länger Pause gemacht hat oder einfach kurz unaufmerksam war und nicht mehr weiß um was es zuletzt ging, der kann sämtliche Texte ganz einfach im Log nachlesen / -hören.

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Detailgetreue Optik und trotzdem enttäuschend?
Wären nicht die Texteinblendungen und statischen Hintergründe, könnte man Mandatory Happiness auf den ersten Blick glatt mit einer Folge des Anime verwechseln. Der Zeichenstil wurde 1:1 getroffen und sogar die original japanischen Sprecher sind für alle Hauptcharaktere mit an Board. Auch die Figuren wirken Dank unterschiedlicher Mimik und Lippenbewegung beim Sprechen lebendiger als bei so manch anderem Genrevertreter. Eine englische Sprachausgabe gibt es übrigens nicht, während die Untertitel hingegen ausschließlich auf Englisch verfügbar sind. Etwas schade, aber wer der Sprache einigermaßen mächtig ist, sollte keine allzu großen Probleme haben. Für wichtige Begriffe und Charaktere, gibt es zudem noch ein Lexikon im Menü, welches man zu jeder Zeit aufrufen kann.

Weniger Mühe wurde sich hingegen bei allen Nebenfiguren gegeben, die weder ausdefinierte Charakterportraits haben noch synchronisiert wurden, was zur Folge hat, dass sämtliche Gespräche mit diesen immer nur über indirekte Erzählung stattfinden. Zudem liest und sieht man oft zwei verschiedene Dinge. So wird zum Beispiel eine riesige Menschenmasse beschrieben, aber auf dem Bildschirm sieht man keine einzige Person. Besonders auffällig ist es bei der Darstellung von Gewalt, wodurch Szenen deutlich an Effektivität verlieren, weil von dem beschriebenen Schrecken schlicht nichts zu sehen ist. Besonders hervorzuheben ist zum Schluss nochmal das gesamte Sounddesign, ob es nun die durch die Bank weg sehr guten Originalsprecher, der Einsatz von Effekten und Umgebungsgeräuschen in spannenden Szenen oder aber die Musik selbst ist. Besonders der Soundtrack bietet hier einige erinnerungswürdige Stücke.

Psycho-Pass Mandatory Happiness fühlt sich für mich wie eine Spin-Off-Staffel des Anime mit sehr geringem Budget an. Während die Geschichte und ihre Charaktere überzeugen, mangelt es an der nötigen Präsentation um diese gelungen in Szene zu setzen. Gerade wenn spielerisch aufgrund des Visual Novel-Formats nicht viel geschieht, muss hier einfach mehr geboten werden. Trotzdem wurde ich 6-8 Stunden in meinem ersten Durchlauf gut unterhalten, was aber nicht zuletzt daran liegt, dass ich mich als Fan des Anime und Dank der tollen Originalsprecher sofort wohlgefühlt habe. Einen Wiederspielwert sehe ich für mich persönlich nach dem Durchspielen mit beiden Charakteren allerdings – trotz der vielen Enden – nicht mehr. Für wen kann ich das Spiel also empfehlen? Natürlich in aller erster Linie Fans des Anime, bei denen ich mir sicher bin, dass sie ihren Spaß haben werden. Außerdem all denjenigen, denen das Visual Novel-Format zusagt und die neben all den Dating-Simulationen vielleicht auch mal einem spannenden Krimi im Cyberpunk-Setting eine Chance geben wollen.

Für Redakteur Christoph sind vor allem gut geschriebene Charaktere, eine mitreißende Handlung sowie fantastische Welten mit dichter Atmosphäre, Aspekte die ihn beim Spielen begeistern. Neben Titeln wie The Last of Us und Bloodborne, schlägt seine Leidenschaft für Games dabei besonders für japanische Produktionen à la Final Fantasy und Persona.