Kritiken

Quantum Break im Test

Wenn sich Autoren an der Beschreibung der Apokalypse versuchen, prophezeien sie meist ähnliche Katastrophenszenarien. Ein Virus rafft die Menschheit dahin und verwandelt uns in blutrünstige Untote. Nicht selten führt aber auch eine Naturkatastrophe biblischen Ausmaßes unser Ende herbei. Die Finnen von Remedy Entertainment besinnen sich in ihrem neuen Spiel Quantum Break auf die gewöhnlichste Todesursache überhaupt: Die Zeit. Welche Konsequenzen hat es, wenn die Gesetze der Zeit außer Kraft geraten? Die Antwort auf diese Frage könnt ihr in Quantum Break erforschen.

Multimedia-Gemisch
Als Fan von Klassikern wie Alan Wake und Max Payne könnte man meinen, dass die Zeit schon jetzt zu langsam voranschreitet. Satte sechs Jahre musste man darauf warten, dass Remedy Entertainment ein neues großes Actionspiel veröffentlicht. Glücklicherweise hat sich die Vorfreude ausgezahlt, denn Quantum Break dürfte Fans des Studios auf jeden Fall zufriedenstellen. Das Spiel ist nicht nur gespickt mit Referenzen auf Werke des Studios, sondern entspricht auch strukturell einer konsequenten Fortsetzung vorangegangener Titel. Im Mittelpunkt stehen zwar die Third Person-Gefechte, aber auch die durch Musik und Video unterstützte Story kommt erneut nicht zu kurz. Diesmal setzen die Finnen sogar noch einen drauf und integrieren eine Live Action-Serie direkt ins Spiel. Wäre das schon nicht riskant genug, soll sich dieses Multimedia-Gemisch auch noch euren Entscheidungen anpassen. Werden all diese Elemente in einer spannenden Narrative zusammengeführt?

Ein Massenmörder namens Zeit
Protagonist Jack Joyce ahnt zu Beginn des Spiels nicht, welche Konsequenzen seine Heimkehr haben würde. Nach jahrelanger Abwesenheit von seiner Heimatstadt Riverport, kehrt er auf Wunsch seines Freunds Paul Serene zurück. Dass er ihn mitten in der Nacht im Physik-Gebäude der Universität treffen will, ist ihm zwar nicht ganz geheuer, aber eine funktionierende Zeitmaschine hat er dort sicher nicht erwartet. Serene braucht ihn, um einen kontroversen Testlauf mit einem Menschen durchzuführen. Kurz darauf steht Paul plötzlich in zweifacher Ausführung vor seinem Kumpel. Schließlich will dieser fünf Minuten in die Vergangenheit reisen – und ein Reisender kommt halt auch irgendwo an… Will Joyce, Jacks älterer Bruder und ebenfalls renommierter Wissenschaftler, kommt zu spät um die darauffolgende Katastrophe zu verhindern. Die Zeit selbst ist aus den Fugen geraten! Während Jack mit diversen neuen, zeitbasierten Superkräften ausgestattet wird, tritt ein um Jahre gealterter Paul Serene ins Rampenlicht, der eigene Pläne verfolgt.

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Was recht simpel mit einem missglückten Experiment startet, entpuppt sich im Verlauf von rund 13 Stunden als komplexe Zeitreise-Geschichte, die euch immer wieder gebannt auf den Bildschirm schauen lässt. Glücklicherweise schaffen es die Autoren für die wichtigsten Mysterien am Ende Antworten abzuliefern. Eine Leistung, die nicht zu unterschätzen ist. Mich hat die Handlung des Spiels gut unterhalten. Gerade wenn ihr bereit seid, auf Details in der Spielwelt zu achten und den gestellten Rätseln auf den Grund zu gehen, dürftet ihr eure Freude mit dem Spiel haben. Das liegt nicht zuletzt auch an der guten schauspielerischen Leistung von namenhaften Darstellern wie Aidan Gillen, Shawn Ashmore und Dominic Monaghan. Eure Freude mit Quantum Break hängt aber auch davon ab, ob ihr bereit seid den Controller in regelmäßigen Abständen beiseite zu legen. In der Spielwelt sind zahlreiche Dokumente und Emails verteilt, die ihr finden und lesen könnt. Auch diverse Videotapes und Radioprogramme sind direkt ins Spiel eingebunden. All diese Sammelgegenstände verleihen euch zusätzliche Informationen über die Handlung und die darin auftauchenden Figuren, ohne dass euer Verständnis über die grundlegende Handlung stark darunter leiden würde, wenn ihr sie ignoriert.

Die Zukunft der Unterhaltung?
Wichtiger für die Nachvollziehbarkeit des Ganzen ist da schon die zuvor angesprochene, integrierte TV-Sendung. Insgesamt vier Episoden, die je am Ende einer der fünf Akte abgespielt werden, warten auf den Spieler. Wer für die zwischen 20 und 30 Minuten andauernden Folgen aber nicht genug Geduld mitbringt, kann sie auch komplett überspringen. Die Qualität der Serie sollte euch jedoch nicht abschrecken. Während die erste Episode aufgrund etwas holpriger Dialoge noch nicht komplett überzeugt, habe ich die restlichen drei Teile gespannt angesehen. Klar, es ist nicht auf allerhöchstem Niveau produziert, aber im Vergleich mit ähnlichen Versuchen Live Action und Spiel zu verbinden, geht Quantum Break klar als Sieger hervor. Zudem werden die Handlungsstränge um Jack Joyce und den Angestellten des mysteriösen Großkonzerns Monarch Solutions auf ansprechende Weise zusammengeführt.

Was hat es mit dem Versprechen auf sich, dass ihr auch direkten Einfluss auf die Handlung nehmen dürft? Am Ende jedes Spielabschnitts übernehmt ihr für kurze Zeit die Rolle des Antagonisten Paul Serene, der die Fähigkeit besitzt, in die Zukunft zu schauen. Das ist besonders praktisch, um die Konsequenzen der bevorstehenden A oder B-Entscheidung abzuschätzen. Zu Beginn des Spiels muss sich der Vorsitzende von Monarch Solutions um Zeugen finsterer Machenschaften kümmern. Als Spieler habt ihr die Wahl den Ruf der Firma mit einer PR-Kampagne zu retten, oder die Stimmen mit Gewalt verstummen zu lassen. Während die erste Option Jack mögliche Verbündete beschert, aber den Ruf der Firma rettet, macht ihr euch mit der Wahl der Schreckensherrschaft nur noch unbeliebter. So riskiert ihr aber nicht, dass Geheimnisse offenbart werden. Die getroffenen Entscheidungen haben durchaus Einfluss auf das gesamte Spiel und vor allem auf die TV-Serie. Allerdings solltet ihr nicht erwarten, dass das Spielende davon betroffen ist. Quantum Break endet im Grunde immer gleich. Das ist zwar schade, wird aber immerhin seitens der Story begründet. Was mich an der Entscheidungsfindung viel mehr gestört hat, ist, dass ich nie sicher war, aus wessen Sicht ich diese treffen soll. Zwar steuert der Spieler zu diesem Zeitpunkt Paul, aber da ich mit Jack den Großteil der Spielzeit verbringe, sah ich mich ständig in einem Interessenskonflikt. Wieso sollte ich es mir selbst schwerer machen? Es hat natürlich auch seinen Reiz, wenn man den Standpunkt zur Wahl selbst interpretieren kann, aber ich persönlich hätte mir hier eine klarere Linie seitens der Entwickler gewünscht. Abseits dessen kann der Spieler das Geschehen auch noch im Detail beeinflussen, indem er im Spiel so genannte Quantenwellen auslöst. Interagiert ihr an einem bestimmten Ort mit der Spielwelt, hat dies kleinere Konsequenzen in der Serie.

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Mein Verbündeter ist die Zeit
Mindestens genauso wichtig wie eine gute Story ist das Gameplay. Glücklicherweise kann Quantum Break auch hier überzeugen. Manch einer würde vielleicht behaupten, dass das lineare Design des Spiels veraltet wirkt, aber ich möchte dem ganz klar widersprechen. Der Third Person-Shooter bietet ein gut designtes Kampfsystem mit abwechslungsreichen Gefechten! Jack Joyces Gefechte mit Monarch Solutions könnt ihr anfangs noch mit einer Handvoll Schusswaffen bestreiten. Zur Auswahl stehen diverse Automatikwaffen, Shotguns und Pistolen – genug um sich nach eigenem Geschmack auszustatten. Bereits in den ersten Spielstunden lernt Jack aber mit seinen Zeitkräften umzugehen. Was auch bitter nötig ist, denn auch Monarch macht sich die wortwörtlich zerbrochene Zeit zu Nutze. Es ist diese Kombination von Superkräften und starken Shooter-Mechaniken, die Quantum Break auch hinsichtlich des Gameplays deutlich vom Durchschnitt abheben.

Um gegen die Überzahl an Feinden zu bestehen könnt ihr die Zeit für kurze Zeit stoppen, um euch an eine sichere Position zu begeben. Geratet ihr trotzdem in einen Kugelhagel, lasst ihr einfach ein Zeitschild entstehen, an dem Kugeln abprallen. Dem Angriff kontert ihr dann beispielsweise mit einem Zeitstopper um einen Gegner herum, welcher sich daraufhin für kurze Zeit nicht bewegen kann. Auf ihn gefeuerte Kugeln bleiben daraufhin ebenfalls in der Luft stehen, um beim Zusammenbruch des Zeitstoppers mit noch mehr Wucht einzuschlagen. Eure Fähigkeiten erlauben es euch kreativ zu werden und ganz auf Cover zu verzichten. Doch all diese neuen Fähigkeiten sollten auch Shooter-Anfänger nicht abschrecken. Ganz im Gegenteil: das Spiel bietet eine seichte Lernkurve. Ich empfand es außerdem selbst im höchsten Schwierigkeitsgrad noch als zu einfach. Daran konnten selbst Feinde, die sich die Zeit ebenfalls zu Nutze machen, kaum etwas ändern.

Abseits der Kämpfe nimmt sich Quantum Break aber auch immer wieder Zeit für ruhigere Momente. Mal müssen simple Rätsel gelöst werden, oder das Vorankommen ist nur mit einer kurzen Sprung- und Kletterpartie möglich. Remedy Entertainment gibt euch aber auch oft die Gelegenheit das Level in Ruhe zu erkunden, um dabei die bereits angesprochenen Sammelgegenstände und Chrononpartikel zu finden. Letztere lassen sich in Upgrades eurer Fähigkeiten investieren. Schlussendlich resultiert aus all diesen Elementen ein gut aufeinander abgestimmter Gameplay-Loop.

Die Schönheit in der Katastrophe
Microsoft hat für Quantum Break scheinbar ordentlich in die Geldbörse gegriffen, denn das Endprodukt kann sich sehen lassen. Die Serie hat angemessene Spezialeffekte und wirkt rundum hochwertig produziert. Dank der ausgezeichneten Grafik wirkt auch der Sprung vom Videospielcharakter zum echten Schauspieler weniger extrem, als man vielleicht vermuten würde. Ein echtes Grafik-Highlight sind Momente, in denen die Zeit außer Kontrolle gerät und auf beeindruckende Weise die Umwelt beeinflusst. Zudem reagiert das Spiel trotz großer Detailverliebtheit mit einer glaubwürdigen Physik. Bei einem Kampf in der Universitätsbibliothek zerbrechen die Regale auf spektakuläre Weise. Stilistisch und technisch spielt Quantum Break in der obersten Liga mit.

Wirklich gute Geschichten erzählen nicht viele Videospiele. Quantum Break beweist aber, dass es möglich ist. Zugegeben, nicht alle Szenen sind Emmy-würdig, aber insgesamt beweist Remedy Entertainment mit seinem Multimedia-Gemisch Gespür für eine spannende Erzählweise, deren Entwicklung ihr direkt beeinflussen könnt. Wenn ihr nicht damit beschäftigt seid, den Zeitstrang zu entknoten, sind auch die Gefechte dank eurer Superkräfte ein echtes Highlight. Wer allerdings reine Action erwartet und die Story ignorieren will, wird sich über die langen Segmente zwischen den Schusswechseln und den insgesamt zu niedrigen Schwierigkeitsgrad ärgern. Meinen Geschmack hat Quantum Break aber getroffen. Live Action-Serie und Spiel bilden ein gelungenes Ganzes, das nach dem Durchspielen Lust auf mehr macht. Hoffentlich müssen wir nicht wieder sechs Jahre auf ein neues Remedy-Spiel warten.

Action-Spiele und Shooter aller Art sind Roberts Fachgebiet. Zwischendurch darf es aber auch gerne ein Spiel mit spannender Story und dichter Atmosph...
Ein tolles Spiel!
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