Kritiken

Stella Glow im Test

Das Genre des rundenbasierten Strategie-Rollenspiels ist spätestens seit der Veröffentlichung der Fire Emblem-Reihe in aller Munde und lieferte Nintendo erst kürzlich einen Anlass, um die Serie und das Genre mittels einer Free2Play-App noch mehr Menschen zugänglich zu machen. Das kürzlich erschienene Stella Glow für den Nintendo 3DS versucht nun ebenfalls von der immer stärker werdenden Popularität des Genres zu profitieren. Ist es dem mittlerweile ehemaligen Entwickler Imageepoch mit seinem Abschiedswerk Stella Glow gelungen den Fire Emblem-Spielen den Platz streitig zu machen?

Unheilvolle Gesänge
Das Leben in dem kleinen beschaulichen Dorf Mithra – fernab der Großstadt – mag nicht sonderlich viel Spannung bieten. Teenager und Jägernovize Alto, der mit einem Gedächtnisverlust in das Dorf fand und von der gleichaltrigen Lisette und ihrer Mutter freundlicherweise aufgenommen wurde, kann sich dennoch kein besseres Leben vorstellen. Das plötzliche Erscheinen und der Gesang der mysteriösen Hilda stellt jedoch den Dorfalltag schnell auf den Kopf, denn die Fähigkeit zu singen ist in jener Welt und Zeit ausschließlich den aus Legenden bekannten Hexen vorbehalten. Ihr Gesang beeinflusst dabei sowohl Natur als auch Mensch und kann über Leben und Tod entscheiden. Unglücklicherweise handelt es sich bei Hilda keineswegs um eine gute Hexe und so hat sie es sich zusammen mit der Familie der Harbinger zum Ziel gesetzt, alle Menschen mit ihrem Song der Zerstörung in Kristall zu verwandeln. Auch Mithra und seine Bewohner bleiben von ihren Schandtaten nicht verschont – lediglich Alto und Lisette überleben die schicksalhafte Katastrophe und schwören Rache. Gelingt es ihnen ihre Freunde zurück zu verwandeln und Hildas Pläne zu durchkreuzen?

Stella Glow ist relativ linear unterteilt in einzelne Kapitel, welche aus Dialogszenen und Schlachten bestehen. In letzteren bekommt ihr es zumeist mit einer Horde von Monstern sowie einem Anführer zu tun, die ihr alle im Kampf besiegen müsst, um die Schlacht für euch zu entscheiden. Natürlich seid ihr nicht komplett auf euch allein gestellt, sondern erhaltet im Laufe des Spiels Unterstützung von weiteren Charakteren, die sich eurer Truppe anschließen. Im Kampf habt ihr dann das gesamte Schlachtfeld, welches in mehrere kleine quadratische Flächen aufgeteilt ist, aus der Vogelperspektive im Blick und könnt Alto und seine Mitstreiter einzeln Runde um Runde auf eines der Quadrate vorrücken lassen. Wie weit eine Figur sich bewegen kann, hängt dabei von ihren Fähigkeiten und ihrer Ausrüstung ab. Befindet ihr euch in Reichweite eines Feindes und seid in der Lage diesen anzugreifen, wechselt das Geschehen in eine kurze Kampfanimation und dem Gegner werden Kraftpunkte abgezogen. Die Gegner agieren ihrerseits natürlich genauso und versuchen eurem Team oder einem wichtigen NPC, den es zu beschützen gilt, den Gar auszumachen. Wie der Bewegungsradius unterscheiden sich auch die verwendeten Waffen unterschiedlicher Einheiten. Bogenschützen oder Scharfschützen können beispielsweise eher aus der Distanz Schaden anrichten, während Schwerter nur aus nächster Nähe funktionieren.

Das Schicksal eine Hexe zu sein
Fire Emblem-Spielern dürfte das Gameplay bestens bekannt vorkommen und in der Tat sind die Ähnlichkeiten durchaus frappierend, dennoch besitzt Stella Glow einige Eigenheiten, die es vom Vorbild abheben. Zentrales Element sind die eingangs erwähnten Hexen. Um die Welt vor Hildas apokalyptischer Zerstörung zu bewahren, macht ihr euch auf, die vier „guten“ Hexen für euer Team zu gewinnen. Doch das alleinige Aufspüren eben dieser genügt dabei nicht, denn bedingt durch ihr Schicksal werden alle von ihnen von unterschiedlichen Problemen geplagt. Ähnlich wie in Phoenix Wright: Ace Attorney – Justice For All versucht ihr mit Alto mittels dem sogenannten „Tuning“ dem Ursprung für die inneren Selbstzweifel auf den Grund zu gehen, und die Blockaden zu lösen, die die Hexen von dem Singen ihrer Songs abhalten. Das System ist dabei natürlich anders als bei Ace Attorney recht simpel gehalten, sodass ihr wenig falsch machen könnt. Nach einem kurzen Gespräch mit der Schatten-Version einer Hexe dringt ihr in ihren Geist ein und kämpft in einer Schlacht gegen ihre inneren Monster. Ist eine Hexe einmal getuned seid ihr in späteren Schlachten in der Lage mit ihr die Song-Fähigkeit anzuwenden, sobald sich die entsprechende Leiste ausreichend gefüllt hat und ihr euch in Altos Nähe befindet. In diesem Modus ist sie zwar über mehrere Runden bewegungsunfähig, dafür dürft ihr in dieser Zeit ihrem Gesang lauschen und profitiert von überaus wertvollen Effekten, wie zum Beispiel der Paralyse des gesamten Gegnerteams oder einer Stärkung des gesamten eigenen Teams.

Freizeitgestaltung
Nach einer gewonnen Schlacht wechselt das Spiel meist vom Missionszeitmodus in den Freizeitmodus. Hier könnt ihr entweder durch Gespräche mit Teammitgliedern das Band zu ihnen stärken und somit neue Fähigkeiten freischalten, für die Bewohner Hilfsjobs übernehmen, um euch ein kleines Taschengeld zu verdienen oder alleine auf Erkundung gehen und dabei ein seltenes Item ergattern – wobei auch die beiden letzteren Aktivitäten lediglich aus dem Durchklicken einiger Textboxen bestehen. Bis zu drei Aktionen aus den genannten Handlungen stehen euch zur Verfügung bis das Spiel voranschreitet. Davon ausgenommen ist das Shoppen neuer Rüstungen und Waffen, das euch vor jeder Schlacht unbegrenzt oft gestattet ist.

Kleinere Minispiele werdet ihr in Stella Glow vergeblich suchen, konzentriert es sich doch voll und ganz auf das Kerngameplay und die teils recht ausufernden Dialogszenen, welche sich aber zumindest leicht überspringen lassen, wenn man möchte. Außerdem bietet das Spiel während der Missionszeit die Möglichkeit in Story-irrelevanten Nebenschlachten euer Team etwas hochzuleveln, was ihr mit Sicherheit das ein oder andere mal nutzen werdet. Der Schwierigkeitsgrad ist dennoch mehr als human und anders als bei Fire Emblem regenerieren sich besiegte Mitglieder nach einer Schlacht sofort wieder. Bis zum Ende der Handlung vergehen mindestens 30 Spielstunden Spielstunden, sodass für langen Spielspaß gesorgt ist. Auch StreetPass wird vom Spiel unterstützt, bis auf das Ergattern einiger auch im Hauptspiel käuflicher Extra-Items ist die Funktion allerdings eher vernachlässigbar.

Abseits des ausgefeilten Gameplays sollte auch die gelungene Technik nicht unerwähnt bleiben. Die 3D-Optik in den Schlachten reißt zwar keine Bäume aus, hat hier aber sogar gegenüber den 3DS-Fire Emblem-Spielen, in denen das Kampffeld nur im Pixellook dargstellt wird, die Nase vorn. Auch die liebevoll gezeichneten Zwischensequenzen im Anime-Stil überzeugen. Da sich bei Stella Glow alles um singende Hexen dreht, steht selbstverständlich der Soundtrack maßgeblich im Vordergrund. Die Songs der Hexen sowie der Intro-Song wurden allesamt von japanischer Pop-Größen eingesungen und klingen gerade mit angeschlossenen Kopfhörern fantastisch. Aber auch die sonstigen Hintergrundmelodien haben das Zeug zum Ohrwurm. Typisch für Atlus-Releases wurden viele Dialogzeilen wieder von professionellen englischen Sprechern eingesprochen. Lediglich die Auswahl der Dialoge, welche vertont wurden, wirkt mitunter etwas unwillkürlich. Wie so oft bekam auch Stella Glow dafür leider keine deutschen Bildschirmtexte spendiert. Wer halbwegs der englischen Sprache mächtig ist, dürfte damit aber keine Probleme haben.

Stella Glow ist sicherlich keine vollkommene Offenbarung für das Strategie-Rollenspiel-Genre und bedient sich zu vielen Teilen aus Vorlagen der Konkurrenz. Aber wie sagt man so schön: Lieber gut geklaut als schlecht kopiert! Als Fan des Genre findet man sich daher schnell in das Gameplay ein und wird mit dem Trainieren und Verbessern der eigenen Mannschaft wieder einmal viel Spaß haben. Davon abgesehen, liefert das Spiel mit seiner Handlung rund um singende Hexen sowieso ein völlig eigenständiges Spielerlebnis. Dazu kommen ein toller Soundtrack und eine lange Spieldauer, welche das Gesamtpaket abrunden. Zwar schafft es Stella Glow nicht ganz Fire Emblem vom Genrethron zu stürzen, wen es aber nach dem Durchspielen von Awakening und Fates nach mehr vom Strategie-Rollenspiel dürstet, der sollte definitiv zuschlagen.

Zu einem guten Plattformer sagt Karim selten nein, aber auch epische Rollenspiele fesseln ihn vor den Bildschirm. Im öffentlichen Nahverkehr vergnügt er sich auch gerne mit kurzweiligen Puzzlern – Mobile-Gaming auf dem Nintendo 3DS ist seine absolute Leidenschaft. Zuhause angekommen, kümmert sich Karim um Datenbankpflege oder versorgt euch mit aktuellen News und Anspielberichten.