Kritiken

Valkyria Chronicles Remastered – Europa Edition im Test

Nicht ganz acht Jahre ist es her, dass Valkyria Chronicles für die PlayStation 3 erschienen ist. Schon damals hat das Action-Strategie-Rollenspiel mächtig abgesahnt und beinahe die Gaming-Universe.de-Höchstwertung kassiert. Auch in der Remaster-Variante für PlayStation 4 macht der Sega-Titel eine blendende Figur und zeigt just im Erscheinungsmonat des neuen Fire Emblem für Nintendo 3DS, wie eine NextGen-Evolution dessen aussehen könnte, auch oder vor allem in spielerischer Hinsicht. Lesern, die sich einen allumfassenden Überblick verschaffen wollen, seien an dieser Stelle auf den Test der PS3-Version verwiesen. Der nachfolgende Test zum PS4-Remaster soll vor allem darauf eingehen, warum Valkyria Chronicles auch heute noch taufrisch und spielerisch hoch motivierend ist.

Das Setting könnte klassischer nicht sein: Zwei Großmächte befinden sich im Krieg um eine wertvolle, seltene Ressource. Inmitten der von Regierungsparteien geführten politischen Rängeleien führen die Helden als Teil einer Miliz ein sehr reales Dasein im Spiel um Leben und Tod. Naturfreund Welkin führt als Kommandant von Squad 7 im deutschnamigen Panzer „Edelweiß“ eine wahre Fülle von liebevoll ausgearbeiteten Charakteren ins Schlachtfeld. Dabei wird bald klar, dass Shocktrooper, Scouts und Panzer nicht die einzige Gefahr darstellen: Auch die titel-gebende Walküre tritt alsbald auf den Plan und erzielt mit ihren geradezu magischen Kräften eine heftigen Schlag gegen die allgemeine Moral der Heldentruppe. Glücklicherweise steht Strategie im Vordergrund des Spiels, und so lassen sich, egal in welcher Lage sich Welkin und Co. auch befinden mögen, stets Mittel und Wege finden, die den erfolgreichen Ausgang einer Mission ermöglichen. Das klappt vielleicht erst beim mehrmaligen Versuch derselben Mission, aber so stellt sich nun einmal der Vorteil eines Videospiels dar: Wir haben unbegrenzte Leben – doch haben wir auch genügend Nerven?

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David gegen Goliath
Als großer Fire Emblem-Fan führt kein Weg daran vorbei, einen kleinen Vergleich anzustellen. Die Strategie-Rollenspiel-Serie von IntelligentSystem aus dem Hause Nintendo liefern seit jeher hochwertige Software. Bei all der Qualität muss aber auch soviel Fairness gewahrt bleiben, dass man sich nie so richtig um die Weiterentwicklung des bekannten Gameplays gekümmert hat. Detailänderungen bietet jeder Teil, doch stets schiebt man Einheiten Runde um Runde auf einem flachen Koordinatengitter herum, kontrolliert immer wieder die Reichweite der Einheiten des Gegners, vergleicht Statuswerte, und bestätigt schließlich die gewählte Aktion. Das ist okay, könnte jedoch einen gewaltigen frischen Anstrich vertragen. Und da kommt Valkyria Chronicles ins Spiel.

Man nehme Fire Emblem, transportiere es von 2D nach 3D, und ersetze das Mittelalter-Setting mit einem fiktionalen europäischen Kriegsszenario mit mehr oder weniger modernen Waffen. Einige Unterschiede hier und da, doch der Hauptumstand bleibt bestehen: Valkyria Chronicles fühlt sich an wie logische Evolution der beliebten Nintendo-Franchise – und versprüht auch genauso viel Charme und Wertigkeit wie die Titel der großen Konkurrenz. Tatsächlich gilt auch hier einer derselben Kritikpunkte: Es gibt so viele hervorragend designte Soldaten, die man gerne mit dabei haben möchte, tatsächlich ins eigene Squad aufnehmen kann man nur einen geringen Teil davon. Dabei sind die hochwertigen Anime-Figuren jede einzelne so entworfen, als könnte sie Teil der Heldentruppe sein, keiner macht den Eindruck eines lieblos erstellten Statisten. Da ist natürlich außerdem schade, dass von den unzähligen Charakterköpfen nur eine Handvoll auch Relevanz in Cutscenes und Dialogen besitzt. Nicht einmal untereinander kommunizieren die Figuren und verschenken auf diese Weise alles an Potential, das die grandiosen Artworks aufbauen. Allein, es bleibt der Vorstellungskraft des Spielers überlassen, sich seine Favoriten herauszusuchen und selbst ein bisschen Story innerhalb der Missionen entstehen zu lassen. Da jeder Charakter eine Hintergrundgeschichte hat, die in einer Ingame-Übersicht nachgelesen werden kann, zudem alle Figuren über spezielle Eigenschaften verfügen, ergibt sich auch ohne distinkte Dialoge ein gewisses Bild.

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Aspekt #1: Optionsvielfalt
Das rundenbasierte Gameplay während der Missionen schlägt seine größte Motivation aus der Mischung von Action und Option. Beinahe jede Mission erlaubt die freie Zusammensetzung des aktiven Teams. Ob man bestimmte Soldatentypen überhaupt mit in den Kampf nimmt, bleibt dem Spieler überlassen, ja sogar viele Soldaten. So gibt es durchaus Missionen, in denen man sich irgendwann im ersten Versuch fragt, weshalb man überhaupt soviele Einheiten dabei hat, verbraucht doch nur unnötig Command Points (kurz: CP), alle mitziehen zu müssen. Und tatsächlich kann eine kleine, schnelle Truppe vorteilhafter sein als das Ausnutzen der gesamten zu Verfügung stehenden Kapazitäten. Das muss aber auch nicht der Fall sein. Die allermeisten Mission lassen dem Spieler die Wahl, wie das weitere Vorgehen anzupacken ist. Vorsichtig den gesamten Trupp Schritt für Schritt vorrücken lassen? Den Panzer Edelweiß gandenlos nach vorn schicken und die begrenzten CP für dessen Aktionen verbrauchen? Oder einen Lancer in den Rücken eines gegnerischen Panzers lotsen, um die feindliche Maschinerie mit einem einzigen Schuss auf den Radiator, die Schwachstelle eines jeden Panzers, in die Luft fliegen lassen? Vielleicht aber auch lieber einen Gewaltlauf eines schlecht gepanzerten Scouts versuchen, der jedoch mit viel Geschick und einer Portion Glück allein bis zum gegnerischen Lager sprintet, die ein bis zwei wachhabenden Feindsoldaten ausschaltet und durch Besetzen der gegnerischen Basis die Mission erfolgreich beendet? Und dann gibt es da auch noch Sniper und Ingenieure, Flammenwerfer und Granatwerfer, und, und, und. Die Wahl der Taktik ist umfangreich. Zugleich, und das trägt zum Charme des Spiels bei, sind alle verfügbaren Gameplay-Elemente übersichtlich und einfach verständlich umgesetzt, sodass man sich nicht in einem Dschungel aus Ausrüstungsgegenständen und Statuswerten verliert.

Aspekt #2: Action!
Eine Vielfalt an Optionen allein ist allerdings nur die halbe Miete. Valkyria Chronicles geht noch einen Schritt weiter und verpackt den Strategie-Rollenspiel-Mix in ein Action-Gewand, das Nintendo 3DS-Besitzer aus Codename: S.T.E.A.M. bereits kennen. In jeder Runde hat der Spieler eine bestimmte Anzahl an CP zur Verfügung. Wird auf der Übersichtskarte eine Einheit ausgewählt, wird ein CP verbraucht. Binnen der CP-Runde des jeweiligen Charakters kann dieser eine bestimmte Strecke laufen, einmalig einen Ausrüstungsgegenstand einsetzen, und sich beliebig in der dreidimensionalen Karte umsehen. Anders als etwa bei Fire Emblem kann man nun bei Gefallen alle CP in ein und dieselbe Einheit investieren. Das heißt, dass womöglich ein Sniper zehn mal hintereinander schießen kann – könnte, wenn ihm nicht maximal drei Schuss im Magazin bereit stünden. Auch Handgranaten sind auf ein Exemplar pro Runde beschränkt. Zwar regeneriert sich Munition automatisch in jeder Runde, während einer laufenden Runde jedoch besteht ein Limit an entsprechenden Ressourcen. Feuerwaffen hingegen besitzen kein Munitionslimit. Dafür veringert sich pro CP-Verbrauch durch dieselbe Einheit deren Laufweg, sodass es sich schwierig darstellt, mit einer einzigen Einheit das Feld aufzuräumen. Da der eigene Panzer sogar zwei CP auf einmal pro Aktion aufbraucht, will weise gewählt sein, was man mit wem tut. Und stets möglichst so, dass in der gegnerischen Runde nicht die eigenen Reihen gelichtet werden. Glücklicherweise gestaltet sich der Permadeath in Valkyria Chronicles etwas gnädiger als bei der Konkurrenz: Verliert eine Einheit alle Lebenspunkte, bleibt sie drei Runden lang liegen und kann durch bloßen Kontakt mit ein anderen Einheit vom Sanitäter abgeholt werden. Besteht auch nach drei Runden noch kein Kontakt oder aber berührt eine feindliche Einheit den eigenen Charaker, weitet sich dessen Tod auf alle Ewigkeit aus.

So sympathisch sich das Spiel auch präsentiert, so frustrierend kann die fehlende Fast Forward-Option sein, wenn man Missionen mehrmals wiederholen muss. Jedesmal darf man sich dann die gegnerischen Aktionen begucken, die oftmals nur aus aus einem „Shuffle, Shuffle“, das auf der Übersichtskarte angezeigt wird, bestehen. Dann sitzt man zwei, drei Minuten vorm Fernseher, legt den Controller beiseite und guckt ungeduldigt auf die Uhr. Grundsätzlich sollte man sich für die meisten Missionen wenigstens 45 Minuten an Zeit freimachen, wenn man eine Mission komplett spielen möchte. Zwar lässt sich jederzeit speichern, doch gerade in einem Strategiespiel, das von Aktion-zu-Aktion-Gameplay lebt, möchte man ungern rausgebracht werden. Und dann ist da nichts mit einem schnellen Spielchen zwischendurch.

Im Auftrag guter Unterhaltung aka Mathe war noch nie cool
Gleichermaßen positiv wie negativ, je nach Auslegungssache, ist die dezent verschleierte Auswirkung der einzelnen Aktion im Detail. Wer ganz genau aufpasst, dem werden besimmte Indikatoren auffallen, alle anderen werden im Verlauf des Spiels ein gewisses Gefühl dafür entwickeln, wann ein Schuss einer bestimmten Einheit aus einer bestimmten Position heraus welchen Effekt hat. Leider ist der Glücksfaktor gerade in den ersten paar Missionen noch unschön hoch angesetzt, sodass man mit verzerrten Mundwinkeln mitansehen muss, wie die eigenen Lancer Schuss um Schuss am feindlichen Panzer vorbeischicken, wie die eigenen Sniper in die Wand hinter ihrem Ziel aus Fleisch und Blut treffen, und wie sich der Feind im letzten Moment auf den Boden wirft und die eigene Einheit schicksalsergeben in die Luft ballert. Alles das wird besser, wenn man neue Waffen freischaltet und die einzelnen Einheiten-Gattung mittels Erfahrungspunkten hochlevelt. Und schreit man in Kapitel Vier noch Zeter und Mordio, hat man in Kapitel 12 das Gefühl, einzig und allein seinen Sniper zu benötigen, so zielsicher ist die ehemals glücklose Einheit dann.
Die fehlende Sichtbarkeit von Statuswerten und Sichtkegeln während der laufenden Mission mag berechnenden Spielern ein Dorn im Auge sein, dem Spiel selbst verhilft es zu mehr Dynamik, Spannung und Mittendringefühl. Stehe ich wirklich richtig? Treffe ich oft genug, um eine Konterattacke ausschließen zu können? Hab´ich noch genug Lebenspunkte, um einen weiteren Angriff starten zu können? Das eingängige, wertige Spielgefühl lässt die persönliche Einschätzung der jeweiligen Situation mit fortschreitendem Verlauf immer akkurater werden, und das ohne jedes Zahlenjonglieren.

Valkyria Chronicles Remastered für PlayStation 4 fühlt sich auch im Jahre 2016 erfreulich frisch und unverbraucht an. Wo die Konkurrenz noch in der zweiten Dimension festhängt, hat man erfolgreich die dritte Dimension des Strategie-Genres erfochten und glänzt mit Qualität und Feinschliff. Die entscheidenden Features der PS4-Version sind 1080p-Auflösung bei durchgehend flüssigen 60 Frames pro Sekunde. Obwohl es sich um ein PS3-Spiel handelt, verbirgt der grundsympathische Anime-Stil etwaige technische Schlichtheit. Zusätzlich zur Performance-Aufwertung ist auch jeglicher Download Content des Originalspiels im Remaster vorhanden. Die Hauptkampagne wird die meisten Spieler um die 25 Stunden begeistern können, dazu gesellen sich Skirmish-Missionen und spezielle Herausforderungs-Unterfangen, die zusätzlich Motivation bieten, ebensowie wie das NewGame+ und höhere Schwierigkeitsgrade. Valkyria Chronicles ist kein perfektes Spiel und kann beizeiten verdammt frustrierend sein. Wenn es jedoch mit seinen Stärken glänzt, dann strahlt es heller als jede Konkurrenz.

V
Wenig lässt das Herz von Redakteur Max höher schlagen, als opulente, ausladende 3D-Welten mit hohem Interaktionsgrad, damit er sich so richtig in andere Welten versetzt fühlt. Konträr dazu zeigt sich sein aufgeschlossenes Gemüt, wenn er sich verrückten Japano-Titeln widmet, in denen die Grenzen zwischen Katzen und Mädchen schon mal verschwimmen.