Kritiken

Virtue’s Last Reward im Test

Two Milkmen Go Comedy.
Wisst ihr, was Anagramme sind? Wenn man die Buchstaben eines Wortes oder Satzes soweit vertauscht, dass am Ende etwas, im Idealfall mehr oder weniger sinnvolles, ergibt. Oftmals wird so eine Buchstabensuppe als Verschlüsselungstechnik genutzt, gerne auch mal in dem ein oder anderen Adventure. Und wenn man oben genannten Satz mit blutroter Farbe an eine Wand geschmiert entdeckt, fragt man sich wahrscheinlich, was der Unsinn überhaupt soll. Aber wenn man eh schon von einem Hasen mit Blümchenmuster bedroht wird, sollte einen nichts mehr überraschen – das muss zumindest Sigma in Virtue’s Last Reward erfahren. Und Virtue’s Last Reward ist ein wahrer König unter den Adventures.
In diesem Sinne – Welcome to my Kingdom!

Von Hasen, Katzen und tödlichen Spielen
Sigma Klim ist, wie könnte es auch anders sein, eigentlich ein ganz normaler Student. Das einzig wirklich herausragende an dem 22-jährigen, ist sein hervorragendes Gedächtnis, das ihm erlaubt sich ellenlange Passwörter oder Zahlenkombinationen einzuprägen, die er lediglich einen kurzen Augenblick lang gesehen hat. Ansonsten hat der junge Mann ein extremes Faible für Frauen in Badeanzügen und verfällt automatisch in Katzen-orientierte Wortspiele, wenn das Gesprächsthema auf Miezen fällt, meow. Als er dann jedenfalls nach getaner College-Arbeit am Weihnachtsabend 2028 zu seinem Auto schlendert, will dieses partout nicht anspringen und auf einmal füllt sich das ganze Fahrzeug mit einem seltsamen, weißen Rauch. Eine mysteriöse Person mit einer Gasmaske, die hinter seinem Wagen steht, ist das Letzte, was er sieht…

screen_virtues-last-reward_04… bis er schließlich in einem kleinen Raum aufwacht. Panisch blickt er sich um, hat keine Ahnung, wo er sich befindet und wie er dorthin geraten ist. Und dann ist da noch dieses mysteriöse, wortkarge Mädchen namens Phi, das woher auch immer seinen Namen kennt. Auch bemerkt er, dass alle beide ein seltsames Armband mit der Ziffer 3 und der roten Aufschrift „Pair“ tragen, welches so fest an ihren Handgelenken befestigt wurde, dass es sich einfach nicht lösen will. Dann taucht auf einem kleinen Bildschirm plötzlich ein Hase auf, der sich als Zero III vorstellt und alle Mitspieler im Nonary Game: Ambidex Edition willkommen heißt. Außerdem weist er die beiden an, dass sie sich beeilen sollten aus dem Raum zu kommen, denn der Aufzug, in dem sie sich befinden, wird alsbald in die Tiefe stürzen und auf dem Grund zerschellen. Nach einigem Rätselraten geht es weiter in eine große Halle und die beiden entdecken, dass sie nicht alleine sind. Sieben weitere Charaktere tummeln sich im Raum und mustern die beiden Neuankömmlinge neugierig. Wieder erscheint Zero III, diesmal auf einer großen Leinwand, und verkündet, jetzt, da sie endlich vollzählig sind, die genaueren Regeln des perfiden Spiels. Nur wer es schafft insgesamt 9 oder mehr Punkte zu ergattern erhält eine einmalige Gelegenheit zu fliehen. Der einzige Ausweg nach draußen, ein großes Tor mit der 9 als Aufschrift, öffnet sich nämlich nur ein Mal und dann niemals wieder. Fällt die Anzeige des Armbands auf null oder wird negativ, so hat es sich ein für alle Mal ausgespielt – der Armbandträger bekommt eine tödliche Injektion verpasst und stirbt. Die notwendigen Punkte müssen dabei in dem sogenannten Ambidex-Spiel gesammelt werden. Obendrein verrät das Häschen noch, dass es selbst nichts weiter als eine künstliche Intelligenz ist. Sein Schöpfer, der wahre Zero, befindet sich gemäß seiner Aussage unter den neun Gefangenen. Ein weiterer Grund Vorsicht walten zu lassen und lieber niemandem zu vertrauen. Oder?

Vertrauen? Oder Verrat?
Ganz so einfach gestaltet sich das ganze dann leider doch nicht – ohne den Gleichgesinnten zu vertrauen, kommt man nicht wirklich weit, nur gemeinsam kann man es schaffen aus dieser Hölle zu entkommen. In Dreierteams, die durch die Farben auf ihren Armbändern festgelegt wurden, müssen die Nonary Game-Spieler verschiedenste Räume erkunden und dabei mal mehr und mal weniger komplexe Rätsel lösen. Erst wenn sie die passenden Schlüsselkarten für die Ambidex-Räume gefunden haben, geht das Ganze in die nächste Runde. Doch wie soll man in so einer Situation Vertrauen zu Menschen aufbauen, die einem selbst vollkommen fremd sind? Noch dazu verhalten sich ein paar davon wirklich ziemlich seltsam. Kennen sich der kleine Junge und der alte Mann etwa? Was haben die beiden sehr freizügig gekleideten Damen miteinander zu tun? Und was hat es mit K auf sich, einem Mann der in einer Rüstung eingeschlossen zu sein scheint und darauf beharrt keinerlei Erinnerung zu haben? Jeder der Charaktere scheint irgendetwas zu verbergen und doch wirkt jeder auf seine Art und Weise sympathisch. Ob man ihnen jedoch vertrauen kann, ist eine ganz andere Sache. Besonders, wenn es dabei um Leben und Tod geht.

screen_virtues-last-reward_06Mit den gefunden Schlüsselkarten geht es dann in die nächste Runde, zum Ambidex-Spiel. Das „Spiel“-Prinzip ist dabei höchst simpel, man muss einfach nur wählen, ob man seinem Gegenspieler vertrauen oder ihn betrügen will. Entscheiden sich beide dafür, dass man sich verbündet, so erhält jeder zwei Punkte. Betrügt man sein Gegenüber, obwohl dieser einem selbst vertraut, so erhält man satte drei Punkte – dem Anderen werden jedoch zwei abgezogen. Sind sich beide Parteien allerdings suspekt und versuchen den anderen heimtückisch in den Rücken zu fallen, so ändert sich am Punktestand rein gar nichts. Sich dabei abzusprechen ist ebenso nicht ganz so einfach – denn man kann sich zwar noch bevor man sich in einen der Abstimmungsräume begibt auf eine bestimmte Wahl einigen, doch inwieweit man seinem Kontrahenten trauen kann, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt. Die eigentliche Abstimmung findet dabei hinter verschlossenen Türen statt, für was sich also die andere Partei entscheidet, kann man nie mit absoluter Gewissheit im Vorfeld sagen. Das Spiel beruht dabei auf dem Gefangenendilemma, einer berühmten Problemstellung aus der Spieltheorie. Nach der Wahl werden die Ergebnisse sofort auf einer Leinwand veröffentlicht. Eskalationen bleiben dabei natürlich auch nicht aus. Mit den ersten Betrügereien schwindet das Vertrauen untereinander und Enttäuschung und Wut machen sich unter den Charakteren breit. Das teuflische Spiel gewährt dabei keine lange Pause. Neue Karten müssen gesucht werden, um die Räume ein weiteres Mal zu öffnen, die die einzige Möglichkeit darstellen die Punktzahl zu erhöhen. Ein weiterer Rätselraum steht bevor.

Story als Gameplay
Nun wird sich der ein oder andere vielleicht fragen, warum ich denn soviel über die eigentliche Hintergrundgeschichte erzähle und dabei kaum auf das Gameplay selbst eingehe. Die Antwort ist einfach – denn in Virtue’s Last Reward ist die Story gewissermaßen selbst das Gameplay. Die meiste Zeit drückt man Textzeile um Textzeile weiter und saugt dabei gespannt jedes einzelne Wort auf, denn die Geschichte, die hinter dem Visual Novel steckt ist so unfassbar fesselnd, dass man es kaum auf die Seite legen möchte. Bis man das erste Mal die Credits über den Bildschirm laufen sieht, oder aber das allererste Game Over ein falsches Vorgehen abstraft, vergehen dabei nur wenige Stunden und man bleibt mit einigen Fragezeichen über dem Kopf zurück. Wirklich durchgespielt hat man es allerdings sowieso erst, wenn man wirklich jedes Ende gesehen hat und sich dann schließlich zur endgültigen Auflösung des Plots durchgearbeitet hat. Bis man das geschafft hat, vergehen auch locker 35 bis 40 Stunden, von denen jede einzelne Sekunde den Spieler in ihren Bann zieht und die Zeit wie im Fluge vorbeiziehen lässt. Von jenen Enden gibt es im Übrigen ganze 22 Stück, wobei 11 davon schlechte Enden, also Game Overs darstellen – jede Menge zu entdecken also. Musste man dabei im Vorgänger 999: 9 Hours, 9 Persons, 9 Doors noch jedes Mal ein neues Spiel beginnen, wenn man einen anderen Story-Zweig einschlagen wollte, so wurde dieses Mal ein Baumdiagramm eingeführt, über das man jederzeit ganz komfortabel zu der gewünschten Stelle im Spielverlauf, sei es nun eine Novel-Passage, Ambidex-Wahl oder ein Rätselraum, springen kann. Texte, die man schon gelesen hat, lassen sich dabei ganz einfach per Vorspuloption überspringen. Sehr seltsam ist dabei, dass sich manche Stellen, in denen sich die Charaktere als Punkt auf der Übersichtskarte fortbewegen, beschleunigen lassen, manche bereits gesehene allerdings nicht.

screen_virtues-last-reward_08Virtue’s Last Reward beruht auf der Viel-Welten-Theorie, das bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass unendlich viele Parallelwelten existieren, die sich, je nachdem welche Entscheidungen man trifft, vollkommen unterscheiden und unterschiedliche Konsequenzen mit sich bringen. Das Besondere hierbei ist allerdings, dass man die Informationen, die man in einem Story-Strang – wie etwa ein bestimmtes Passwort – erhält auch in einem anderen, in einer anderen Zeitlinie genutzt werden können, dazu muss man manchmal wie ein Grashüpfer zwischen den einzelnen Fäden hin und her springen. Hat man also an manchen Stellen noch nicht die notwendigen Informationen zur Hand, so wird man mit einem „to be continued“ abgespeist.

Lass uns ein Spiel spielen lesen
Wie bereits erwähnt gibt es im Spiel insgesamt 16 verschiedene Rätselräume zu erkunden. Hierbei wechselt der Titel vom Novel- direkt in den Rätsel-Modus. Die Aufgabe ist hierbei stets dieselbe: Einfach wieder aus dem Raum entkommen. Der dazu notwendige Schlüssel liegt in einem Tresor versteckt, doch dieser will erst einmal geknackt werden. In klassischer Point and Click-Manier sucht man nach Hinweisen und muss diverse Puzzles absolvieren. Dabei warten sowohl Schiebe-, Logik- als auch Rechenrätsel auf euch. So müsst ihr zum Beispiel die richtigen Cocktails mischen oder Billardkugeln in der richtigen Reihenfolge in die vorgesehenen Löcher schubsen. Gefundene Objekte lassen sich im Inventar mit einem Klick auf „examine“ noch einmal genauer untersuchen und manche kann man sogar mit anderen Objekten kombinieren, um so beispielsweise die Teile eines Globus oder andere Hilfsmittel wieder zusammenzusetzen. Praktisch ist hierbei, dass man sich gefundene Rätselhinweise auf dem oberen Bildschirm einblenden lassen kann, während man sich selbst auf dem Touchscreen der Kopfnuss annimmt. Ebenso kann man per Memo auch stets eigene Notizen erstellen. Kommt man dennoch einmal nicht auf die richtige Lösung, so kann man jederzeit den Schwierigkeitsgrad für den aktuellen Raum auf leicht stellen. Nach den ersten Fehlversuchen geben die anderen Charaktere die Sigma begleiten zunächst ein paar Tipps, dann kommt der Wink mit dem Zaunpfahl, bis sie, nachdem man einige Male gescheitert ist, die Lösung schon fast direkt zuflüstern. Nebst dem eigenen Passwort, das man zur Flucht aus dem Raum benötigt, gibt es aber noch ein zweites zu finden, das den Tresor ebenfalls zu öffnen vermag. Darin verbirgt sich dann je nach Schwierigkeitsgrad entweder eine silberne oder goldene Akte, die zusätzliche Hintergrundinformationen zum Geschehen liefert. Die beiden benötigen Tresor-Passwörter werden im Übrigen bei jedem Spielstart automatisch neu generiert. Einfach die Kombination in den Weiten des Internets nachzuschlagen funktioniert also nicht. Zero mag nämlich keine Cheater!

screen_virtues-last-reward_05Da es sich bei Virtue’s Last Reward um ein Visual Novel handelt, muss man selbstverständlich jede Menge lesen. Schade ist hierbei, dass man sich nicht die Mühe gemacht hat, dem Spiel deutsche Texte zu spendieren. Auch die sehr gelungene Sprachausgabe trägt zur Atmosphäre bei, ist allerdings komplett auf Japanisch. Das ist vor allem vor dem Hintergrund schade, dass die US-Version durchaus über eine englische Sprachausgabe verfügt, der europäische Publisher Rising Star Games das Spiel jedoch auf Basis der japanischen Version lokalisierte. Optisch ist das Spiel auf mittlerem 3DS-Niveau, wobei die visuelle Gestaltung aufgrund der fesselnden Geschichte und den tollen Rätseln sowieso schnell in Vergessenheit gerät. Ärgerlich ist einzig und allein der ziemlich fiese Speicherbug, der sich in der 3DS-Version eingeschlichen hat. Speichert man nämlich innerhalb eines Rätselraumes seinen Spielstand ab, so läuft man Gefahr, dass dieser nutzlos wird. Wir empfehlen daher von vornherein lieber nur in den Novel-Passagen seinen Fortschritt zu sichern. Ein weiterer Unterschied zwischen 3DS- und Vita-Version neben den Funktionen des Bildschirm ist dabei die Einschränkung auf einen einzigen Speicherslot – die Vita bietet deren drei.

Wow. Einfach nur wow. Virtue’s Last Reward bietet eine der am meisten beeindruckenden und komplexesten Spielgeschichten, die es jemals auf den deutschen Markt geschafft haben. Je nach Spielweise entwickeln die Charaktere immer mehr interessante Facetten und die Geschichte wird faszinierender und fesselt nur noch mehr, dass man nicht ruhen kann, bis man jede Kleinigkeit über die Geschehnisse herausgefunden hat. In seinem Bereich, im Storytelling, ist der Titel ein echter Meilenstein, ein Erlebnis, wie man es nur alle Jubeljahre erlebt, bei dem technische Fesseln irrelevant werden und wir deshalb keine Bewertungen in diesen Einzelbereichen abgeben wollen. Zu schade, dass das Gesamtbild durch ein paar Kleinigkeiten getrübt wird, wie etwa der doch ziemlich lästige Speicherbug. An dieser Stelle kann nur eine klare Kaufempfehlung an all diejenigen, die der englischen Sprache mächtig sind und sich nicht von extremen Textlawinen abschrecken lassen, ausgesprochen werden. (Hinweis: Dieser Test wurde von unserer ehemaligen Redakteurin Barbara Bleier verfasst)