Kritiken

SteamWorld Heist im Test

Nur wenige Indie-Titel erreichen einen derartigen Kultstatus, dass sie einen Nachfolger oder gar eine ganze Spielereihe mit sich ziehen. Noch seltener ist allerdings der Fall, dass Entwickler zwar einen Nachfolger zu einem populären Titel entwickeln, dieser aber spielerisch mit dem Erstling wenig bis gar nichts gemein hat. Image & Forms SteamWorld-Reihe ging genau diesen Weg. Nach dem mittelerfolgreichen SteamWorld: Tower Defense und dem – auch von uns – hochgelobten Action-Adventure SteamWorld Dig: A Fistful of Dirt erschien nun mit SteamWorld Heist der erste rundenbasierte Strategie-Ableger der schwedischen Entwickler. Ist der Reihe der Genre-Wechsel gelungen?

Cowboys & Robots
In der Welt von SteamWorld spielen Menschen keine Rolle. Stattdessen wird das gesamte Universum von Robotern, sogenannten Steambots, mit zugegebenermaßen durchaus menschlichen Zügen bewohnt. Hunderte Jahre nach den Geschehnissen von SteamWorld Dig ist Wasser, die hauptsächliche Lebensressource der dampfbetriebenen Steambots, jedoch vielerorts knapp geworden. Und so machten sich viele von ihnen auf ins All, um nach neuen Wegen zu suchen, um an das kostbare Gut zu gelangen. Der knappe Vorrat an diesem lebenswichtigen Stoff förderte leider gleichzeitig auch die Kriminalität, sodass viele Steambots fortan als Gauner oder Piraten durch das All ziehen und fremde Raumschiffe überfallen. Steambot-Kapitänin Piper gehört genau einer solchen Bande an. Wie eine gewisse Strohhut-Piratencrew setzt aber auch sie sich entgegen der Norm mit ihrer Mannschaft für das Gute ein.

Dreh- und Angelpunkt des Spiels ist Captain Pipers Raumschiff. Von dort aus erhaltet ihr von euren Teammitgliedern Informationen zur nächsten handlungsrelevanten Mission oder generelle Tipps, wählt selbst euren Kurs durch die Galaxie und dockt an feindliche Fregatten an. Bevor ihr ein fremdes Schiff betretet, werdet ihr kurz über das Missionsziel in Kenntnis gesetzt und könnt die mitreisenden Crew-Mitglieder mit je einer Schusswaffe und bis zu drei Hilfs-Items ausrüsten. Da die Anzahl der Mitglieder, die ihr mitnehmen dürft, begrenzt ist und nicht jeder Charakter jede Waffe verwenden kann, sondern sich auf einen oder zwei Waffentypen spezialisiert hat, ist es ratsam genau zu überlegen, wen ihr in den Kampf schickt.

Gut vorbereitet ist halb gewonnen.
Gut vorbereitet ist halb gewonnen.

Wie bei rundenbasierten Strategiespielen üblich bewegt jede Partei ihre Mitglieder einzeln bis jedes von ihnen seinen Zug gemacht und der Gegner das Ruder übernimmt. Pro Figur stehen euch unterschiedliche Aktionen zur Auswahl. Mittels des Schiebepads guckt ihr euch zunächst um und wählt dann mit dem Steuerkreuz zunächst einen Punkt im Raum aus, zu dem sich der ausgewählte Charakter automatisch bewegen soll. Dabei wird zwischen orangenen und blauen Bereichen unterschieden. Nur innerhalb der orangenen Bereiche seid ihr noch in der Lage einen Gegner anzugreifen. Die blauen Bereiche sind hingegen etwas weiter entfernt und können nur durch einen Sprint erreicht werden, sodass eurer Figur danach die Kraft für jegliche andere Aktionen fehlt. Befindet ihr euch in einem orangenen Bereich zückt eure Figur durch Betätigen der R-Taste ihre Waffe. Ähnlich wie in den Worms-Spielen dürft ihr euren Schuss beliebig lange justieren bis ihr mit dem Schusswinkel zufrieden seid und nach dem Drücken des A-Knopfes seiner Ausführung beiwohnen.

Die gegnerische Partei versucht ihrerseits selbstverständlich auch euch den Gar auszumachen. Um das zu verhindern, ist jedes Level gespickt mit Fässern oder anderen Vorrichtungen, die eurem Steambot Deckung geben. Doch Fass ist nicht gleich Fass! Neben den Standard-Fässern finden sich vereinzelt auch TNT-Fässer. Wird ein solches Fass von einem Schuss getroffen, explodiert es sofort und reißt jeden in den Tod, der sich in unmittelbarer Nähe befindet. Es ist also sinnvoll sich TNT-Fässer selbst zu Nutze zu machen, um feindliche Steambots schnell und effektiv außer Gefecht zu setzen. Im späteren Verlauf kommen außerdem noch Ölfässer hinzu, die nach dem Zerplatzen eine größere Ölspur auf einer Ebene hinterlassen und ebenfalls hochempfindlich auf Schüsse reagieren.

Beute für die Meute
Die jeweiligen Missionsziele unterscheiden sich von Level zu Level. Mal müsst ihr alle gegnerischen Steambots ausschalten, mal einfach nur eine Anzahl an Runden überleben oder die komplette Beute eines Schiffes aufsammeln. Auch wenn letzteres mal nicht das vorrangige Missionsziel darstellen sollte, lohnt es sich dennoch stets so viel Beute wie möglich mitgehen zu lassen. Neben Wassereinheiten, der Währung im Spiel, könnt ihr so nämlich seltene und nützliche Ausrüstungsteile ergattern. Unglücklicherweise sind die anfänglichen Kapazitäten für Waffen und Ausrüstungen stark begrenzt, weshalb Überschuss direkt nach Missionsende verkauft werden muss. Wollt ihr mehr Items mit euch tragen können, lohnt sich der Besuch einer nächstgelegenen Weltraumbar, die verstreut in der ganzen Galaxie aufzufinden sind. Hier lassen sich nicht nur Objekt-Box-Erweiterungen und anderer Kram für den Kampf erstehen, sofern ihr – Achtung (schlechter) Wortwitz – flüssig genug seid, Barkeeper und Gäste teilen auch wertvolle Informationen über die Royalisten, den Feind eines jeden Steambot-Piraten.

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Fässer bieten Schutz vor gegnerischen Geschossen.

Harte Nuss oder weicher Kern?
SteamWorld Heist erlaubt euch nur wenige Fehltritte. Zwar lässt sich der Schwierigkeitsgrad vor jeder Mission individuell anpassen, allerdings kamen wir bereits auf dem normalen Modus – wohlgemerkt dem zweitleichtesten Schwierigkeitsgrad von insgesamt fünf – öfter mal in die Bredouille. Wer das Spiel ohne das ständige Herunterschrauben des Schwierigkeitsgrades bestehen will, ist zum Level-Grinden der Crew in bereits abgeschlossenen Missionen gezwungen. So erhalten alle mitgereisten Crewmitglieder nach jeder Mission Erfahrungspunkte, welche ihnen nach einem Level Up neue Fähigkeiten oder aber schlicht mehr Angriffs- bzw. Verteidigungsstärke liefern. Dazu muss der jeweilige Steambot allerdings ein Gefecht überstehen ohne völlig in seine Einzelteile zerlegt zu werden. Zwar wird euer Kamerad nach der Rückkehr in die Basis immer wieder zusammengeschraubt, doch nur wenn er überlebt, erhält er auch die wertvollen Erfahrungspunkte.

Damit das nicht geschieht, versucht das Spiel euch auch auf andere Weise gewissermaßen zu „motivieren“. Für das Abschließen einer Mission werdet ihr nämlich entsprechend eurer Leistung mit bis zu drei Sternen belohnt. Es lohnt sich aber nicht, diese Wertung außer Acht zu lassen, da an gewissen Stellen eine bestimmte (teilweise recht beträchtliche) Anzahl an Sternen zum Weiterkommen benötigt wird und sich manche Steambots erst ab einem gewissen Rang anwerben lassen.

Wundervoller Westernstyle
Auch wenn SteamWorld Heist gegenüber dem letzten Teil einen Genrewechsel vollzogen hat, blieb Image & Form zumindest beim Look dem Vorgänger treu. Die Steambots wurden in mühevoller Handarbeit im 2D-Look erstellt und weisen alle ihre ganz individuellen Besonderheiten auf. Das macht sich auch in ihrer Sprache bemerkbar. Während Piper beispielsweise stets einen coolen Kopf bewahrt und Sally durch ihren Arbeiterakzent besticht, ist sich Valentine für keinen Kalauer zu schade.

Wer im Physik-Unterricht beim Thema Optik aufgepasst hat, für den dürfte dieser Gegner kein Problem darstellen.
Wer im Physik-Unterricht beim Thema Optik aufgepasst hat, für den dürfte dieser Gegner kein Problem darstellen.

Für den Soundtrack holte man sich Unterstützung von der Band Steam Power Giraffe, die mit ihren seichten Western-Pop.Songs perfekt den Nerv des Weltraum-Western-Settings treffen. Die kurzen Zwischensequenzen im Spiel fügen sich dank der hervorragenden Sprachausgabe ebenfalls gut ins Spiel ein. Und wer einfach nur gut unterhalten werden will, der wird dank des ordentlichen Umfangs von knapp 15 Spielstunden, einem New Game+ und der Tatsache, dass die Räume in jeder Mission immer wieder neu zufallsgeneriert erstellt werden, nahezu wunschlos zufrieden gestellt werden. Käuflich erwerblicher DLC erweitert den Umfang sogar noch einmal zusätzlich.

SteamWorld Heist braucht sich keineswegs hinter seinem erfolgreichen Vorgänger zu verstecken. Trotz der anfänglichen Skepsis angesichts des Genrewechsels hatten wir viel Spaß mit dem Titel. Selbst wer sonst bisher nicht viel mit Strategiespielen am Hut hatte, dürfte sich dank der eingängigen Steuerung schnell zurecht finden. Auf der anderen Seite stellte uns Heist des Öfteren vor recht knifflige Herausforderungen, die uns gerade bei Niederlagen kurz vor Missionsende bis zur Weißglut trieben. Wer sich diesen Ärger ersparen will, kann dieses Manko jedoch durch Grinding oder der Wahl einer einfacheren Schwierigkeitsstufe schnell ausmerzen. Wer der Beschreibung: „Strategiespiel mit Westernsetting im All, gepaart mit einigen Anspielungen auf die deutsche Geschichte“ auch nur halbwegs etwas abgewinnen kann, der sollte bei SteamWorld Heist auf jeden Fall zuschlagen.

Zu einem guten Plattformer sagt Karim selten nein, aber auch epische Rollenspiele fesseln ihn vor den Bildschirm. Im öffentlichen Nahverkehr vergnügt er sich auch gerne mit kurzweiligen Puzzlern – Mobile-Gaming auf dem Nintendo 3DS ist seine absolute Leidenschaft. Zuhause angekommen, kümmert sich Karim um Datenbankpflege oder versorgt euch mit aktuellen News und Anspielberichten.