The Walking Dead: A New Frontier Test

Update: Test von Episode 5 „From the Gallows“!

Telltale Games‘ Erfolg ist zweifelsohne begründet auf ihrer ersten Adaption von Robert Kirkmans The Walking Dead-Comic. Dass sie sich dafür entschieden haben, an Stelle von Rick Grimes Überleben in der Zombie-Apokalypse, die Geschichte der jungen Clementine zu erzählen, hat sich im Nachhinein als wahrer Glücksgriff herausgestellt. Kaum eine Figur ist uns Gamern in den letzten Jahren so ans Herz gewachsen. In der ersten Staffel nahm man als Spieler noch eine Beschützerrolle ein, um dafür zu sorgen, dass die junge Waise die ersten Monate der Katastrophe überlebt. Im zweiten Teil der Geschichte konnten wir das Schicksal des Mädchens noch weiter beeinflussen, indem wir erstmals selbst Kontrolle über ihr Handeln übernahmen. Nach drei langen Jahren des Wartens geht die Geschichte nun weiter. In der Welt von The Walking Dead hat sich zwischenzeitlich einiges getan.

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Episode 1: Ties That Bind Part I
Bevor das Abenteuer losgeht, bietet euch Telltale Games die Möglichkeit an, die Entscheidungen aus Staffeln eins und zwei auf ein anderes System zu übernehmen. Für Xbox 360 und PlayStation 3 erscheint die Fortsetzung nämlich nicht mehr. Entweder ihr übertragt also euren Spielfortschritt mit eurem Telltale-Account in die Entwickler-eigene Cloud, oder ihr stellt euch einer Reihe von Fragen bezüglich eurer bisherigen Entscheidungen, die das Verhalten von Clementine in A New Frontier zumindest im Detail beeinflussen. Ich habe mich für letztere Option entschieden und war ebenso erstaunt wie erfreut darüber, dass das Profil „meiner“ Clementine beim ersten Versuch exakt getroffen wurde.

Das Spiel beginnt aber dann erstmal nicht so, wie ich es erwartet hatte. Statt bekannte Figuren wiederzusehen, lernt der Spieler Javier García kennen. Der junge Mann erlebt den Start der Untoten-Epidemie im Kreis der Familie, als sein kürzlich verstorbener Vater plötzlich wieder durch den Hausflur wandert. Was daraufhin passiert wird lediglich angedeutet und bleibt somit der Fantasie des Spielers überlassen. In Sachen Storytelling und Inszenierung hat die Storyschmiede von Telltale Games eindeutig dazugelernt. Immer wieder werden wir schon in der ersten Episode von A New Frontier mit interessanten Konflikten konfrontiert. Nach den ersten Spielminuten springt die Geschichte nämlich einige Jahre in die Zukunft und zum Status Quo von Javiers Familie. Von der zerstrittenen Großfamilie sind nur noch er und seine Schwägerin, welche die Stiefmutter seiner beiden Neffen ist, übrig. Keine Bilderbuchfamilie, aber in der Welt von The Walking Dead haben sich schon ganz andere Konstellationen zum Überleben zusammengeschlossen.

Wirklich spannend wird es für Veteranen der Reihe natürlich, sobald der neue Hauptcharakter auf eine gereifte und abgeklärte Clementine trifft. Die Teenagerin macht schnell deutlich, dass sie sich hinsichtlich ihrer Fähigkeiten mindestens auf Augenhöhe mit Javier befindet. Den Spieler stellt die Situation natürlich vor eine Herausforderung: Wie soll man reagieren, wenn das Mädchen, welches uns über zwei emotionale Geschichten lang ans Herz gewachsen ist, Dinge tut, die moralisch vielleicht nicht in Ordnung sind? Wie lang kann man ihr Verhalten verzeihen? Ich bin gespannt, wie weit Telltale Games diesen Aspekt der Story noch vorantreibt.

Clementine spielt in dieser ersten von fünf Episoden eher eine Nebenrolle. Ich persönlich hatte damit gerechnet, dass die Spielzeit zwischen Javier und ihr ungefähr geteilt wird, aber direkte Kontrolle über sie übernimmt der Spieler nur in einem kurzen Rückblick, der erklärt, wieso der Teenie mittlerweile alleine umherzieht. Nachdem die zweite Staffel je nach Spielweise deutlich unterschiedliche Enden hatte, ist es etwas schade, dass Clementine in A New Frontier immer am selben Ort ankommt. Bekanntermaßen sind die ganz großen Entscheidungen bei den modernen Adventures des Entwicklers mehr Schein als Sein, aber in diesem Fall erscheint der Cliffhanger am Ende der letzten Staffel im Nachhinein etwas unnötig.

Hinsichtlich des Gameplays hat sich nicht viel getan. In kleineren Arealen kann man sich frei bewegen und bestimmte Objekte genauer betrachten oder mit ihnen auf eine vordefinierte Art interagieren. Diese Segmente werden von ausgiebigen Dialogsequenzen abgewechselt, bei der eure Antworten die Beziehung und vielleicht sogar das Schicksal der einzelnen Charaktere bestimmt. In einer von Zombies bevölkerten Welt kommt man natürlich auch nicht um so manche Actionsequenz umher, die der Spieler mit simplen Quick-Time-Events bestreiten muss. Zumindest in diesem ersten Teil von A New Frontier erwartet Telltale-Veteranen nichts Neues. Eine deutlich detailliertere Grafik im Vergleich zu den anderen Staffeln von The Walking Dead sorgt aber für einen frischen Look. Die altbekannten Einbrüche der Bildrate kommen aber auch diesmal vor, wenngleich die Spielbarkeit nicht darunter leidet.

Ich finde dieses erste Kapitel von The Walking Dead: A New Frontier sehr gelungen. Die neuen Figuren und deren Konflikte und Probleme verzichten auf langweilige Klischees. Besonders spannend sind aber die neue, taffe Clementine und die Dynamik der Beziehung zum Spieler. Dass die Entwickler nicht darum herum gekommen sind, die Konsequenzen vorangegangener Entscheidungen in Gänze miteinzubeziehen, ist schade. Am bewährten Gameplay habe ich mich nicht gestört. Mut zur Innovation habe ich bei Telltales beliebtester Reihe gar nicht erwartet.

Wertung: 8

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Episode 2: Ties That Bind Part II
Die zweite Episode von A New Frontier teilt sich nicht ohne Grund den Namen mit der Ersten. Der vorangegangene Cliffhanger wird direkt aufgegriffen und die Konsequenzen eures Handelns ersichtlich. Die Gemeinschaft New Frontier hat es forthin auf Javier und seine Familie abgesehen. Das bedeutet, es müssen schleunigst neue Bündnisse geschlossen werden, um gegen den organisierten Feind bestehen zu können. Ob Clementine mit Javier Seite an Seite kämpfen wird? Ein Geheimnis aus der Zeit zwischen den Spielen, das dem Spieler erneut mittels eines kurzen Rückblicks vermittelt wird, lässt an ihrer Eignung zweifeln…

Im Grunde macht diese zweite Episode hinsichtlich der Story nicht viel verkehrt. Euer Javier bekommt die Gelegenheit ein paar Ecken und Kanten zu zeigen und ihr könnt eure Beziehung zu Clementine weiter definieren. Auch der von mir im Abschnitt zur ersten Episode gelobte Konflikt, hinsichtlich ihres zweifelhaften Verhaltens, wird weiter fortgesetzt. Toll! Auch das Pacing ist insgesamt gelungen, dank einer guten Mischung von actionreichen und ruhigen Momenten. Tatsächlich hat es auch ein kurzes, wenn auch enorm simples, Kombinationsrätsel ins Spiel geschafft. Allerdings ruht man sich zu diesem Zweck auch auf ein paar bereits bekannten Konstrukten aus dem Walking Dead-Universum aus. Gemeinschaften von Überlebenden, welche untereinander entweder handeln oder Krieg führen, kennen Fans der Franchise längst aus den Comics und der TV-Serie. Eine bei den Fans enorm beliebte Figur taucht ebenfalls erstmals im Spiel auf. Klar, ich habe mich gefreut sie zu sehen, aber Episode I hatte doch im Vergleich die frischeren Ideen. Zudem wird in Episode II so manche Freundschaft unlogisch schnell geschlossen und ein zentrales, dramatisches Ereignis schnell vergessen. Angesichts der recht kurzen Dauer der Episode wäre meiner Meinung nach Zeit gewesen, um dem Ganzen mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Ein weiterer Cliffhanger am Ende macht aber schon jetzt Lust auf die dritte Episode. Sobald diese erhältlich ist, könnt ihr den Test hier auf Gaming-Universe natürlich lesen!

Wertung: 7.5

Episode 3: Above the Law

Mehr als drei Monate hat es gedauert, doch die dritte Episode von The Walking Dead: A New Frontier namens Above the Law könnt ihr ab sofort herunterladen. Nach dem fiesen Cliffhanger der zurückliegenden Ausgabe habe ich das auch gleich getan und kann euch nun berichten, ob das hohe Niveau der ersten beiden Spielepisoden aufrecht gehalten wird. Zwar mache ich um sensible Spoiler in meinen Ausführungen einen möglichst großen Bogen, aber ganz zu vermeiden sind sie bei diesem Test des Mittelteils der Story natürlich nicht. Ihr seid also gewarnt! Apropos Mittelteil: Leider kann sich Telltale Games nicht ganz von dem typischen Problem lösen, das so viele Erzählungen plagt. Besonders bei Trilogien wird oftmals deutlich, dass nach einem verheißungsvollen Anfang und vor dem knallenden Abschluss ein etwas zäher Erzählabschnitt liegt, der den Konsumenten nicht komplett begeistert. Auch die Story um Javier und Clementine tut sich schwer an Fahrt aufzunehmen. Von der titelgebenden Überlebenden-Gruppe New Frontier bekommt der Spieler enttäuschend wenig zu sehen. Es werden zwar ein paar wichtige Strippenzieher der Siedlung vorgestellt, aber bis zum letzten Kapitel kommen sie kaum zum Zug. Auch von Javiers Bruder David hatte ich mir mehr Finesse erhofft. Er tritt zunächst launisch wie eh und je auf und man weiß nicht so recht, ob man es mit einem Freund oder Feind zu tun hat. Angesichts der moralisch aufgeladenen Entscheidungen, die man als Spieler treffen muss, macht das tatsächlich ziemlich Spaß. Leider trifft David im letzten Drittel der Episode aber ein paar unglaubwürdig schnelle Entscheidungen, die angesichts seiner Lebenssituation in den vergangenen Jahren, meines Empfindens nach nicht glaubwürdig präsentiert werden. Der Cliffhanger am Ende bestätigt dann auch, dass diese dritte Episode eigentlich nur Vorgeplänkel ist, bevor es langsam dem Ende zu geht. Der blass bleibende Cast an Nebencharakteren wie Clementine, Tripp oder Kate, machen zudem den Eindruck, dass Telltale Games nicht mit demselben Elan bei der Sache war, wie noch bei Episoden 1 und 2. Überraschte mich das Spiel gerade zu Beginn mit einigen tollen Momenten, muss hier ein Quicktime-Event-Kampf als Highlight herhalten, wie wir ihn schon zu Hauf in Telltale Games-Spielen gesehen haben. Zwar ist Above the Law die schwächste Episode bislang, aber die Geschichte um Javier bietet weiterhin viel Potential für ein spannendes Finale. Hoffentlich müssen wir nur nicht wieder so lange darauf warten, bis es weitergeht.

Wertung: 6.5

Episode 4: Thicker Than Water
Achtung: Spoiler für Episoden 1-3!
Während die letzte Folge des Spiels mich noch etwas enttäuschte, konnte mich die vierte Episode von A New Frontier beinahe wieder auf voller Linie überzeugen. Diesmal nimmt sich Telltale Games besonders viel Zeit, um die Beziehungen zwischen den Figuren auszubauen und die Bündnisse für das Finale der Staffel festzulegen. Zu Beginn finden wir uns nämlich nicht direkt in Gewalt von Joan und der New Frontier wieder, sondern auf dem Baseball-Platz gemeinsam mit David – noch vor dem Ausbruch der Zombie-Apokalypse. Dieser Flashback zu weniger gefährlichen Zeiten bricht die Monotonie der Untotenhorden und verdeutlicht, dass es bei diesem The Walking Dead-Abenteuer in erster Linie darum geht, was eine Familie ausmacht. Javier muss eine Möglichkeit finden, seine Bruderschaft mit David und die Loyalität zu Kate unter einen Hut zu bringen. Letztere will schließlich am liebsten die New Frontier und somit auch ihren Ehemann hinter sich lassen. Inmitten all dieses Beziehungschaos verfolgt Clementine eine eigene Agenda und bekommt diesmal auch glücklicherweise deutlich mehr Screentime, als in der letzten Episode. Auch der Teenagerin ist ein Rückblick gegönnt, der die Ereignisse aus der zweiten Staffel The Walking Dead wieder aufgreift und Rücksicht auf eure eigenen Entscheidungen von damals nimmt. Auf ihrer aktuellen Mission kreuzen sich in Episode vier wieder die Wege mit Javiers Gruppe. Apropos: während ihr selbst entscheiden könnt, wie ihr zu Kate steht, sind es vor allem die Interaktionen mit Gabe, die hervorstechen. In Anwesenheit von Clementine gehen diesem nämlich die pubertären Hormone durch und eine kopflose Aktion folgt auf die nächste. Das kann einerseits etwas nerven, andererseits werden so interessante Konflikte erzeugt. Lediglich Tripp und Eleanor bleiben weiterhin zu blass. Nach gut 90 Minuten endet Thicker Than Water mit einem sehr gelungenen Finale, das nicht nur Verhandlungsgeschick, sondern auch schnelle Reaktionen erfordert. Unterm Strich bietet Episode vier die üblichen Spielmechaniken und eine überwiegend spannende Erzählung, die Lust auf den Abschluss des Spiels macht.

Wertung: 7.5

Episode 5: From the Gallows

Achtung: Spoiler für Episoden 1-4!

Mit From the Gallows endet die erste Staffel von The Walking Dead: A New Frontier mit einer der stärksten Episoden. Action, emotionale Momente und tiefgreifende Gespräche geben sich während dieser 90 Minuten die Klinke in die Hand. Dabei stellt sich stets die Frage, welche Charaktere beim Abspann noch am Leben sind und wer dann bereits als Muerto durch die Straßen von New Frontier wandert. Wer den Beginn der Story aufmerksam verfolgt hat, wird sich erinnern, dass der Konflikt zwischen David und Javier eskaliert ist, weil Javi beim Tod seines Vaters nicht anwesend war. Noch bevor die Ereignisse aus der Gegenwart fortgesetzt werden, wird diesem Schlüsselereignis mit einem Flashback mehr Tiefgang verliehen. Aber nicht nur die Beziehung zwischen den Brüdern wird in dieser fünften Episode auf die ultimative Probe gestellt. Auch mit den anderen Überlebenden führt der Spieler in From The Gallows klärende Gespräche, um die Bündnisse für das Finale festzustellen. Natürlich kommt es, wie so oft in der Welt von The Walking Dead, zu mehr als einem katastrophalen Ereignis, das die heile Welt schnell wieder zerbricht. Der Spieler meistert diese mit der üblichen Mischung von Quick Time Events und schnellen Entscheidungen, die mehr als noch zu Anfang der Staffel unter einer schwankenden Bildrate und Rucklern leidet. Leider bestätigt sich mit dem Ende der Staffel zudem eine lang gehegte Befürchtung: Clementines Story passt bis zum Schluss nicht richtig zur restlichen Handlung. Der wohl beliebteste Charakter von Entwickler Telltale Games hat meiner Meinung nach eine bessere Behandlung verdient. Nichtsdestotrotz hat mir A New Frontier insgesamt gut gefallen, was nicht zuletzt an diesem furiosen Finale liegt!

Wertung: 8

Fazit
The Walking Dead: A New Frontier unterhält stets mindestens auf einem guten Niveau. Die neuen Charaktere sind überwiegend interessant und das Wiedersehen mit Clementine machen viel Spaß!
Toll
  • interessante neue Figuren und Konflikte
  • eine taffe Clementine
  • verbesserte Optik
  • Verhältnis zu Clementine
Naja
  • Story aus Staffel 2 mit wenig Konsequenz
  • Episode II: weniger frische Ideen als in Episode I
8
Sehr gut
Verfasst von
Action-Spiele und Shooter aller Art sind Roberts Fachgebiet. Zwischendurch darf es aber auch gerne ein Spiel mit spannender Story und dichter Atmosphäre sein. Wenn er nicht gerade auf Xbox Live unterwegs ist, verfasst er bestimmt Artikel und News für Gaming-Universe.

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1 Kommentar auf "The Walking Dead: A New Frontier Test"

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Valet
Editor

Muss ich irgendwann nachholen. Hab bisher nur die allererste „Staffel“ gespielt.

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