Kritiken

Sonic Adventure 2 – Rolling around at the speed of sound

Die Dreamcast kann sich zwar bis heute einer hervorragenden Reputation erfreuen, hat aber dank eines finanziell gebeutelten Konsolenherstellers Sega und der scharfen Konkurrenz seitens Sony nur eine sehr kurze Lebenszeit gehabt. Doch mit der Ankündigung, fortan als Entwickler für andere Konsolen tätig zu werden hat Sega seine Fans nicht einfach hängen lassen, sondern zumindest noch die in Entwicklung befindlichen Spiele für die gescheiterte Konsole veröffentlicht. Eines dieser Abschiedsgeschenke war Sonic Adventure 2, das zudem auf dem GameCube auch einen der ersten Sega-Titel auf einem Nintendo-System wurde.

Eines der zentralen Probleme bei Sonic Adventure war, dass Sega gleich fünf verschiedene Spielstile in das Spiel gepackt hat, die bei weitem nicht alle ausgegoren waren. Auf den ersten Blick könnte man nun bei Sonic Adventure 2 annehmen, dass Sega, statt aus seinen Fehlern zu lernen, sie sogar noch intensivieren wollte. Sechs statt fünf spielbare Charaktere erwarten den Spieler nämlich in Sonics zweitem großen 3D Spiel. Allerdings hat kommt dieses Mal nicht jeder Charakter mit seinem eigenen Gameplay daher, sondern jeweils zwei Charaktere teilen sich, bis auf marginale Unterschiede, das gleiche Spielprinzip.

Allerdings kommt diese Reduktion der Spielstile auch mit einem Nachteil daher: Anders als in Sonic Adventure kann man Spielstile, die einem nicht gefallen, nicht einfach auslassen, denn in Sonic Adventure 2 ist der Story-Modus nicht nach Charakteren unterteilt, sondern nach Teams. So wählt man schlicht das Hero- oder das Dark-Team und muss dann wahlweise als Sonic, Tails und Knuckles oder als Shadow, Eggman und Rouge wechselweise spielen. Im Vergleich zum Vorgänger wurde auch die Struktur des Spiels deutlich gestrafft, denn die – inhaltlich ohnehin belanglose – Oberwelt wurde gestrichen und weicht nun einer Mischung aus Echtzeit- und Rendersequenzen, die die Geschichte zwischen den einzelnen Levels vorantreiben.

Die drei Spielstile des Spiels sind jeweils Weiterentwicklungen von Spielideen aus Sonic Adventure. Knuckles und Rouge suchen in frei begehbaren Levels nach jeweils drei Scherben des Master Emeralds. Dazu können sie auf Knuckles klassisches Moveset – neben Laufen und Springen auch Schweben und Klettern – sowie einen Emerald-Radar zurückgreifen. Ein wichtiger Kritikpunkt an diesen Levels aus dem Vorgänger wurde aufgegriffen und so ist es nun möglich, die Scherben in beliebiger Reihenfolge statt nur strikt vom ersten zum dritten Stück zu sammeln. Allerdings wurden die Level bedeutend vergrößert, was dem Spielkonzept doch wesentlich mehr schadet, als man vielleicht zunächst vermuten mag. Selbst die kleinsten Knuckles-Level in Sonic Adventure 2 bestehen aus mindestens zwei Gebieten, die ihrerseits so groß sind wie ein großes Knuckles-Level in Sonic Adventure.

Spätere Level sind noch einmal bedeutend größer. Das hat zur Folge, dass man ziemlich viel Zeit damit zubringt, in den Levels herumzuirren, um ein Emerald-Signal zu finden. Dadurch, dass die Scherben auch noch zufällig auf eine gewisse Zahl an möglichen Fundorten verteilt sind, können die Knuckles Level zu einer echten Geduldsprobe werden. Besonders die im Weltraum angesiedelten Level, die zusätzlich noch massiv in die Vertikale wachsen, werden zu einer ziemlichen Geduldsprobe. Mehr noch, die A-Ranks – essentiell, wenn man das geheime Extra-Level für den perfekten Spielabschluss spielen möchte – verkommen so gar zu einem Glücksspiel.

Bedeutend besser verhält es sich da schon mit den Levels von Tails und Dr. Eggman, die den Levels von E-102 Gamma nachempfunden sind. In einem Mech sitzend, schießen und springen Tails und Eggman durch lineare Level. Indem man mehrere Gegner auf einmal anvisiert und abschießt, kann man hier kräftig Bonuspunkte sammeln und gleichzeitig seine wertvolle Lebensenergie schützen. Die Level sind mit einem klaren Arcade-Fokus designt, so dass man sich nicht – wie in manchen späteren Sonic-Spielen längere Zeit an einzelnen Gegnern abkämpft. Stattdessen zählt eine schnelle Reaktion und auch ein gewisses Fingerspitzengefühl für die Jump & Run-Szenen. Denn Springen und Schweben spielt in den Mech-Sequenzen eine vergleichbar große Rolle wie das Schießen. Allerdings muss man sagen, dass, so spaßig die ersten Tails- und Eggman-Level sind, der enorme Umfang der späteren Level doch ein wenig unglücklich ist, zumal das Stresslevel gerade für die Ranking-Jagd so über bis zu eine halbe Stunde auf dem Anschlag gehalten wird.

Der Star unter den Spielprinzipien in Sonic Adventure 2 ist aber zweifelsohne wieder der Sonic- und Shadow-Spielstil. Sonics Level wurden wesentlich rasanter gestaltet und noch stärker auf einen flüssigen Durchlauf optimiert. Abgesehen von einem kurzen Schalterabschnitt in einem späteren Pyramidenlevel kann man alle Sonic- und Shadow-Level in einem absolut runden Durchlauf durchspielen, wenn man denn nur rechtzeitig auf alle Gefahren reagiert. Der Arcade-Charakter der Sonic-Level wurde noch einmal deutlich verstärkt, so dass Sonic nun für allerlei Aktionen Punkte erhält. Gegner schnell am Stück besiegen, lange Ringlinien entlanggleiten, Tricks wie Sprünge vom Rails und Rampen, das gesamte Spiel ist dahingehend optimiert, eine möglichst perfekte Performance aus dem Spieler herauszukitzeln und zu belohnen. Die neu hinzugefügte Railgrinding-Fähigkeit hat augenscheinlich überdies auch andere Entwickler der Zeit inspiriert, denn nach Sonic Adventure haben beispielsweise auch Ratchet & Clank und Scaler auf Rails gesetzt – wohlgemerkt aber ohne die flüssige Einbindung in andere Jump & Run-Mechaniken zu bieten.

Doch nicht nur in mechanischer Hinsicht wurden die Sonic-Abschnitte deutlich aufgewertet, auch in Sachen Leveldesign ist Sonic Adventure 2 ein deutlicher Schritt nach vorn. Zwar gibt es weiterhin einige versteckte Geheimnisse – beispielsweise freischaltbare Moves – doch der Hauptweg und die verschiedenen Abkürzungen in den Levels sind wesentlich klarer strukturiert und besser auf eine hohe Spielgeschwindigkeit abgepasst. Die Orchestierung verschiedener Spielideen, die gezielt aufeinander aufbauen ist vorbildlich und der Rocksoundtrack hat ebenfalls noch einmal einen Schritt nach vorn gemacht, so dass der Spieler neben dem fein abgestimmten Spielrhythmus auch akustisch angetrieben wird. Besonders City Escape – das Einstiegslevel der Hero-Seite – ist ein absolutes Meisterstück im Spieldesign, das selbst nach mehreren hundert Durchläufen (!) immernoch eine Menge Spaß machen kann. Umso tragischer ist da, wie deutlich das Leveldesign der alternativen Spielstile im Vergleich abfällt. Der absolute Tiefpunkt von Sonic Adventure, die Chao, sind übrigens auch wieder mit von der Partie und sind, wie schon in Sonic Adventure, eine ziemlich hirnfreie Fleißarbeit. In Anbetracht des noch bedeutend stärkeren Arcade-Stils von Sonic Adventure 2 wirken die Chao hier aber sogar noch deplatzierter als im Erstling. Und wer Green Hill 3D spielen möchte, der sollte in jedem Fall einiges an Zeit für den Chao Garten einplanen…

Sonic Adventure 2 ist insgesamt ein schwer zu beurteilendes Spiel. In der Spitze ist es geradewegs ein Meisterwerk, die Tiefen des Spiels sind aber bisweilen erschreckend. Noch wesentlich stärker als in Sonic Adventure gilt in jedem Fall, dass die Qualitätseinschätzung ganz klar mit dem Willen, die optimale Performance herauszuholen steht und fällt. Die Designqualitäten vieler Level sind bei einmaligem Spielen nur schwer auszumachen, der perfekt abgestimmte Spielfluss der Sonic-Level entfaltet sich eigentlich erst, wenn man das Spiel wirklich beherrscht und sich auf A-Rank-Jagd begibt. Wer das Spiel einfach nur einmal durchspielen möchte, wird möglicherweise sogar im Vergleich zum Vorgänger enttäuscht werden: Das Spiel ist wesentlich konzentrierter, Präsentationsdetails wie die Oberwelt wurden eingedampft und durch die Mischung der Spielstile kann man Spielstile, die einem missfallen, nicht mehr auslassen. Allen Mängeln zum Trotz: Mit meinem absoluten Lieblingslevel über alle Videospiele hinweg (City Escape) und einem perfekten Spielfluss ist Sonic Adventure 2 in meinen Augen ein mangelbehaftetes, aber dennoch exzellentes Spiel.

 

Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Yoshis Top 100 3D Jump & Runs“ – die laufend aktualisierte Bestenliste findet ihr in diesem Beitrag.

Sebastian hat eine ausgeprägte Vorliebe für Jump & Runs, zählt aber auch Action-Adventures und Arcade-Spiele zu seinen Lieblings-Genres. Haupta...
City Escape gefällt mir auch. Wahrscheinlich, weil es mich an Crazy Taxi erinnert.
Ich bin gespannt, ob sich Sonic Generations und Sonic Colours vor SA2 einsortieren.
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