Kritiken

Resident Evil Revelations 2 im Test

Ihr kennt das: Gerade sitzt man noch auf der Weihnachtsfeier, hält einen Plausch mit seinen Kollegen und philosophiert übers Leben, um dann mit anzusehen, wie Bioterroristen auftauchen, der Party ein schnelles Ende bescheren und einen entführen. Am nächsten Morgen wacht man in der Zelle auf, der Schädel brummt noch leicht, wird durch eine Unbekannte befreit und sucht seine Arbeitskollegin in der Nachbarzelle auf. Wenn ihr tatsächlich Ähnliches erlebt habt oder euch teilweise wiedererkennt, dürftet auch ihr in der „Biogefahrenabwehrbranche“ arbeiten oder zumindest im Resident Evil-Universum zu Hause sein. Auch Claire Redfield begreift schnell, dass sie sich nicht in einem Polizeirevier, sondern in einem Gefängnis auf einer einsamen Insel befindet und dass Flucht die beste Möglichkeit ist. Die gerade von euch befreite Moira wiederum verweigert die Benutzung von Schusswaffen und bietet euch an, dass ihr den bewaffneten Rambo spielt, während sie selbst euer Sidekick sein will, der euch den Weg leuchtet. Warum Claire keine Taschenlampe und Pistole gleichzeitig tragen kann und Moira trotz der drohenden Gefahr lieber stirbt als eine Knarre zu tragen, wissen wohl nur die Autoren des neuesten Zombie-Streichs Resident Evil: Revelations 2.

Spätes Comeback
Das asymmetrische Koop-Design wird auch in der zweiten Kampagne mit Barry und Natalia eingehalten. Ersterer erinnert an Stallones kleinen Bruder, der auf der Suche nach seiner Tochter Moira ist und nach Resident Evil 1 sein großes Comeback gibt. Natalia dagegen ist mit übersinnlichen Kräften gesegnet. Sie kann Gegner durch Wände erkennen und auf kleinere Objekte zeigen – die für Barry im Dunkeln verborgen bleiben – damit ihr sie im Anschluss aufheben könnt. Außerdem kann sie durch kleine Gänge kriechen und Gegner mit einem Ziegelstein erschlagen. Apropos erschlagen: Moira kann die erwähnten Objekte mit einer Taschenlampe erspähen und trotz pazifistischer Veranlagung Gegner mit einer Brechstange attackieren. Innerhalb einer Kampagne könnt ihr zwischen beiden Charakteren wechseln, die Kampagnen selbst wechselt ihr über das Hauptmenü. Zwar könnt ihr die Episoden, die je aus einer Kampagne mit Claire/Moira sowie Barry/Natalia bestehen, einzeln anwählen und braucht keine Reihenfolge einhalten, allerdings müsst ihr immer erst die jeweilige Episode mit Claire beendet haben, bevor ihr mit Barry den „anderen Weg“ spielt. Während Claire und Moira eine eher horrormäßige Kampagne mit kleinen Rätseln abfeiern, trumpfen Barry und Natalia mit Stealth- und Old-School-Action auf. Außerdem ist Natalia taffer als der Rest des Quartetts und keine emotionale Dramaqueen wie beispielsweise Moira. Ob Natalia das wohl von ihrem berühmten Vater hat?

Hellsehen und eine Taschenlampe machen noch keine große Leuchte
An dieser Stelle kommt der wahrscheinlich größte Kritikpunkt ins Spiel. Leider ist die künstliche Intelligenz der Gegner und vor allem die der Partner mit unfähig und dämlich noch sehr wohlwollend umschrieben. Auch wenn ihr damit leben könnt, dass die Gegner-KI in jedem Türrahmen und an jedem Objekt hängen bleibt sowie immer das gleiche Bewegungsmuster bzw. den gleichen Laufweg abgeht, wird euch die Partner-KI oft zur Verzweiflung treiben. Manchmal folgt sie euch stringent, aber ab und zu spielt sie den großen Rebellen und läuft ohne besonderen Grund in Gegner, anstatt in eure sicheren Fußstapfen zu treten. Manchmal verweilt sie unlogisch lange an Fallen und hält es nicht für nötig diese in sicheren Momenten zu passieren, sondern wartet bis sie von nahenden Gegner-Massen in selbige geschubst wird, um dann zu sterben. Bug oder Highlight der „Dummheit“: Manchmal bleibt die K.I. unbehindert im Raum stehen, anstatt euch zu folgen. Wechselt ihr dann den Charakter, läuft euch logischerweise der andere Partner beim Verlassen entgegen, um dann wieder stehen zu bleiben. Wie ein einarmiger Hütchenspieler müsst ihr so nach und nach beide Spielfiguren aus dem Raum bugsieren. Das kommt zwar in jeder Spielstunde nur ein- bis zweimal vor, mindert aber – ebenso wie die oben genannten KI-Defizite – den Spielspaß.

Mit dir will ich die Pferde stehlen
Anders wird es zum Glück im Koop-Modus. In dem Moment, wo ein Freund den anderen Charakter steuert, wird Revelations 2 zu einem richtig guten Spiel. Nicht nur, weil die obigen Fehler ausgemerzt werden und Freunde einfach jede Party bereichern, sondern auch, weil das asymmetrische Kampfsystem so seine volle Stärke entfalten kann. Durch eine schnelle Kommunikation lässt sich jeder Gegner strategisch angehen und eine Reihenfolge festlegen, während sich die CPU vorher nur um den nahesten Feind gekümmert hat. Zusätzlich verlasst ihr die Schema-F-Vorgehensweise, die eine Partner-KI krampfhaft einhält. Um es kurz zu sagen: Sucht euch dringend einen Freund, wenn ihr euch den neuesten Resident Evil-Ableger nicht entgehen lassen wollt. Die Partner-KI operiert leider deutlich unter dem Niveau von Resident Evil 5 und 6.

Alte Technik in neuen Gläsern auf einem großen Tablett
Die Optik wirkt atmosphärisch und nur teilweise sauber, leichtes Kantenflimmern wird von seltenem Tearing flankiert. Gegner-Texturen wiederum dringen regelmäßig durch Wände und Türen, was an so manchen N64-Shooter, jedoch nicht an ein NextGen-Spiel erinnert. Die Akustik liefert euch eine gute Geräuschkulisse sowie eine zurückhaltende, musikalische Untermalung, aber leider auch eine deutsche Synchronisation, die nicht zu den Lippenbewegungen passt und nicht sehr leidenschaftlich abgelesen wirkt. Dass Capcom das besser kann, wurde bereits in Resident Evil 6 bewiesen. Der Umfang ist mit acht bis neun Stunden Spielzeit für vier Episoden plus zwei Bonus-Missionen und Raid-Modus mehr als angemessen und liefert ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, falls ihr den kompletten Season Pass ersteht.

Es ist kein Back to the Roots, sondern ein stimmiger Third-Person-Shooter. Echten Horror erlebt ihr selten bis nie, dafür aber jede Menge Action. Das lineare Spieldesign stört dabei nicht. Die KI wiederrum muss dringend überarbeitet werden, selbst mit einem menschlichen Partner, mit dem das Spiel richtig gut wird, sind die „dummen“ Gegner weiterhin ein Dorn im Auge. Der Umfang des Gesamtpaketes ist in ein gutes Preis-Leistungsverhältnis eingebettet und die Jagd nach Upgrades oder neuen Punkterekorden im Raid-Modus steigern den Wiederspielwert. Optisch und akustisch solltet ihr nicht zu viel erwarten, aber typisch trashig und atmosphärisch ist Resident Evil Revelations 2 trotzdem. Ob die Serie dieser Linie treu bleibt oder sich weiterhin der Suche nach neuen Wegen widmet, weiß nur Capcom. (Hinweis 1: Dieser Test wurde von unserem ehemaligen Redakteur Patrick Stahlschmidt verfasst.) (Hinweis 2: Resident Evil: Revelations 2 wurde in der PlayStation 4-Fassung getestet.)

Zu einem guten Plattformer sagt Karim selten nein, aber auch epische Rollenspiele fesseln ihn vor den Bildschirm. Im öffentlichen Nahverkehr vergnügt er sich auch gerne mit kurzweiligen Puzzlern – Mobile-Gaming auf dem Nintendo 3DS ist seine absolute Leidenschaft. Zuhause angekommen, kümmert sich Karim um Datenbankpflege oder versorgt euch mit aktuellen News und Anspielberichten.