Zwischen Junghexe, South Park und Arte – Flavia Vinzens im GU-Interview

Was nur wären moderne Videospiele ohne engagierte Synchronsprecher, die den vielfältigen Figuren Leben einhauchen? Erst die Stimme sorgt dafür, dass die fiktionalen Helden realen Schauspielern in (fast) nichts nachstehen. Wir hatten einmal mehr die Gelegenheit, Einblick in die Arbeit eines solchen Stimmtalents zu erhalten, und durften Synchronsprecherin Flavia Vinzens im GU-Interview befragen. Viel Spaß!

Gaming-Universe: Vielen Dank, dass du dir die Zeit für unser Interview nimmst. Könntest du dich zu Beginn unseren Lesern vorstellen, wer du bist, was du tust, und woher man dich üblicherweise kennt?

Flavia Vinzens: Sehr gerne, nichts zu danken. Mein Name ist Flavia Vinzens und ich bin 28 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen bin ich in der Schweiz. Meine Eltern kommen aus dem Teil der Schweiz, in dem Rätoromanisch gesprochen wird, wo ich auch geboren wurde. Daher ist meine erste Muttersprache auch Rätoromanisch. Aufgewachsen bin ich aber in der deutschsprachigen Schweiz und so wurde Schweizerdeutsch meine zweite Muttersprache. Nach dem Abi habe ich in Zürich begonnen, Schauspiel zu studieren. Nach zwei Semestern bin ich nach Hamburg gezogen, um dort das Schauspielstudium abzuschließen. Ich war da 22 Jahre alt und habe knapp fünf Jahre in Hamburg gelebt. Seit Februar 2017 wohne ich jetzt in Berlin.

GU: Wie bist du zum Synchronsprechen gekommen? War das von Anfang der Plan oder hat es sich aus deiner Schauspielausbildung heraus ergeben? Wie schätzt du die Chancen für Quereinsteiger ein?

FV: Die meisten Synchronsprecher sind entweder Schauspieler und/oder sind als Kind irgendwie ins Synchronsprechen reingekommen; dies oft deshalb, weil die Eltern Sprecher sind. Ich bin den Weg über die Schauspielschule gegangen. Synchronsprechen war nicht mein ursprünglicher Plan, nein. Mein Traum war eigentlich immer die Bühne. Während und nach der Ausbildung kam dann aber die große Ernüchterung. Engagements an einem Theater blieben mehr oder weniger aus und ich habe mich hauptsächlich mit Nebenjobs durchgeschlagen. Irgendwann habe ich mich spontan dazu entschieden, einen Sprecher-Workshop (bei Toneworx in Hamburg) zu besuchen. Dieser Bereich hat mich immer schon interessiert, weil ich immer wieder auf meine eher tiefe und rauchige Stimme angesprochen wurde. Ich war sofort «Feuer und Flamme». Die Arbeit am Mikro hat mir so unglaublich viel Spaß gemacht und ich wusste sofort, dass ich das regelmäßig machen will. Die Chancen für Quereinsteiger sind meiner Erfahrung nach sehr hart. Regisseure und Aufnahmeleiter legen viel Wert darauf, dass man Schauspieler ist. Und auch dann ist dir eine Karriere als Sprecher nicht sicher. Eine schöne Stimme alleine reicht nicht. Man muss in der Lage sein, synchron zu sein, Text innerhalb von Sekunden auswendig zu lernen und dabei natürlich das Spielen nicht zu vergessen.

GU: In deinem Vorstellungsvideo auf Schauspielervideos.de machst du sehr deutlich, dass du (schau-)spielen willst, gesehen werden willst. Hast du eine Lieblingsarbeit, wenn du mal Fernsehauftritte, Theaterrollen und Sprecherrollen vergleichst?

FV: Dieses Video ist schon etwas älter und war damals als Vorstellungsvideo für Regisseure und Caster in der Filmbranche gedacht. Ich habe festgestellt, dass ich gar nicht so eine Rampensau bin. Mich erfüllt die Arbeit hinter dem Mikro vollkommen und ich liebe es, mit Sprache und Stimme zu arbeiten. Aber wer weiß, vielleicht zieht es mich ja irgendwann mal wieder auf die Bühne.

GU: Du hattest bereits einige Zusammenarbeiten mit Netflix /Studio Hamburg. Haben die dich direkt kontaktiert, um als Sucy Manbavaran zu sprechen oder wie kamst du zur Rolle der stillen, aber hinterhältigen Hexe in Little Witch Academia?

FV: Ich wurde von Studio Hamburg für die Rolle vorgeschlagen und bin dann ganz normal zum Casting. Da habe ich dann auch das erste Mal Douglas Welbat (den Regisseur) kennen gelernt. Er hat mich zwei oder drei Takes sprechen lassen und dann sehr schnell und spontan entschieden, dass ich die passende Sprecherin für Sucy bin.

GU: Als großer Fan des japanischen Originals darf ich sagen: Mit dir hat man die perfekte Wahl für Sucy getroffen. Die dunkle Stimme trifft den Ton des Originals genau. Mich würde interessieren, wie du selbst diesen schrulligen Anime-Charakter empfunden hast. Hat es Spaß gemacht, war es eher anstrengend?

FV: Es hat total viel Spaß gemacht und wir haben bei der Produktion auch wirklich viel gelacht. Die Charaktere und Situationen sind auch manchmal einfach komplett absurd. Ich mag Sucy sehr und habe sie gerne gesprochen. Grade weil sie sich so sehr von den anderen unterscheidet. Auch wenn es manchmal schwierig war, den «richtigen Ton» zu treffen. Egal was kommt, sie bleibt immer total cool. Man könnte fast schon sagen, sie ist dauer-high. Bei dieser Coolness trotzdem Emotionen rüber zu bringen, war manchmal gar nicht so einfach. Aber Regisseur Douglas gab immer hilfreiche Regieanweisungen, so dass wir alle mit dem Ergebnis zufrieden sein dürfen – denke ich mir.

GU: Wie darf man sich die Studioarbeit mit Netflix/Studio Hamburg vorstellen, gerade bei einer Anime-Vertonung? Gab es strenge Vorgaben, wie du sprechen solltest oder hat man dich einfach losplappern lassen? Hast du dich auf die Sprechrolle mithilfe des japanischen Originals vorbereitet?

FV: Ich habe mich ehrlich gesagt nicht vorbereitet. Beim Casting hat man ja schon so ein bisschen mitgekriegt, wie der Charakter drauf ist. Eine Anime-Produktion unterscheidet sich eigentlich nicht wirklich von einer anderen Produktion. Der Regisseur gibt dir üblicherweise vor Beginn der Aufnahmen ein paar Informationen zur Figur und zur Serie/zum Film etc.. Dann wird drauflos geplappert, sozusagen. Wenn der Regisseur damit zufrieden ist, dann wird das Ganze so weitergeführt. Deshalb gibt es ja auch wie gesagt vorher Castings.

GU: Die deutsche Version von Little Witch Academia ist leider nicht nur Sonnenschein, jedenfalls aus Sicht einiger Fans der Serie. Zwar werden die Sprecher beinahe durch die Bank weg gelobt, nur mit der Übersetzung hakt es an mancher Stelle. Gerade die deutsche Aussprache deines Charakters „Sucy“ fiel offenbar einer seltsamen Entscheidung zum Opfer: So wird anstelle von „Susi/Susy“ vielmehr „Sushi/Suschi“ gesagt, was sich auch für meine Ohren etwas „falsch“ anhört. Da die Namen in LWA mit Ausnahme von Heldin Akko generell europäisch angehaucht sind, sticht das „Sushi“ umso mehr heraus. Man muss für unsere Leser vielleicht anmerken, dass Japanisch eine Silbensprache ist, in der es die Silbe „si“ nicht gibt, sondern nur „shi“. Insofern wurde „Sucy“ im Original tatsächlich „Sushi“ gesprochen, in den meisten westlichen Lokalisationen aber angepasst. Meine Frage: Woher kam die deutsche Aussprache für Sucy? War das Regieanweisung? Haben sich die Sprecher zu sehr ans japanische Original gehalten? Und ist es dir selbst nicht auch ein wenig komisch vorgekommen, „Sushi“ zu sagen?

FV: Ich denke, das war eine Entscheidung der Regie und der Produktion. Als Sprecher hat man da wenig bis keine Mitsprache. Für mich war es gar nicht seltsam, da ich die Rolle von Beginn an als Sucy (Sushi) kennen gelernt habe.

GU: Für Februar 2018 ist Little Witch Academia: Chamber of Time für PlayStation 4 angekündigt. Wirst du dort wieder als Sucy sprechen? Auch in Mafia 3 und Fallout 4 hattest du Auftritte in Videospielen. Unterscheidet sich die Arbeit mit Videospielen im Vergleich zu Anime, und wenn ja, wie? Und als unbedingte Bonus-Frage: Ist das nicht manchmal peinlich, was man sagen muss? Oder lacht man da einfach auch viel im Aufnahmestudio, wenn man „Mein Häschenbäuchlein grummelt!“ sagen muss?

FV: Davon weiß ich ehrlich gesagt noch nichts (Anm. d. Red.: Der Termin des Spiels war bis vor kurzem noch unbekannt. Am 20. Februar ist es soweit). Ich hoffe aber natürlich, dass ich weiterhin Sucy sprechen darf. Die Arbeit an Videospielen unterscheidet sich zu der Arbeit des Synchronsprechens. Meistens hat man bei Videospielen kein Bild und muss keine «Lippe treffen», sprich synchron sein. In einigen Produktionen gibt es aber Zeitvorgaben, in denen der Take gesprochen werden muss. Dies nennt sich «Time restricted». Der Regisseur weist den Sprecher aber auch vor Beginn der Aufnahme in die Figur, den Kontext und die Situation ein. Ich liebe es, für Videospiele zu sprechen. Meistens sind die Charaktere und Situationen total absurd und man kann sich total freispielen. Ich mag es auch, Situationen nachzuspielen ohne dabei Worte zu benutzen. Für eine Produktion musste mein Charakter auf gefühlt hundert unterschiedliche Arten und Längen sterben. Das hat total Spaß gemacht. Aber klar, Schamgefühl sollte man da nicht haben. Für das Videospiel für South Park durfte ich auch mitsprechen. Jeder der South Park kennt, weiß wie politisch unkorrekt, frech und obszön diese Charaktere sind. Da gab es wirklich kein Tabu und wir haben uns weggeschmissen vor Lachen im Studio. Peinlich war das gar nicht.

GU: Wir haben dieselbe Frage in früheren Interviews Kollegen gestellt und wüssten auch gern von dir: Guckst du privat Filme- und TV-Serien lieber im Original oder mit deutscher Synchronisation? Und was sagst du zu notorischen Kritikern, die jede deutsche Synchro per se schlecht finden?

FV: Unterschiedlich. Klar bleibt in Komödien bei einer Synchronisation der Witz manchmal ein bisschen auf der Strecke. Wer die Originalsprache gut versteht, kann sich ja auch das Original ansehen. Wieso sich also beklagen? Es gibt so viele talentierte Sprecher in Deutschland, denen ich total gerne zuhöre und die ihren Job fantastisch machen. Leute müssen einfach begreifen, dass jeder Sprecher sein eigenes schauspielerisches Talent und Kreativität mit in die Rolle legt. Natürlich kann das dann vom Original abweichen. Auch der Synchronregisseur entscheidet mit, wie die Rolle angelegt wird. Das heißt aber nicht automatisch, dass es schlechter wird. Bei Trickstimmen spielt es sowieso keine Rolle, finde ich. Da ist die deutsche Fassung manchmal besser oder mindestens genau so gut wie das Original. Ich habe mir Madagascar z. B. nie auf Englisch angeguckt. Nicht weil ich es nicht verstehen würde. Ich finde die deutsche Synchronisation einfach klasse.

GU: Beinahe geschafft, doch die stets wichtigste Frage zum Schluss: Wo kann man dich aktuell sehen/hören und was ist für die Zukunft geplant? Und wie hält man sich als Fan am besten auf dem Laufenden?

FV: Hm… also am häufigsten hört man mich wahrscheinlich in den Werbeblöcken. Da spreche ich momentan einige Werbungen ;-). Vergangenen Herbst habe ich für Arte eine sehr schöne französische Serie eingesprochen, die es seit letztem September im Web zu sehen gibt. Die Serie heißt Loulou und ich durfte die Hauptrolle sprechen. Fürs Kino habe ich größere Rollen bei «Mein neues bestes Stück» und «Swan» gesprochen; das ist eine französische und eine isländische Produktion. Ansonsten hatte ich kleinere bis mittelgroße Rollen für ganz unterschiedliche Produktionen, Netflix, Kino, TV, Anime, Webserien… alles Mögliche.
Meine Vita für Videospiele wird immer größer. Leider vervollständige ich meine Vita im Internet nicht und auf synchronkartei.de wird leider auch nicht immer alles automatisch nachgetragen. Die größeren Produktionen werden aber meistens nach einer gewissen Zeit nachgeführt. Ich steh ja noch ziemlich am Anfang, bin aber zuversichtlich, dass noch einiges möglich wird. Also Ohren offen halten ;-).

Da drücken wir natürlich alle Daumen! Wir bedanken uns für die Mühe und das interessante Interview und wünschen dir alles Gute für deine weitere Zukunft, sei es als Schauspielerin oder Synchronsprecherin!

Wenig lässt das Herz von Redakteur Max höher schlagen, als opulente, ausladende 3D-Welten mit hohem Interaktionsgrad, damit er sich so richtig in andere Welten versetzt fühlt. Konträr dazu zeigt sich sein aufgeschlossenes Gemüt, wenn er sich verrückten Japano-Titeln widmet, in denen die Grenzen zwischen Katzen und Mädchen schon mal verschwimmen.

Deine Meinung?

5 0

Hinterlasse einen Kommentar

7 Kommentare auf "Zwischen Junghexe, South Park und Arte – Flavia Vinzens im GU-Interview"

Benachrichtige mich zu:
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Passwort vergessen

Bitte gib hier deinen Benutzernamen oder deine E-Mail-Adresse an. Du wirst einen Link per E-Mail erhalten, um ein neues Passwort zu erstellen.